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  • Kolumne: Micha Schulze
    Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist geschäftsführender Redakteur von queer.de. Zusammen mit Christian Scheuß hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt „Das Orgasmusbuch“ (Bruno Gmünder Verlag), „Alles, was Familie ist“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf) und „Sexparty! Mehr Spaß bei Dreier, Gangbang und Orgie“ (Himmelstürmer). Auf queer.de schreibt er jeden Monat über Interna aus dem schwulen Redaktions- und Medienalltag.

    22. September 2008, 3 Kommentare

Queer.de intim: Warum der Ordner "Rechtsstreitigkeiten" immer dicker wird und wen wir uns zum 5. Geburtstag des Portals im Knast wünschen

Letzten Donnerstag haben wir einige Flaschen Sekt getrunken in unseren dezentralen Büros in Köln (rechts- und linksrheinisch), in Düsseldorf, Bangkok und auf Ko Samed. Der Grund: Das Landgericht Berlin hat den berüchtigten Abmahn-Anwalt Günter Freiherr von Gravenreuth für 14 Monate in den Knast geschickt – und zwar ohne Bewährung. Juchhu!

Jener Herr Gravenreuth ist uns gut bekannt, im Jahr 2004 durfte ich ihm selbst in einem Kölner Gerichtssaal gegenübersitzen. Der rechtslastige Anwalt hatte uns abgemahnt, weil er – oh Graus! – den Queer.de-Newsletter lesen musste. Er bestritt, sich weder selbst angemeldet noch den Freischalt-Link betätigt zu haben, fühlte sich schwer belästigt, verlangte eine "Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung" sowie die Bezahlung seiner horrenden "Kostennote".

Wir sind nicht die einzigen, die vermuten, dass sich der bayrische Freiherr selbst für diverse Newsletter eingetragen hat, um dann später abzukassieren. Mit ähnlichen Abmahnungen hat er in den letzten Jahren nämlich auch die taz, SPD, Grüne und etliche andere Webseiten überzogen, die ihm nicht gefallen haben. Von "zwei bis drei Fällen pro Woche" sprach eine ehemalige Rechtsanwaltsgehilfin vor Gericht.

Da niemand ohne Freischaltung den Queer.de-Newsletter bekommt, weigerten wir uns zu zahlen. Gravenreuth klagte – und bekam leider von einem älteren Kölner Amtsrichter, der – vorsichtig formuliert – in Sachen Email und Internet nicht sonderlich bewandert war, recht. Zähneknirschend verzichteten wir damals auf die Berufung, weil wir als kleine, junge Mitarbeiter-GmbH über keine gut gefüllte Kriegskasse verfügten.

Seit dem Fall Gravenreuth wissen wir zum einen einmal mehr, dass Recht und Gerechtigkeit nicht unbedingt etwas miteinander zutun haben müssen. Zum anderen steht seither ein dicker Leitz-Ordner "Rechtstreitigkeiten" in der Geschäftsstelle, und in jeder Jahresbudgetplanung taucht ein vierstelliger Posten für Gerichts- und Anwaltskosten auf.

Letzteren schöpfen wir auch meistens aus. In den letzten Jahren haben uns neben Gravenreuth auch ein vermeintlicher Stricher von Rudolph Moshammer, ein verklemmt-schwuler Schützenvereinsvorsitzender und eine gefeuerte TV-Moderatorin mit Muttertick vom Arbeiten abgehalten. Auch homophobe Fundi-Christen und selbsternannte Jugendschützer, denen selbst schlaffe Schwänze zu heiß sind, bemühten Anwälte, Richter, Landesmedienanstalt und sogar die Polizei. Meistens haben wir gewonnen. So wurde ein Ermittlungsverfahren wegen "Verbreitung von Pornographie" (der bisherige Höhepunkt in der Queer.de-Justizkarriere) eingestellt, dennoch blieben wir gelegentlich auf unseren Kosten sitzen, weil manch dreister Kläger sich am Ende als zahlungsunfähig herausstellte.

Hin und wieder, wenn wir Sekt getrunken haben, überlegen wir im Team, ob wir uns nicht auch einfach einen Anwalt angeln sollten, um dann gemeinsam die vielen Webseiten abzumahnen, die über kein ordnungsgemäßes Impressum verfügen oder auf irgendeiner Unterseite einen Schmuddel-Link gesetzt haben. Ließe sich damit nicht viel einfacher Geld verdienen, als mit Artikel schreiben und Banner verkaufen?

Na ja, wenn wir dann wieder nüchtern sind, ist uns die Freiheit des Internets doch wichtiger. Selbst wenn mal wieder ein kleines Gay-Portal allzu dreist unsere Texte klaut, bekommt es kein "Übergabe-Einschreiben" vom Anwalt und keine "Zustellungsurkunde" vom Gericht, sondern erst einmal eine freundliche, aber bestimmte Mail.

Anderes Thema: Mit Erschrecken haben wir letzte Woche festgestellt, dass queer.de am 1. Oktober bereits fünf Jahre alt wird. Jetzt haben wir nur noch eine gute Woche Zeit, um etwas Besonderes auf die Beine zu stellen. Die ersten (noch nicht so wirklich ausgereiften) Ideen reichen von fünf Kerzen im Logo bis zu einer Pressemitteilung, die wahrscheinlich eh niemand abdrucken wird. Lasst Euch einfach überraschen.

Was wir uns zum 5. Geburtstag wünschen? Bloß keine Blumen oder warmen Worte von Volker Beck. Mit dem Einhalten der Net(t)iquette bei den User-Kommentaren wären wir schon mehr als glücklich. Ach ja, und bitte vierzehn Monate Knast nicht nur für den Freiherrn von Gravenreuth, sondern auch für Eva Hermann. Mindestens!



#1 XDAAnonym
  • 23.09.2008, 00:57h
  • Na lehnt euch mit den Knastwünsche für Frau Hermann nicht zu weit aus dem Fenster. :) Sowas kann ins Auge gehen ...

    Im übrigen ist dies die beste von den ganzen "Kolumnen", wobei der Rest den Namen nicht mal verdient.

    Schönen Abend noch und Glückwunsch zum 5. Geburtstag.
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#2 alfAnonym
  • 23.09.2008, 08:17h
  • Dank sei der taz die diesen Edelmann in den Knast gebracht hat. Ich kenn eine Edelfrau die dem leider nicht folgt...
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#3 Tim_ChrisProfil
  • 23.09.2008, 13:28hBremen
  • Antwort auf #1 von XDA
  • "Im übrigen ist dies die beste von den ganzen "Kolumnen","

    Da stimme ich dir uneingeschränkt zu. Finde es immer wieder spannend und interessant, vor allem aber auch gut geschrieben.

    Die Wünsche folgen aber erst am Geburtstag. Ich glaube zwar nicht an alten Aber, doch herausfordern möchte ich es auch nicht. Vorgezogene Glückwünsche sollen ja bekanntlich Unglück bringen ;-)
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