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  • 26. August 2008, noch kein Kommentar

Frauenschwarm Louis Garrel lässt sich im Musical-Film "Les Chansons d’Amour" widerwillig auf den ebenso frechen wie niedlichen Erwann ein.

Von Roberto La Pietra

Der hübsche Ismaël und seine Verlobte Julie führen eine Dreiecksbeziehung mit Ismaëls Kollegin Alice. Für viele Schwule mag der Film daher erst mal wie die typische Traumfantasie einer jeden männlichen Hete aussehen, nämlich das Bett mit einer Blonden und einer Dunklen zu teilen und hin und wieder dabei zuzusehen, wie sie aufreizend vor einem herumknutschen.

Eine Wende bekommt der Film, als Julie vor einem Club von einem auf den anderen Moment umfällt und wenige Minuten später vor den Augen der Sanitäter stirbt. Ab hier nimmt der Streifen einen eher ungewöhnlichen Verlauf. Während Julies Familie, die auch ihrem Verlobten recht nahe steht, spürbar trauert, lebt Ismaël scheinbar ganz normal weiter und springt bei der nächsten Gelegenheit mit der Bardame seiner Stammkneipe ins Bett. Ganz ohne moralisches Gewissen geht es allerdings auch nicht – in diesem Falle verkörpert von seiner Fast-Schwägerin Jeanne (gespielt von Chiara Mastroianni), die morgens in seiner Küche sitzt und die beiden in flagranti erwischt. Aber tolerant wie Franzosen eben so sind, gönnt sie Ismaël auch diese Ablenkung von seiner Trauer, zumal oder obwohl sie die Gespielin zunächst für Alice hält.

Youtube | Les Chansons d'amour - Trailer

Richtig spannend wird es, als der freche Erwann in dem Film auftritt. Einige Jahre jünger als sein Schwarm und sogar noch Schüler, setzt dieser sich schon bei der ersten Begegnung in den Kopf, Ismaël zu erobern – kürzlicher Verlust der Verlobten hin oder her. Wer jetzt glaubt, dass der sich im Stil von Ennis Del Mar à la Brokeback Mountain wochenlang ziert, liegt falsch. Frankreich ist halt nicht Amerika. Ismaël zeigt sich zunächst zwar ein wenig genervt, wenn Erwann ihm morgens, abends und sogar nachts vor dessen Büro auflauert, lässt sich dann aber doch relativ schnell herumkriegen und in dessen Bett wärmen.

Als das schlechte Gewissen erneut in Form von Jeanne morgens wieder rauchend neben der Bettkante sitzt, kommt es schließlich doch zur überfälligen Aussprache zwischen ihr und Ismaël. Endlich wird ein bisschen geschrieen, gestritten und geflucht. Jeanne spricht aus, dass sie es kränkend findet, wie wenig Ismaël der Tot ihrer jüngeren Schwester auszumachen scheint. Der wiederum stilisiert den Streit zur Coming-Out-Diskussion hoch mit den Worten "Sag doch, dass ich ein Homo bin".

Les Chansons d’Amour ist ein ungewöhnlicher Film, der irgendwie keinen Klischees gehorchen will, gespickt mit attraktiven Menschen – allen voran Louis Garrel alias Ismaël – manchen bekannt als der hübsche Draufgänger aus "Die Träumer". Was den Film zum Genuss macht, ist nicht zuletzt die Kulisse des melancholischen Paris zur Winterzeit. Die nächtlichen, verregneten Straßen der französischen Kapitale sind die perfekte Umgebung, um einen Abend lang in die Gefühlswirren der Darsteller einzutauchen.

Das Coming-Out-Thema wird eher im Vorbeigehen in den letzten 30 Minuten abgehandelt, ohne die üblich quälend langen inneren Kämpfe des Protagonisten. Das kann man gut finden, denn im Genre der französischen Nouvelle Vague ist nicht unbedingt Platz für Seelenkämpfe und Dramatik. Verfilmt wird in erster Linie, was sich inszenieren lässt, nicht zwangsweise was für den Besucher Sinn zu machen scheint. Mancher wird da allerdings auch was vermissen und etwas irritiert sein darüber, dass Homosexualität eigentlich eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Filmemacher Honoré arbeitet darüber hinaus mit einem weiteren ungewöhnlichen Merkmal. Er lässt seine Darsteller singen – und das nicht zu knapp. Leider stimmen Ismaël und der Rest der Filmbesetzung häufig genau dann einen Chanson an, wenn man es sich als Zuschauer am wenigsten wünscht, z.B. wenn er und Erwann zum ersten Mal miteinander in dessen Bett landen. Wer genau hinhört bzw. aufmerksam die Untertitel liest, wird eine gewisse Diskrepanz zwischen heiteren Melodien und ernsten Texten feststellen. Auch das ist natürlich so beabsichtigt.

Was immer man von Les Chansons d’Amour hält: bei diesem Film kommen alle frankophilen Zuschauer auf ihre Kosten, sei es durch die Sprache, die Kulisse, die Musik oder das Gefühlschaos. Gehört ja irgendwie alles zu Frankreich dazu!