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  • Kolumne: Mark Simpson
    Der „Skinhead Oscar Wilde“, wie er in Großbritannien genannt wird, ist der Erfinder des Begriffs metrosexuell und ein ausgewiesener Kritiker der klassischen Schwulenbewegung. In den Neunzigern stieß er mit der Anthologie „Anti-Gay“ eine breite Diskussion über die Fehler der Schwulenbewegung an. Seine klugen und witzigen Essays erscheinen in Zeitungen und Magazinen wie „The Independent“ oder „Details", Lob erhielt er auch für eine Biographie des Sängers Morrissey. Im Magazin Front schreibt er erstmalig auf Deutsch, queer.de darf diese Texte freundlicherweise übernehmen. Mehr Infos über den Autor unter www.marksimpson.com.

    09. September 2008, 1 Kommentar

Der kurzgeschorene Oscar Wilde teilt aus: Der Sieg der Anabolika

Effie, Testo oder einfach "Kuchen", wie sie unter Eingeweihten heißen, waren in der Vergangenheit die exotischen Drogen dopender Athleten und freakiger Bodybuilder. Vorbei! Anabolika erobern den Mainstream, wenn man jüngsten Berichten Glauben schenken darf, werden ein weiteres Lifestyle-Produkt für junge Männer – manche von ihnen laut jüngster Presseberichte gerade mal zwölf Jahre alt.

Und das, obwohl in den gleichen Berichten die erschreckenden Nebenwirkungen akribisch aufgelistet werden, einschließlich Leber-, Nieren- und Herzschäden, Hodenschwund, Impotenz, Depressionen und gesteigerter Aggression.

Der Schlüssel, um diese Entwicklung zu verstehen, heißt männliche Eitelkeit. Wenn du heute als Droge in den Blutkreislauf von Männern möchtest, dann versprich ihnen, dass du sie glücklich machen kannst, wenn sie im Sportstudio in den Spiegel sehen. Umfragen zufolge nimmt die große Mehrheit der Jungs Anabolika nicht, um stärker oder schneller oder furchterregender zu werden – alles früher mal akzeptierte männliche Eitelkeiten –, sondern attraktiver. Sie wollen sexy aussehen. Sie wollen, dass du dich nach ihnen umdrehst.

Mit anderen Worten: Junge Männer nehmen heute aus den gleichen Gründen Anabolika, aus denen schwule Partyboys sie schon seit Jahren nehmen: um am Strand, auf der Tanzfläche oder vor der Webcam gut auszusehen. Muskelmariechen (wie sie abschätzig von neidischen, weniger bemuskelten Homoletten genannt werden) sind kein rein schwules Phänomen mehr. Die Muskelmarie ist der aktuelle Stand der Männlichkeit.

Eine ganze Generation junger Männer wurde mit diesen unwiderstehlichen – und nicht selten chemischen – Bildern fettfreier, muskulöser Männerkörper in Sport und Werbung, in Magazinen, Filmen und im Fernsehen großgezogen, auch in den Zeichentrickserien und Computerspielen ihrer Kindheit entkamen sie ihnen nicht.

Muskelmariechen sind nicht nur was fürs Kinderzimmer, sie sind auch was für höchste Ämter. Arnold Schwarzenegger, der siebenfache Mr. Olympia, der zugegeben hat, seit seinen Teenagerzeiten Steroide in industrieller Größenordnung verdrückt zu haben, ist heute Governator von Kalifornien und Weltklimaretter, nachdem er schon mehrfach als leicht bekleideter und schwer bepackter Actionheld im Kino die Welt gerettet hat. Dank Arnies Achtzigerjahre- Spezial-Effekte ist die Muskelmarie bis heute im Kino ein Muss. Der alternde Star eines kürzlich erschienener Blockbusters, dessen Karriere größtenteils auf seinem Sixpack basierte, war Gerüchten zufolge so sehr auf Testo, dass er abends regelmäßig vom Set getragen werden musste, das arme Ding. Und "Comeback Kid" Sylvester "Rocky" Stallone (61) wurde kürzlich vom australischen Zoll mit 48 Fläschchen des Geheimnisses seiner früheren Comebacks aufgegriffen.

Die kränkelnde James-Bond-Serie wurde erfolgreich relauncht und für junge Zuschauer attraktiver gemacht, indem sie 007 in der vollbusigen Variante von Daniel Craig reinkarnierte, der so zum eigenen Bond-Girl wurde. Der Film "300" präsentierte uns Spartaner, die aussahen wie Muskelmariechen auf einer Togaparty.

Man kann sich über Anabolika aufregen – wegzaubern kann man sie nicht, auch nicht aus der Blutbahn filtern. Sie haben unser Bild von Männlichkeit verändert. Mehr noch: Sie machen Männer verkäuflich und begehrenswert in einer Zeit, die ansonsten keinen blassen Schimmer hat, was man Vernünftiges mit ihnen anstellen könnte.



#1 Tim_ChrisProfil
  • 13.09.2008, 20:31hBremen
  • "war Gerüchten zufolge so sehr auf Testo, dass er abends regelmäßig vom Set getragen werden musste"

    Das halte ich allerdings tatsächlich für ein Gerücht. Bei einem Zuviel an Testo wandelt sich dieses meines bescheidenen Wissens nämlich in Östrogen um und die arme Sau, die dieses Zuviel in der Hoffnung des Muskelaufbaus nimmt, sieht sich plötzlich mit Hüftspeck, Titten und Cellulite konfrontiert, während die Eierchen auf Kindereigröße schrumpfen und die Libido gleich mit ihnen. Passiert zwar sicher nicht von einmal zuviel, aber bei "regelmäßig" klingt es in Anbetracht eines Mr. Universum doch etwas übertrieben. ;-)
    Zweifelhaft ob sich der Gute tatsächlich mit Testo gedopt oder nicht doch was anderes eingeworfen hat.
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