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Trotz Homophobie und bescheidener Gay-Szene einen Besuch Wert: St. Petersburg.

Von Roberto La Pietra

Piter nennen die St. Petersburger ihre Stadt liebevoll. Dabei ist eine Verniedlichungsform eigentlich gar nicht angebracht. Die Metropole an der Ostsee ist alle andere als klein und zählt stolze 4,5 Millionen Einwohner. Kein Wunder, denn die Metropole ist der wohl schönste Wohnort, den man sich in Russland vorstellen kann.

Frühzeitig als Fenster nach Europa geplant, wurden erste Teile der Stadt auf einem schlammigen Terrain zwischen Ostsee und Ladogasee aus dem Boden gestampft. Dazu wurden zahlreiche Russen kurzerhand einfach hierher zwangsversetzt, um teilweise mit bloßen Händen und in ihren Jackentaschen genügend Erde heran zu transportieren, um die nötige Grundlage zu schaffen. Für viele wurde der Morast zu ihrem Grab, denn zimperlich ging man damals mit Arbeitern nicht um.

Nach westeuropäischem Vorbild entstand innerhalb weniger Jahre eine grandiose Kulisse auf dem Reißbrett mit beeindruckender Barock-Architektur – in solch einer flächendeckenden Masse, dass die Metropole auch heute noch und nach Jahrzehnten der Sowjet-Herrschaft als Freilichtmuseum gilt. Die Stadt war schon immer ein wenig abtrünnig und dem Westen gegenüber deutlich aufgeschlossener als der Rest des Landes. Kein Wunder also, dass Moskau als politisch korrekt im damaligen Sinne bald St. Petersburg den Rang als Hauptstadt ablief.

Als Hauptader dieser prächtigen Stadt gilt der bekannte Nevskij Prospect, eine lange Prunkstraße, in der sich die schönsten Gebäude aneinander reihen. Parallel zu den Seitenstraßen ziehen sich Kanäle hin – ebenfalls gesäumt von den schönsten Fassaden, wenn auch in etwas verblichenen oder rußigen Pastell-Farben. Das Ensemble beeindruckender Architektur kommt am besten während der Sommernächte zur Geltung, wenn die Sonne bis in den späten Abend hinein scheint und der größte Teil der jährlichen Besucher in die Metropole reist. Was kaum einer weiß: trotz lästiger Einreisebedingungen und überteuertem Visum zählt Sankt Petersburg zu den meistbesuchten Städten Europas. Den größten Teil der Besucher stellen natürlich Kultur-Interessierte dar, die in die zahlreichen Kirchen strömen und in die weltbekannte Eremitage, eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt. Die Gerüchte über zwei unterschiedliche Preissysteme für Einheimische und Besucher aus dem Ausland stimmen nur bedingt. Mit rund zehn Euro ist der Eintrittspreis verglichen mit anderen Museen von Weltrang human.

Doch auch junge Besucher fliegen immer mehr auf St. Petersburg und lassen es sich in den gemütlichen russischen oder ukrainischen Wirtshäusern bei einer kräftigen Borschtsch-Suppe gut gehen. Ausgehen stellt auch kein großes Problem dar. Wer Berührungsängste vor dem russischen Nachtleben hat, kann auf jeden Fall in einen der Pubs gehen. In den meisten Hotelzimmern der Stadt liegen die englischsprachigen Guides "Where" und "St. Petersburg in your Pocket" aus, die bei der Orientierung sowie bei Restaurant- und Barsuchen helfen. Das Gaylife in St. Petersburg fällt erwartungsgemäß etwas dürftig aus. Russland ist und bleibt kein Paradies für unsereins. Bars sind eher schwer zu finden.

In Sachen schwule Szene empfiehlt sich der große Club Sinners, der über mehrere Areas verfüg. Gleich um die Ecke liegt die nicht minder kleine Central Station, die eine neue "Filiale" des gleichnamigen Clubs in Moskau darstellt.. Der Vorteil gegenüber Sinners ist die Tatsache, dass man auch schon gegen acht Uhr etwas trinken gehen kann und es sich nicht ausschließlich um einen Club handelt. Generell besitzen aber beide Locations das gewisse Verruchte, das Gay-Clubs in Osteuropa ausmacht. Durchgeknallte Leute, ein bisschen Kerker-Flair und verwinkelte Gänge. Aber das gehört einfach dazu.

