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  • 24. Mai 2008, noch kein Kommentar

Die hübsche Kanadierin hat das Potential, eine Ikone der hiesigen Community zu werden.

Von Roberto La Pietra

"Isabelle – Isabelle – Isabelle" skandiert das Publikum, das an diesem Frühlingsabend im Brüsseler Cirque Royal zusammen gekommen ist, um einen ganzen Abend lang Chansons aus mehr als einem Jahrzehnt zu lauschen. In Deutschland ist die Kanadierin aus einer abgelegenen Region Québecs fast niemandem ein Begriff, doch in der französischsprachigen Welt füllt sie regelmäßig die Säle zwischen Marseille und Brüssel, zwischen der Bretagne und der französischen Schweiz. In einem violetten Kleid und mit einem silbernen Amulette über der Brust betritt sie schließlich feierlich die Bühne – das Publikum tobt. "Bon soir Bruxelles!" - guten Abend Brüssel - ruft sie und hebt die Arme, bevor sie sie zu einer symbolischen Umarmungsgeste um ihren Oberkörper schlingt.

"Simplement Tout", ein Country-Song ihres letzten Albums, eröffnet den zweistündigen Abend. Eine leichte Nummer, zu der sich das Publikum verzückt hin und her wiegt. An diesem Abend wird sie uns ebenso Lieder aus ihrem neuesten Album Nos Lendemains – Our Tomorrows – vorstellen wie auch ihre Klassiker wie Parle Moi oder J'ai toublirai zum besten geben. Dazwischen lernen wir den frechen und ebenso charmanten Rotschopf anhand ihrer zahlreichen Anekdoten kennen. Wir erfahren von dem Dorf, in dem sie aufwuchs, welche Starposter die Wände ihres Kinderzimmers zierten und wie charmant sie ihren Gitarristen Patrick findet.

36 Jahre ist Isabelle Boulay alt, doch auf der Bühne steht sie schon viele Jahre. Alles begann, als Freunde sie – eigentlich gegen ihren Willen – zu einem Gesangswettbewerb anmeldeten, den sie prompt gewann. Von da an arbeitete sie sich stufenweise nach oben, bis Mitte der Neunziger schließlich ihr erstes Album entstand und sie die Bühnen in Kanada, Frankreich, Belgien und der Schweiz lieben lernte.

Mehr als ein Dutzend Singles liefen in den Charts der frankophonen Welt über die Jahre bereits rauf und runter. Meist ging es um unerfüllte Liebe, Trennung und Enttäuschung – alles wofür Chansons eben so stehen. Inspiriert haben sie die Altmeister des Genres wie Jacques Brel oder die große Edith Piaf, aber auch französische Musiker-Legenden wie Johnny Halliday, der ihr neben der emotionalen Seite auch noch eine rockige dazu gab.

Sie kommt aus einem Land zwischen Frankreich und Amerika, erzählt sie uns, daher prägen zwei große Einflüsse ihre heutige Musik: Country und Chanson. Die neueren Alben "Nos Lendemains" und "Retour de la Source" – Zurück zur Quelle – sind daher auch lässiger, ruhiger...Immer weniger singt sie von gebrochenen Herzen und Trennungsschmerz, dafür von Liebe und Heiterkeit. Ihr heutiges Konzert zeigt uns beide Seiten und das Publikum weiß es zu schätzen.

Isabelle Boulays Konzerte zählen nicht zu der Art von Musik-Events, bei die Menge tanzend auf den Stühlen steht. Vielmehr sind sie wie ein Abend im Theater, bei der man die Sängerin kennen lernen darf und dazwischen bekannten und neuen Melodien lauscht. In Deutschland sind ihre Alben schwer zu bekommen. Es wird wohl eine bewusste Entscheidung ihres Plattenlabels sein, das sich in Deutschland keine Gewinne erhofft.

Isabelle Boulay ist nur ein Beispiel für unzählige musikalische Entdeckungen der frankophonen Welt: Hinter der deutsch-französischen Grenze wartet ein ganzes Universum von uns unbekannten Melodien, von denen es nur ein Bruchteil zu uns herüber schafft. Der französische Musikmarkt unterscheidet sich grundlegend von unserem. Die Menschen kaufen noch CD's, in den Konzerten sitzen Teenager neben Senioren und die Gewinner von Casting-Shows werden tatsächlich berühmt und werden nicht gleich nach der ersten Single-Auskopplung fallen gelassen, sobald sich mit ihnen kein Geld mehr verdienen lässt.

Die Gewinner der französischen Version von DSDS werden unspektakulär im Vorabend-Programm gekürt ohne endlose Werbeblöcke und quälend lange Tele-Votings, die auch noch den letzten Cent aus dem Handy der Zuschauer pressen. Der Gewinner erhält einen Plattenvertrag, bringt ein Album heraus, und ein zweites, und ein drittes...Isabelle ist freilich kein Casting-Star, sondern hat es mit eigener Kraft nach oben geschafft.

Der Abend neigt sich heute leider dem Ende zu. Die Zuschauer reichen ihr Rosen, Briefe, Plüschtiere, wollen ihre Hand schütteln. Zu einer Zugabe lässt sie sich natürlich gern überreden. Der Abend endet mit dem Lied "Ton Histoire" und der Zeile "Ta Route est Ma Route" – Dein Weg ist mein Weg oder: ich gehe wohin Du gehst. Für die nächste Tournee werde auch ich den Weg gerne wieder gehen, um Isabelle zu sehen.