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Wenn du nach Berlin fährst, vergiss die Kondome nicht. Eindrücke aus der Hauptstadt der schwulen Sexpartys

Von Christian Scheuß

"Du willst Berlin wegen der Sexpartys besuchen? Dann geh unbedingt ins Berghain!!!" Die Ausrufezeichen pieksen durch den Telefonhörer hindurch in mein Ohr, und das Rauschen der Leitung wird plötzlich überlagert von einem erotischen Knistern. Auch die Stimme meines Freundes, einem eingefleischten "Hier bin cik jeborn, hier werd ick sterm"-Berliner, bekommt plötzlich etwas Verruchtes. "Das ist die allerbeste Sexparty von allen, mein Geheimtipp!"

In Wirklichkeit ist der Geheimtipp gar keiner mehr und offiziell ist es auch gar keine Sexparty, sondern einfach nur eine überaus erfolgreiche Club-Location mit angesagten DJs, in der die Partys tief in der Nacht beginnen und gern mal am Nachmittag enden. Nur das hier halt zusätzlich bei 130 Beats per minute im Darkroom gevögelt werden kann. Das orgiastische Erleben aus Drums, Dödeln und Drogen ist allerdings so beeindruckend, dass selbst die Amsterdamer aus ihren traditionellen Leder- und Darkroom-Bars kriechen, sich sieben Stunden hinters Steuer klemmen, um dann einen Nervenzusammenbruch zu bekommen, wenn sie Türsteher Sven mal nicht rein lässt.

Selbst Berlin Tourismus wirbt mit Darkrooms

Mehr als 20 regelmäßig stattfindende Partys listen die schwulen Stadtmagazine in einer eigenen Rubrik. Hinzu kommen die Bars mit ihren Darkrooms, die Saunen und Kinos mit ihren Kabinen und die vielen privat organisierten Feten, die häufig über die gayromeo-Clubs vernetzt sind. Angeblich gibt es in keiner anderen Stadt der Welt mehr Sexpartys. Was allerdings nicht belegt ist. Auch in San Francisco, New York oder Bangkok geht in Sachen Sex ordentlich die Post ab. Mit dem Unterschied, das nicht alles offiziell als Sexparty gilt, wo mehr als drei Leute zusammenstehen und sich geil anschauen. Anyway, auffallend ist schon, dass die Hauptstädter hinkriegen, was man in Köln, Würselen und sonstwo in der Republik nicht schafft. Sogar das offizielle Tourismusmarketing benennt den Fun und Fuck-Faktor ganz deutlich beim Namen. O-Ton auf der Website von Berlin Tourismus: "Auch das Prinzknecht bietet mit seinem Darkroom und dem Biergarten viel Spaß und Action." Wie wahr.

Warum konzentriert sich so viel Masse und Klasse in Berlin? Sind die Frankfurter einfach zu beschäftigt mit Geldverdienen, die Münchner in CSU-Land zu klemmig, die Hamburger im coolen Norden zu prüde und die Kölner zu betrunken vom dauernden Schunkeln mit viel Kölsch? Daran, dass so viele Menschen im Dunstkreis der ehemals geteilten Stadt leben, kann es allein nicht liegen. Das Ruhrgebiet als bevölkerungsreichste Region Deutschlands müsste demnach eigentlich eine viel vitalere Sexszene besitzen. Hat sie aber nicht. Sexuelle Innovation ist hier offensichtlich nicht so angesagt. Stattdessen nimmt man in Essen lieber vom Second Hand-Markt die Love-Parade, die sich in Berlin längst verschlissen hat. Das Berghain hätte vielleicht eine Chance, in der Zeche Zollverein unterzukommen, sollte es irgendwann einmal in Friedrichshain nicht mehr so laufen.

Die Dark Angels haben viel zu tun

Das wilde Treiben, das manche als Antwort auf den Abbau der Klappen interpretieren, ist nicht nur positiv zu sehen. Die Aids-Präventionisten raufen sich mitunter die Schamhaare, wenn sie von diversen Partygängern hören, dass in manchen Darkrooms das Gummi – um es mal vorsichtig zu sagen - eher unbeliebt sei. Es gibt auch nirgends sonst so viele private Veranstaltungen, die sich explizit als Bareback-Partys anbiedern. Leider geht mit dem häufigen Drogen- und Alkoholkonsum oft auch ein Kontrollverlust einher. Manch einer geht plötzlich Risiken ein, die er sich mit nüchternem Kopf niemals gewagt hätte. Die Berliner Antwort auf das Vögeln bei ausgeschaltetem Verstand sind die "Dark Angels", eine Truppe von Ehrenamtlern, die sich in den Darkrooms und Fickkabinen zu erkennen geben als Männer, die selber Safer Sex bevorzugen und die bei Bedarf mit Info und Rat zur Seite stehen. Ein niedrigschwelliges Angebot, das - ähnlich wie Herzenslust in NRW - das Zeug dazu hat, als bundesweites Präventionsprojekt erfolgreich zu sein.

