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Jungs in der Midlife-Crisis: Party-Veteranen und ihre neuen Hobbys

"Es ist immer etwas los in der Hamburg: CSD, Lederparty, Reeperbahn, Cruise Days und der Welt Astra Tag. Es gibt wirklich keinen Grund, auf dem Sofa zu hocken: Raus mit Dir, geh Party machen!"

Manchmal höre ich sie noch, diese aufmunternden und fordernden Stimmen aus der Vergangenheit. Sie klingen vertraut und hören sich an wie ich – vor etwa einem Jahrzehnt. Heute stammen solche Töne eher von Freunden, wie meinem guten Bekannten M. Es ist Sonntagabend, wir treffen ihn zufällig beim Nachhauseweg in einem Straßencafé auf St. Georg. "Und was habt Ihr am Wochenende gemacht?", fragt M. müde. M.s Augenränder sind schwarz wie seine Lederhose. So ein Fetisch-Wochenende kann auch ohne Party auf der Cap San Diego anstrengend sein.

"Wir hatten Freunde zu Besuch", erzähle ich. "Kochen, Wein trinken, die Balkonpflanzen umtopfen, Schiffstouren durch Freihafen und Alsterkanäle."
"Keine Party?"
"Keine Party."
"Jungs, ihr werdet alt", lacht M.

Ich möchte das nicht leugnen, aber nachdrücklich betonen, dass wir dennoch nicht so alt aussehen wie er in diesem Moment, aber das verkneife ich mir großmütig. Gerade wenn die Folgen der Feier nachlassen, ist die Gefahr einer Depression besonders groß.

Und ganz daneben liegt M. ja nicht. Mich beschleicht tatsächlich immer häufiger das Gefühl, dass ich in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich ausreichend Lebenszeit verfeiert habe und meine Samstagabende jetzt anregender im privaten Kreis verbringe. Ob ich mir damit selbst in die Tasche lüge? Vielleicht. Zwar komme ich mir nicht zu alt vor, in Clubs rumzustehen, es ist nur so, dass derartige Abend – gefühlt zumindest – völlig überraschungsfrei verlaufen. Es gibt ein englisches Sprichwort dazu: Seen it, done it, bought the t-shirt: Alles gesehen, alles erlebt, alle Trophäen gesammelt.

Wenn ich ehrlich bin lautet die eigentliche Frage derzeit: Bis wann darf ich und ab wann muss ich nicht mehr?

"Auf normale Partys gehe ich kaum mehr", antwortet M. "Seit ich 40 bin: vielleicht einmal Berghain, vielleicht einmal Greenkom im Monat, mehr ist nicht drin."
"Zu teuer?", frage ich.
M. verneint. "Die Erholungsphasen werden länger."
"Und eine Reduzierung des Alkohol auf eine Dosierung, die binnen 24 Stunden vom Körper abgebaut wird, ist keine Option?"
"Ohne stehe ich die Party nicht durch."
"Du säufst dir die Party schön?"
"Früher haben wir das mit Gästen gemacht, stell dich nicht so an."

Da ist es, das Veteranengeschwätz: Früher, höher, länger, schneller und härter und öfter. Ich zähle bis fünf und dann kommt sie auch sie, die erste, unvermeidliche Krankheitsgeschichte.

"Seit der Sache mit dem Knie kann ich nicht mehr so lange stehen", sagt M. "Und in welchem Club gibt es Sitzplätze?"

Bevor er ausholen kann – nach dem Knie folgt in der Regel die verkalkte Schulter mitsamt der neuen Wetterfühligkeit in den Gelenken – zieht mich mein Mann weiter. "Wir müssen uns beeilen, die anderen kommen gleich", mahnt er.

M.s Augen weiten sich interessiert: "Eine kleine private Party also?"
"Nur wenn du Super Mario Kart für die Wii als Partyspiel bezeichnen möchtest", antworte ich.
"Das ist das Spiel mit den weißen Plastiklenkrädern für diese neue Konsole? Wartet auf mich, ich komme mit!"

M springt auf, zahlt und folgt uns nach Hause, wo wir drei Stunden (übrigens ohne Knie-Probleme) durch virtuelle Rennstrecken jagen. Kreischend, kichernd und lachend, bis die alten Knochen vom Halten des Lenkrades schmerzen.

Kindisch? Ja, gar keine Frage. Aber wir fühlten uns dabei ehrlich jünger als jemals auf der Reeperbahn morgens um drei oder vier oder fünf...



#1 Chris_Anonym
  • 01.09.2008, 13:28h
  • Also Clubs mit Sitzplätzen oder Lounge-Ecken sind doch eigentlich Standart - von daher kann man durchaus auch mit Knieproblemen weggehen. Aber man verpasst auch nichts weiter, wenn man nicht zu einer Party geht ... ist doch eh immer dasselbe.
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