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Auch heute noch gilt das Recht jedes Einzelnen, seinen HIV-Status nicht wissen zu wollen.

Von Ulrich Würdemann

Anlässlich einer Verurteilung in der Schweiz (Ein ungetesteter Mann wurde wegen fahrlässiger HIV-Infektion seiner Sexualpartnerin schuldig gesprochen) steht immer wieder die Frage im Raum, ob es ein Recht auf Nicht-Wissen des eigenen HIV-Status gibt.

Rückblende, Mitte der 1980er Jahre. In westdeutschen Großstädten haben sich nach der tristen Zeit der 50er, 60er und frühen 70er Jahre florierende schwule Szenen entwickelt. Boomende kommerzielle und alternative Strukturen, diskussionsfreudige und experimentierwillige schwule Bewegungen, Ideen und Projekte für andere, buntere, vielfältigere Zukunft.

In diese lebensfrohen schwulen Strukturen platzt 1983 Aids wie eine Bombe. Nach ersten Berichten über vermeintlich skurrile Krebs-Fälle in den USA anfangs kaum wahrgenommen, wird Aids bald schon von vielen erlebt als eine massive Bedrohung der neu errungenen schwulen Freiheiten. Als Szenario erneuter Rückfälle in Adenauersche Zeiten, in Diskriminierung und Unterdrückung. Bis Aids zur selbst erlebten Realität wird, Bekannte Freunde Lover sterben, der Besuch von Trauerfeiern und Beerdigungen zu schmerzvoller Alltagsrealität junger, eigentlich lebensfroher Menschen Mitte Ende 30 wird.

In den Achtzigern war es geradezu ratsam, sich nicht testen zu lassen

Aids, das bedeutet in diesen Jahren Mitte, Ende der Achtiger z.B.:
- Politiker, bei weitem nicht nur in Bayern, und erst recht ihre schwedischen Handlanger, diskutierten ernsthaft Absonderung, Internierung und Kennzeichnung von Menschen mit HIV und Aids.
- Schwule Treffpunkte, Bars Diskotheken Saunen sollen geschlossen werden (in Bayern werden dann z.B. ersatzweise in Saunen die Türen ausgehängt).
- In der Öffentlichkeit, auch in Teilen schwuler Szenen, werden HIV-Infizierte wahlweise als 'Opfer', 'Aids-Bomben' oder 'Virenschleuder' wahrgenommen.
- Medikamente gegen HIV gibt es in den Anfängen nicht. Das erste später zugelassene Medikament wird anfänglich so hoch dosiert, dass viele den Eindruck haben, Aids-Kranke sterben nun an den Folgen des Medikaments, nicht an Aids.

In diesen Zeiten hatte es nicht nur oftmals keinen Nutzen, vom eigenen HIV-Status zu wissen (wenn man eh medizinisch nichts machen konnte …). Nein, von der eigenen HIV-Infektion zu wissen war mit derartig vielen Nachteilen verbunden, dass es geradezu ratsam sein konnte, sich nicht auf HIV testen zu lassen.

Über seinen eigenen HIV-Status nicht zu wissen, nicht wissen zu wollen, nicht wissen zu müssen war in dieser Zeit ein elementares Bedürfnis und gleichzeitig für viele beinahe (nicht nur gesellschaftliche) Notwendigkeit. Nebenbei: dass HIV-Tests mit Beratung vor- und nachher durchzuführen sind, und dass HIV-Tests ohne vorherige Einwilligung unzulässig und strafbar sind, hat sich in dieser Zeit entwickelt – und nicht grundlos.

Und heute? Vieles hat sich verändert. Gegen HIV stehen wirksame Medikamente zur Verfügung. Die schlimmsten Szenarien gesellschaftlicher Diskriminierung sind derzeit weitgehend in der Mottenkiste der Geschichte verschwunden (auch wenn einige Ärzte-Funktionäre sie immer wieder gerne hervor holen).

HIV-positiv zu sein jedoch ist immer noch weit davon entfernt, den Status von 'Normalität', von gesellschaftlich unbeeinträchtigtem Sein zu haben. Ist immer noch mit Diskriminierung, Benachteiligung, Ausgrenzung verbunden.

Solange der HIV-Status eines Menschen weiterhin mit massiven Beeinträchtigungen und Diskriminierungen verbunden ist, solange HIV-Positive auf ihrer Arbeit mit Diskriminierungen und mehr rechnen müssen, von Versicherungen ausgeschlossen sind, von staatlichen und privaten Stellen, in Gesellschaft und eigenen Szenen diskriminiert werden, mindestens solange ist m.E. ein Recht auf Nicht-Wissen um den eigenen HIV-Status ein unabdingbares Recht jedes Menschen.