Nicht zu unterschätzen sind auch die diversen Gruppenzwänge. Wer sich zu alt, zu dick oder zu unattraktiv vorkommt, wird auf den Events von keinem Sozialarbeiter begleitet und aufgepäppelt. Suck it oder stirb! Das ist aber glücklicherweise nicht überall so. Eine der Ausnahmen ist beispielsweise der Verein Ajpnia, der mehrmals in der Woche in den Räumen eines ehemaligen Trödelladens in Schöneberg Sexpartys für alle veranstaltet. Egal ob sie 20 oder 80 sind, magersüchtig oder übergewichtig, muskulös oder pickelig.

In der anonymen Masse fickt es sich wohl einfacher

Aber noch mal zurück zur Frage, warum der Rest der Republik neidisch gen Osten blickt, statt das man in der eigenen Stadt Feten-fickt? Nun, die Metropole zieht halt einfach in allen Bereichen die kreativsten Köpfe an. Es ist ja auch kein Zufall, dass sich in Berlin die Künstler knubbeln, es eine Konzentration schwul-lesbischer Medien gibt und auch die Gay-Pornobranche am aktivsten ist. Allein schon die gefühlte Homodichte pro Quadratmeter ist in keiner anderen Stadt Deutschlands höher. Und all diese Männer suchen sich ihre Lustorte. Viel Nachfrage schafft da das Angebot.

Und das wiederum lockt zahlreiche Touristen an. Da braucht man sich nicht mehr die Mühe machen, und selber eine Party in Bad Salzuflen organisieren, auf der man möglicherweise auch noch auf Personen aus der Bekanntschaft trifft, die man nicht wirklich nackt in Aktion sehen möchte. In der anonymen Masse fickt es sich einfacher.

5. Oktober 2007



41 Kommentare

#1 SvenAnonym
  • 05.10.2007, 11:53h
  • Was ist das denn für ein beknackter Bericht?
    Die Anzahl von Sexparties ist doch keine Messlatte für Kreativität, Weltoffenheit oder sonstige in dem Bericht erwähnten Assoziationen.
    Sexparties sind einfach ein ausdruckt völliger Vereinzelung von Menschen, die nicht mehr in der Lage sind mit Menschen sozial zu interagieren und sich deshalb auf Sexparties rumtreiben, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen / befriedigt zu bekommen.
    "In der Masse fickt es sich einfacher" Sehr richtig, der einzelne verliert seine Individualität (und die ist gerade wichtig für Kreativität), man ist nicht unter Menschen, sondern in einer reinen Bedürfnisbefriedigungsanstalt.
    Wer sich diesem zu oft hingibt, oder es als einzigen Lebensinhalt ansieht, ist bereits vorloren und zwar nicht für die anderen, die benutzen ihn eh nur, sondern für sich selbst!
    Diese Menschen leben sich nicht einfach aus, sie verlieren den Kontakt zu ihrem Geist und ihrem Körper.
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#2 VielenDankAnonym
  • 05.10.2007, 13:28h
  • "Warum konzentriert sich so viel Masse und Klasse in Berlin? Sind die Frankfurter einfach zu beschäftigt mit Geldverdienen, die Münchner in CSU-Land zu klemmig, die Hamburger im coolen Norden zu prüde und die Kölner zu betrunken vom dauernden Schunkeln mit viel Kölsch?"

    Dass die Lebensqualität einer Stadt anhand der Anzahl der Sexpartys festgestellt werden soll ist, sofern es nicht ironisch gemeint ist, einfach nur lächerlich und armselig.

    Es scheint, als habe der Autor den Dunstkreis hauptstädtischer Darkrooms selten verlassen. Andernfalls ist die blasierte Kritik an den anderen Städten nicht zu erklären.

    Mein Tipp: Reisen Sie nach Frankfurt und genießen Sie das Kulturleben, atmen Sie in München mal richtig gut durch und versuchen Sie 's mal mit Unterhaken und Schunkeln. Klar, man tauscht dabei nicht direkt Körperflüssigkeiten aus, aber den meisten gefällt es. Allerdings sind dies sicherlich nicht die hippen Bewohner der Republik, denn die halten sich ja in Berlin auf.

    Übrigens: Berlin hat im Vergleich zu den anderen Städten die höchste Arbeitslosenquote, die Menschen haben geringe Einkommen und dort passieren prozentual die meisten homophoben Übergriffe.

    Also: Alle Schwuppen sofort nach Berlin!!
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#3 LeoAnonym
#4 Peter 2Anonym
  • 05.10.2007, 14:21h
  • Berlin...das gelobte Land für die Schwulen....die Kölner wandern schon länger ab.....einer nach dem anderen sucht sein Glück in Berlin.

