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Persönliches zur Veröffentlichung der Biografie "Mein Leben mit HIV". Statt einer Rezension.

Von Christian Scheuß

Als Uwe Görke mir das erste Mal begegnete, war er einfach nur die "schillernde Trulla". Jemand, der sich meiner Wahrnehmung nach schamlos in jedes greifbare Rampenlicht warf, ohne irgendetwas darzustellen außer sich und sein Schwulsein. Das war Ende der Achtziger. Uwe schrieb einen Haufen "Hallo, hier bin ich"-Kleinanzeigen im Ruhrgebietsmagazin "Marabo", Uwe schickte seine Fotos an "Tempo" und alle restlichen Magazine dieser Zeit. Mir als schüchternes Coming-out-Küken war soviel lärmende Präsenz suspekt.

Als ich Uwe das zweite Mal wahrnahm, da war er bereits der HIV-Positive, der seinen Faxclub betrieb, über den eine endlose Flut an Infos über HIV und AIDS sowie seine eigenen Aktivitäten ins Land geschickt wurden. Uwe war Dauergast in den Talkshows und Radiosendungen. Das war Mitte der Neunziger, und mir als angehendem Journalisten, der seine ersten Gehübungen im kleinen schwulen Ruhrgebietsblatt "Rosa Zone" machte, war das mediale Treiben wiederum sehr suspekt. Ich schlussfolgerte, dass da nur wieder die vermeintliche Mediengeilheit die Feder war, die Uwe von Mikro zu Mikro trieb. Das Ganze gipfelte in einem als Satire gemeinten Bericht in der Rosa Zone, in dem wir behaupteten, Uwe habe seine HIV-Infektion nur erfunden, um noch mehr aufdrehen zu können. Das war eine arrogante öffentliche Demontage einer Person, für die ich mich heute schäme und für die ich mich bei Uwe auch entschuldigt habe.

Als wir nach langer Zeit im Jahr 2006 in Köln wieder zusammentrafen, mussten die alten "Freund-Feind"-Linien neu vermessen werden, um eine vorsichtige Annäherung hinzubekommen. Als Redaktionsbüro queercom hatten wir von Uwes Plan gehört, ein Buch über sein Leben veröffentlichen zu wollen, das auf seinen Tagebuchaufzeichnungen beruht, die er seit Jahren im Internet veröffentlicht. Wir wollten dieses Projekt als "Book on Demand" mit ihm realisieren, auch weil wir wussten, dass niemand besser und lauter auf die Medienpauke hauen würde, als er. Aus diversen internen Gründen hat queercom es leider nicht hinbekommen. Aber ich bin heilfroh und dankbar, dass mit der fleißigen Biografin Andy Claus und dem Himmelstürmerverlag sein Wunsch doch noch realisiert werden konnte.

Auf 180 Seiten liegt nun komprimiert und sortiert das Leben eines Menschen vor einem, der von sich selbst sagt: "Ich bin nur ein einfacher Malocher aus dem Kohlenpott, der sagt, was er denkt!" Das macht er ungeschliffen und aus dem Bauch heraus, laut lärmend, oft ohne jegliche Differenzierung, und mit einem unglaublichen Instinkt für die richtige Bedienung der Medienkanäle. Uwe Görke hat so etwas, wie einen großen Multimediabauch, aus dem heraus er die richtigen Signale zur richtigen Zeit schickt.

Doch was ist seine eigentliche Botschaft? Inzwischen habe ich es begriffen. Egal ob er die schillernde Trulla, die Frau Görke oder der HIV-Uwe war, sie lautet bis heute und in jedem Augenblick: "Lebt! Mit einer gehörigen Portion Lust und Leidenschaft, mit möglichst viel Liebe und Elan, mit größtmöglicher Klarheit und mit Offenheit." Ob man es mag oder nicht, dass er sich bei seiner Verkündigung nur ungern bescheiden in einen Chor der Stimmen einreiht und gern seine Person in den Mittelpunkt schiebt: Seine Message ist höchst authentisch.