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Jungs in der Midlife-Crisis: Meine CSD-Highlights

Mein erster CSD liegt reichlich viele Jahre zurück, irgendwann zwischen Pubertät und Coming-out, zwei Phasen, die bei mir sehr eng zusammen lagen. Im olivgrünen Parka trug ich in der ersten Reihe aufgeregt ein Transparent, das die vollständige Aufhebung des § 175 forderte. Unser Schlachtruf war mit Gewalt gereimt: "Wir bleiben unserem Motto treu, schwul, pervers und arbeitsscheu." Von einem schäbigen Tonband und aus maroden Boxen schallte Ton Steine Scherben und Tom Robinson krächzte "Glad to be gay!". Das heimische Lokalblatt ließ am nächsten Morgen meine bis dahin ahnungslosen Eltern an diesem Ereignis beim Frühstück teilhaben. Der Tag war gründlich gelaufen.

Mein letzter CSD liegt eine Woche zurück. Das Patenkind im Arm (im dritten Jahr in Folge) stand ich in München am Stachus und erklärte der vergnügten 5-jährigen geduldig, warum sie die Bonbons gerne sammeln dürfe, die die vielen verkleideten Menschen da von den bunten und lauten Trucks warfen, dass sie die Kondome aber lieber anderen überlassen solle.

Waghalsig stöckelte eine Drag Queen in kanariengelb mit einer Tüte Gummibärchen auf uns zu. Sie sang zweckoptimistisch "I will survive" und das Patenkind bedankte sich artig mit einem Knicks, dabei breiteten die Hände das Dirndl formvollendet auseinander, als hätte sie am Hofe Sissis geübt.

"Verkleiden die sich alle wieder? Wenn die sich zurechtmachen, dann will ich auch was Chices anziehen", hatte sie zuvor am Kleiderschrank erklärt. Dirndl zum CSD? Nun, wer im Alter von fünf Jahren Federboas, Schlangentänzer, Trümmertunten, Schwulplattler, Leder-Bären und blaue Cheerleader-Puschel chic findet, hat sich fraglos verdient, selbst zu entscheiden, was man anzieht. Die Mutter flocht ihr sogar die blonden Haare zur traditionellen bayerischen Kranzfrisur.

"Wie können Sie nur das Kind hierbei zusehen lassen?" zischte mir unvermittelt eine Stimme in den Nacken, als ein Wagen mit (heterosexuellen) Lack- und Lederfreunden vorüberzog.

"Sehr einfach. Sehen Sie doch", erwiderte ich und drehte mich um. Ein Paar stand mir gegenüber, beide Anfang 40 (also mein Alter), keine Auffälligkeiten, die zu besonderer Achtsamkeit aufgerufen hätte wie ein Stapel "Wachturm" im Arm oder sowas. In ihren Augen stand jedoch die nackte Panik der geistigen Kindesmisshandlung.

"Wollen Sie denn, dass die Kleine irgendwann auch so wird?"

Mein Blick schweifte Hilfe suchend zum Vater des Kindes. Ich kann in solchen Momenten leider spontan, herzhaft und völlig undiplomatisch reagieren - und mit Rücksicht auf die Patenonkel-Reputation wollte ich lieber den Erzeuger zu Wort kommen lassen.

"Meine Tochter darf alles werden, was sie möchte", antwortete der lächelnd und beneidenswert ruhig.

Das Paar blickte zu mir, zur Kleinen, zu ihrem Vater, dann zog es kopfschüttelnd ab. Ich hörte sie noch raunen: "Jetzt haben die auch schon Kinder..."

"Guck’ mal, Onkel, die Frau klettert in das Auto!", rief in diesem Moment die Kleine und deutete auf etwas Blondes im roten Paillettenkleid, das sich gerade wenig elegant auf einen Truck wuchtete.

"Das ist ein Kerl", erklärte der Vater. "Mit einer besonders hässlichen Perücke."
"Meine Haare sind echt!", krähte die Kleine stolz. "Ich bin nämlich ein Mädchen!"

So ein CSD ist doch immer wieder eine lehrreiche Veranstaltung für jung und alt.



#1 Oliver S.Anonym
  • 26.07.2008, 17:17h
  • Für den Autor zur Notiz:

    Nutzt man die gebeugte Form von Chic/chic, so darf man nur die eingedeutschte Form Schick/schick nutzen: "das Kleid hat Chic" ist ok, aber "etwas Chices" darf man nicht nutzen, hier muß es "Schickes" heißen. Oder man nutzt generell die eingedeutschte Version und geht den Problemen aus dem Weg.

    Ach und die Zeitschrift "Wachtturm" wird mit Doppel-T geschrieben.

    Was war jetzt eigentlich "lehrreich für jung und alt" an diesem speziellen CSD?
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#2 Chris_Anonym
  • 28.07.2008, 13:26h
  • Die "Kolumne" (wieso denkt jeder (nach Sex and the City), dass er eine Kolumne verfassen könne) ist einfach nur schlecht.
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