    Ich bin dort geboren, aber wohne schon lange in Düsseldorf. Mein letzter Besuch in berlin (und viele chats mit Berlinern bei GR) hat es mir sehr deutlich gezeigt: alles Oberfläche...die geischter vieler sind leer....irgendwie kam ich mir lebendiger vor mit meinem einfachen Outfit und dem frischen Teint, weil mein leben ohne Drogen nicht so viele ringe unter den Augen beschert hat. Überall höre ich, welche Drogen man nehmen sollte. Ohne gehts gar nicht mehr.

    Eine Großstadt bietet Annonymität...die kann toll sein, aber auch vereinsamen. Viele haben bekannte in der Szene, aber wo sind die Freunde, die man als seine Familie bezeichnen könnte? Wer nicht darauf achtet, geht einfach unter....und niemand fragt sich, wo man abgeblieben ist.

    Die Sexpartys sind nicht das Übel....sondern wie wir damit umgehen. Wer glaubt, nach Köln/München/Frankfurt komme berlin als letzte Steigerung der Lust...wird sich vielleicht bald entnervt oder krank irgendwo auf dem Dorf bei Muttern wiedererleben......
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#5 gayAnonym
  • 05.10.2007, 15:20h
  • @ Peter 2: Wir recht Du hast! Und doch: Um wie viel ist es leichter, keine Verantwortung für sich oder andere übernehmen zu müssen: das ist der Fluch der Drogen. Unspektakuläre Liebe zwischen zwei Männer that's it! Guß gay
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#6 NeuköllnAnonym
  • 05.10.2007, 16:39h
  • @ 1, 2 und 4:

    Was seid ihr bloß für Spießer! Aber typisch Provinzler: Erst mal meckern (obwohl, das können wir Berliner besser) und dann behaupten, überall anders wäre es schöner. Kann ich nicht bestätigen. Wer diese Stadt nicht ab kann (ja, ick stamm aus Noorddeutschland), soll ßuhause bleim. Die Touris nerven eh nur...
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#7 Franky_EyesAnonym
  • 05.10.2007, 16:57h
  • Hey ich bin Berliner, sogar geboren und wohne noch hier, aber was in dem Artikel steht...
    Sorry einiges Stimmt wirklich, ich selbst bekomm es ja auch mit, aber eine handvoll hier ist auch noch vernünftig geblieben.
    Drogen, Sexorgien und all sowas, nee nicht für mich.
    Party selbst: Ja, aber auch nicht ausschweifend bis zur Besinnungslosigkeit!
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#8 SchönebergAnonym
  • 05.10.2007, 19:11h
  • @gay:
    "Unspektakuläre Liebe zwischen zwei Männer that's it! Guß gay"

    Oh Mann! Niemals!! "Unsere" Liebe muss spektakulär [Aufsehen erregend] sein!!! Denn wir sind eine kleine radikale Minderheit und wenn "unsere" Liebe noch nicht einmal mehr in "unseren" Online-Magazinen charaktisiert werden darf, werden wir tatsächlich bürgerlich; spieß-~. Also im schlechten Sinne.

    Ich meine schon, dass darüber diskutiert werden muss, ob Berlin nun für immer und ewig als "Ekelstadt" gelten soll, oder ob es nicht vielleicht besser wäre, dass hier die Hauptstadt ist.

    Gerade wir deutschen Schwulen sollten langsam begreifen: Fürchtet Euch nicht! Heiratet. Einen Geschlechtsgenossen natürlich. Traut Euch, verdammt noch mal...
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#9 cinnamonProfil
  • 05.10.2007, 19:35hSpandau
  • Hallo! Also, ich bin auch keine Pastorentochter und habe grundsätzlich nichts gegen Darkrooms, Pornos oder Sexparties, aber wenn ich diesen Artikel lese, weiß ich, was gemeint ist, wenn man von "sexueller Verwahrlosung" spricht, was ich als Schlagwort in letzter Zeit ab und zu gehört hab zusammen mit "Pornowelle" und dergleichen. Finde ich nicht so gut. Jeder kann natürlich machen, was er will, aber ich möchte als Schwuler nicht als Mitglied einer Bevölkerungsgruppe wahrgenommen werden, die sich danebenbenimmt und mit "Sogar das offizielle Tourismusmarketing benennt den Fun und Fuck-Faktor" beworben werden muss. Wenn das unser Maßstab ist, sollen die Heteros sich den dann auch zu eigen machen und noch eine Million Puffs und Swingerclubs aufmachen? Und das ganze zum Schwerpunktthema bei ARD und ZDF machen. Und arte.
    Grüße
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#10 KreuzbergAnonym