Es gibt ein Recht, von der eigenen HIV-Infektion nicht zu wissen.

Und, nebenbei, wer heute fordert, mehr Menschen gerade aus dem von HIV stark betroffenen Gruppen sollten sich auf HIV testen lassen (auch, um dann rechtzeitig Zugang zu Behandlung zu haben), der sollte zunächst auch überlegen, wie diejenigen Hemmnisse, Benachteiligungen und Diskriminierungen abgebaut werden können, die Menschen mit HIV und Aids das Leben schwer machen – und die Menschen begründet überlegen lassen, ob es wirklich in der Realität eine gute Idee ist, von eigenen HIV-Status zu wissen. Diskriminierungen abbauen schützt Menschenleben – auch hier.

Ulrich Würdemann lebt und arbeitet in Berlin. Vor vielen Jahren hat er bei den Publikationen "Virulent" und "Boulevard HIV" mitgeschrieben, später dann die "HIV Nachrichten" gegründet und bei "HIVlife" mitgewirkt. Seit 2005 betreibt er das Blog www.ondamaris.de. Seinen Standpunkt haben wir mit freundlicher Genehmigung von dort übernehmen dürfen.



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18 Kommentare

#1 Mister_Jackpot
  • 05.08.2008, 14:00h
  • Dieses schweizer Gericht hat eine massive Fehlentscheidung getroffen. Jeder, der über seinen HIV Status nicht bescheid wissen will, hat ein Recht dazu! Dann könnte man ja fast auch schon Zwangstests fordern, vor allem für die Risikogruppen, was dann diktatorischen Kontrollmustern entsprechen würde. Nein jeder muss das Recht haben sich frei zu entcsheiden ob er/sie sich testen lassen will oder nicht.
    Ich selbst handhabe es auch so, dass ich bisher selten den Test gemacht habe. Obwohl ich Safer Sex betreibe bleibt immer diese Rest Angst. Ich für meinen Teil werde weiterhin Safer Sex betreiben und in nächster Zeit ganz sicher keinen Test machen. Die schreckliche Zeit bis zu meinem negativen Ergebnis will ich nie wieder erleben müssen. Das ist meine ganz persönliche Meinung und da kann jeder anderer Auffassung sein, aber ändern wird das an meiner Meinung nichts.
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#2 SpontiAnonym
  • 05.08.2008, 14:59h
  • Ja, ich habe ein Recht darauf, meinen Status nicht zu wissen und weiß ihn auch nicht.

    Ich habe momentan einfach nicht die Kraft für ein zweites Outing, sollte ich positiv sein. Ein Outing in meiner heterosexuellen Umwelt, sowie in der schwulen, denn so kommt es mir vor.

    Wären wir Schwulen wirklich akzeptiert, rechtlich gleich gestellt, dann würden auch nicht die Phantasien der Menschen bezüglich dem Zusammenhang von AIDS und Homosexualität so verheerend sein.

    Als Schwuler ist man ausgegrenzt genug, als positiver Schwuler auch noch innerhalb der Szene.

    Es sei denn, man versteckt sich als Positiver wie die Schrankschwulen und darauf habe ich nun wirklich keine Lust!
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#3 HannibalEhemaliges Profil
  • 05.08.2008, 17:12h
  • Antwort auf #2 von Sponti
  • "Als Schwuler ist man ausgegrenzt genug, als positiver Schwuler auch noch innerhalb der Szene."

    Also ich habe michbisher als Schwuler nicht wirklich ausgegrenzt gefühlt. Ich grenze mich eher selber gegen die Heterogesellschaft ab.

    Aber: Die Ausgrenzung innerhalb der Schwulenszene kann man/n auch zweiseitig betrachten. In der Szene innerhalb der ich in Berlin und oft auch in Hamburg verkehre (das Wort ist hier gerne in beiden Variationen zu verstehen), sind, ich schätze nur mal, so um die 70 Prozent aller Schwulen positiv. Als Negativer fürhle ich mich dort auch oft ausgegrenzt, da ich grundsätzlich auf Safer Sex bestehe, worauf Positive natürlich wenig Lust haben, da sie durch Benutzung von Kondomen an ihre Infektion erinnert werden. Kann ich zwar verstehen und die Risiken einer Superinfektion muss jeder für sich selber einschätzen, aber wenn man/n sich als Negativer in einen Positiven verliebt, wird das meistens durch den Positiven abgewürgt. Eigentlich sollte man doch aber annehmen, dass ich als Negativer eher ein Problem damit hätte, oder?
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#4 ThommenAnonym
  • 05.08.2008, 17:55h
  • Für mich haben alle Menschen AIDS, daher diskriminiere ich keinen.
    Wer seinen HIV-Status nicht weiss/wissen will, der soll gefälligst auch konsequent safer sex praktizieren und Verantwortung für seine Sexpartner mitübernehmen.
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#5 KonstantinEhemaliges Profil
#6 Tufir
  • 05.08.2008, 18:25h
  • "HIV-positiv zu sein jedoch ist immer noch weit davon entfernt, den Status von ‘Normalität’, von gesellschaftlich unbeeinträchtigtem Sein zu haben."

