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  • 15. September 2008, noch kein Kommentar

Michael Sollorz' neuer Roman "Die Eignung" erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich seine eigene Realität schafft, um zu überleben.

Von Christian Scheuß

Zum Einstieg stolpern wir überraschend in eine Indianergeschichte. Eine ziemlich grausame, in der junge Krieger weiße Männer meucheln, weil sie denken, es sei ihre Pflicht, dafür aber von ihrem Stamm keinen Dank ernten.

Was mag nun folgen auf den kommenden 160 Seiten? Etwa eine Story über einen Amokläufer oder einen Schläfer? Der Klappentext macht nur Andeutungen: Da gibt es einen Mann mit einem Doppelleben. Amokläufer und Terroristen sind außerdem gerade "hip", die Medien sind voll von ihnen. Doch der Autor Michael Sollorz ist alles andere als ein Trendscout, der jeder weltgeschichtlichen Strömung hinterher schwimmt. Vertrauen wir darauf, dass es etwas völlig anderes sein wird. Und das auch die Indianer in dieser Geschichte Sinn machen.

Kein Al Quaida-Kämpfer, kein Columbine-Schüler, ein Hausmeister, der in einem Neubaugebiet im Ostern Berlins seinen Job erledigt, ist der "Held" in dieser Geschichte. Lars Hagner, 42 Jahre alt, ein fleißiger, freundlicher, unauffälliger Mann ohne besondere Eigenschaften, beginnt seinen Bericht über seinen Alltag, sein Leben, seine Herkunft. Ein Pedant ist er, ein 200-prozentiger, einer mit einem geregelten Tagesablauf. Ledig, kinderlos, aber ab und an mit einer alten Jugendfreundin vögelnd. Kind der DDR, ein ehemaliger Soldat, den das Ende seines Staates kalt erwischte. Ein Mann, der wie so viele in der Zeit nach dem Mauerfall in ein Loch fällt und sich mit der neuen Ordnung des kapitalistischen Westens nicht anfreunden mag.

Pedantisch exakt wie der Ich-Erzähler Hagner entwickelt Sollorz das Bild einer Person, das sich wie ein Polaroid langsam klärt und schärft. Was wir mit zunehmender Schärfe erblicken, ist erschreckend und faszinierend. Der Autor zieht uns in die Gedankenwelt eines Untertan à la Heinrich Mann, der sich Zuneigung durch unbedingten Gehorsam holt. Ein Mensch ohne Selbstliebe, der sich nur über die Aufopferung für jemand anderen wahrnimmt. Und dafür alles tun würde.

Dieser "Jemand" in Hagners Leben ist sein ehemaliger Zugführer Oberleutnant Bossert. Der einzige Mensch, dem er blind vertraut. Der während Hagners Wehrdienstes geholfen hatte, den von ihm verschuldeten Tod zweier Menschen zu vertuschen. Und der ihn auch im neuen Deutschland, das auf seine blühenden Landschaften wartete, nicht im Stich ließ. Bossert holt Hagner in einen geheimen Zirkel von Untergrundkämpfern, deren angebliches Ziel es ist, die neue Ordnung zu stürzen. Hagner ist ein kleines Rad im großen Ganzen, das er nicht durchschaut, dass ihn aber weiterhin mit Bossert verbindet. Und selbst als klar wird, dass ihn sein Vorbild 15 Jahre lang betrogen hat, will der Hausmeister mit seinem mörderischen Doppelleben die Wahrheit nicht wahrnehmen. Die Realität ist für ihn unendlich biegbar so lange nur sein einziger rettender Strohhalm nicht bricht.

Auf "Nachschub" von Michael Sollorz haben wir lange warten müssen, doch es hat sich mehr als gelohnt. Überzeugend, stimmig und packend hat er das Psychogramm eines Mannes entworfen, der tötet, um das Leben spüren zu können. Zugleich ist der Roman, der inzwischen vom Verlag als Kandidat für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagen wurde, ein exzellenter Anknüpfungspunkt für eine Diskussion über die Frage, wie schwule Literatur sein kann oder sein sollte. Nicht die Sexualität oder die sexuelle Identität und die Abarbeitung der damit verbundenen Probleme stehen im Mittelpunkt. Hagner hat Sex mit Männern und Frauen und es gibt die homosexuelle Vergangenheit eines ihm nahestehenden Verwandten, aber das sind alles nur zum Verständnis beitragende Facetten eines Menschen, der am Abgrund steht.

Michael Sollorz, Die Eignung, Männerschwarm Verlag, 158 S., gebundene Ausgabe, 16,80 Euro