Wer St. Petersburg richtig kennen lernen und verstehen will, sollte sich im Voraus mit der äußerst bewegenden Geschichte befassen. Nach dem erwähnten fulminanten Aufstieg aus dem Nichts durchlitt die Stadt vor allem im 20. Jahrhundert ein grausiges Schicksal. Während des zweiten Weltkriegs zählte die Metropole rund eine Million Einwohner und wurde zum Opfer einer grausamen Politik des Aushungerns durch die deutschen Besatzer. Quälende 900 Tage lang wurde St. Petersburg von allen Seiten eingekesselt – die Bevölkerung sollte systematisch ausgelöscht wurden. Was zu einem großen Teil auch gelang. Die russische Regierung war quasi machtlos, denn sie war technisch zu dieser Zeit nicht in der Lage, die Blockade zu durchstoßen und es gelang nur schwerlich, eine zaghafte Luftbrücke zur Versorgung der Stadt aufrecht zu erhalten. In der Folge starben über 500.000 Menschen an Hunger oder Krankheit. Alte Stadtbewohner erzählen heute noch von Mitbürgern, die vor Schwäche im kalten Winter mit Temperaturen mit bis zu minus 40 Grad quasi einfach tot auf der Straße umfielen. Wer sich mit der bewegenden Geschichte von St. Petersburg befasst, versteht, warum auch heute noch das Verhältnis zwischen Deutschen und Russen kompliziert ist.

Auch nach dem Krieg hatte es St. Petersburg nicht leicht. Moskau war schon einige Zeit vorher zur Hauptstadt erklärt worden und es folgten jahrzehntelange Sowjetzeit und kommunistisches Regime. Trotz allem konnte die Stadt sich ihren intellektuellen Geist bewahren und ihre prächtige Architektur bewahren. Auch während der Sowjet-Zeit zog die Stadt Besucher aus der ganzen Welt an, weil ihre Anziehungskraft größer war als die Abschreckung westlicher Besucher durch die sozialistische Diktatur.

Und das verdient Respekt...



#1 Sir MelvinAnonym
  • 30.04.2008, 13:45h
  • Ich war im Oktober 2007 im Greshniki ("Sinners"). Dort gibt es ein Preissystem für Ausländer und eines für Russen, allerdings ist das immer noch okay: Eintritt ca. 8 Euro, Vodka ca. 3 Euro, Cocktails (unprofessionell gemixt, aber trinkbar) 2 Euro; immer sehr viel Alkohol, Vodkamischgetränke sind unbekannt, man trinkt pur. Man bekommt so eine Karte, auf der die Drinks abgeknipst werden und zahlt beim Ausgang dann. Das Sitzen in den Logen oben kostet extra, obwohl das nirgendwo steht, weil man von da aus gut auf die bezahlten Tänzer gucken kann: Im Greshniki tanzen den ganzen Abend sehr süße Russenjungs so zwischen 20 und 25 Jahren halbnackt (nur Tanga) rum, um die Gäste zu animieren. Auch vom Dancefloor aus nett anzusehen. Stricher gibt es im Greshniki keine, aber einige der Tänzer lassen sich zu nem Drink einladen und bieten von sich aus mehr an für ca. 20 Euro. Die Mischung zwischen Ausländer und Russen ist relativ gut im Greshniki, etwa Hälfte-Hälfte. Warum die Russen die Gayszene immer mit Kerker und Verlies assoziieren, hab ich nicht verstanden, das ist aber so. Das gesamte Greshniki ist auch im Kerker-Look gehalten. Ein Besuch dort sollte ein Muss sein, es ist das Beste, was St. Petersburg zu bieten hat, wenn auch eher klein alles. Oh, nochwas: Ich hab auf dem Klo dummerweise mein Portemonnaie verloren, das hat mir ein sehr süßer Russe sogar hinterhergebracht - es fehlte nichts! Ausländer werden zwar überall in Petersburg abgezockt (relativ zumindest; man zahlt dann bei diversen Dingen deutsche Preise), aber ehrlich und nett waren die allermeisten Russen. Großes Lob.
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