    Damit ist es bei Ausbruch der Krankheit vermutlich auch vorbei. Insofern stellt sich mir die Frage, wie lange man sich an seinem Nichtwissen und der vermeintlich daraus resultierenden höheren Lebensqualität denn erfreuen kann und ob die Gefahr, bei unvorsichtigem Verhalten eventuell für den Tod anderer Menschen verantwortlich zu werden, nicht ein recht hoher Preis dafür ist. Es handelt sich sicherlich um ein Recht, mit dem auch Verpflichtungen im Umgang mit anderen Menschen einher gehen.

    "Dieses schweizer Gericht hat eine massive Fehlentscheidung getroffen. Jeder, der über seinen HIV Status nicht bescheid wissen will, hat ein Recht dazu! Dann könnte man ja fast auch schon Zwangstests fordern"
    Ich kenne die genauen Umstände nicht - Unfälle passieren - aber wenn es einen Grund gibt, zu vermuten, dass man sich angesteckt hat, hat man zumindest die Pflicht, dafür zu sorgen, dass man niemanden anderes ansteckt. Erst recht wenn die andere Person aus berechtigten Gründen nicht diesen Verdacht haben kann. Die Forderung nach einem Mindestmaß an Verantwortung ist nicht identisch mit den nach einem Zwangstest.
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#7 KonstantinEhemaliges Profil
  • 05.08.2008, 18:49h
  • Antwort auf #6 von Tufir
  • Wenn man sowieso Safer Sex hat, ist es für beide egal ob man positiv ist oder nicht! Unfälle passieren, klar! Aber soll man deshalb jedes mal einen aktuellen Test verlangen oder um gaaaanz sicher zu gehen eine 3-monatige Abstinenz? Das geht wohl ein wenig am Leben vorbei!
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#8 Tufir
#9 seb1983
  • 05.08.2008, 21:05h
  • @Hannibal
    Gar nicht mal schlecht...

    Natürlich kann man niemanden zwingen sich auf HIV testen zu lassen. Es nicht zu tun ist aber einfach irgendwas zwischen dumm und naiv.
    In meiner Familie etwa gab es mehrere Fälle von Diabetis, da ist es doch logisch dass ich mich da jährlich drauf testen lasse, wenn ich es bekomme, tja blöd gelaufen aber das will ich schon wissen bevor ich auf meinem Küchenboden verrecke.

    Und dazu kommt zumindest einmal im Jahr auch ein HIV Test. Find ich das toll mich durchlöchern zu lassen und dann 2 Tage zu warten ob ich mir mein Leben versaut habe (persönliche Meinung)? Nö.

    Man kann es niemandem verbieten sich jede Woche bare durch die halbe Szene zu vögeln, nur man sollte sich des Risikos bewusst sein (neuschwul: Risikomanagement).

    Leider verfahren viele nach dem Motto:
    Wenn ich mir bei 200 in der Innenstadt die Augen zu halte kann mir nichts passieren ich bekomme ja nicht mit wenn ich n halben Kindergarten überfahre.

    Aber ok, das ist ein freies Land, man hat das Recht sich dumm zu verhalten.
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#10 Thomas62Anonym
  • 05.08.2008, 22:25h
  • Natürlich hat man das "Recht" auf Nichtwissen und auch das "Recht" auf Nicht Wissen wollen....
    fragt sich aber ob das wirklich sinnvoll ist, Sinn macht. Dem Virus ist es egal ob sein/e Träger/in
    die Vogelstraußmethode anwendet. Es zerstört sein Immunsystem. Wenn man hingegen frühzeitig um seinen Status weiß, kann mit Medikamenten gegengesteuert werden. Die Medikamente sind Segen und Fluch aber man kann - gerade als junger Mensch- noch seine Träume (so man welche hat) oder zumindest einen Teil davon verwirklichen. Als Siechender, Kranker ist das nicht mehr möglich und man wird Siechend, man wird krank wenn man keine Medikamente einnimmt - und zwar so krank dass man nichts mehr tun kann. Es ist besser die Wahrheit zu wissen -auch wenn es erst weh tut . und dann sich bewußt und verantwortungsvoll mit der Situation auseinandersetzen und Verantwortung für sich -und natürlich andere zu übernehmen. Wer wegläuft kommt nicht weit und das Virus "holt ihn ein! Immer!
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