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  • 03. Oktober 2008, noch kein Kommentar

Manchmal ist es einfacher, eine Bedienungsanleitung für das Space-Shuttle zu lesen als einen Reisekatalog. Tausende Abkürzungen scheinen die Leser hier zu erwarten – und nicht immer wird erklärt, was das bedeutet.

Von Dennis Klein

Ein Hotel in Österreich wirbt in einem Reisekatalog mit "BB" und "GS". Schwule mit Gayromeo-Erfahrung könnten meinen, in dem bieder dreinblickenden Tiroler Häuschen stünden Bareback und Gruppensex an. Aber weit gefehlt: "BB" heißt Bergblick, "GS" ganz profan die Gartenseite. Der Katalog weist weitere Kuriositäten auf: Ein dänisches Gästehaus ist günstig, wenn "NS" stattfindet. Natursekt? Nein, Nebensaison! Fast jedes Haus preist sein "BD". Nämlich das Bad, nicht fesselnde Bondage. Und für ganz Harte scheint es in Spanien "SM" zu geben. Damit wird nicht auf eine sexuelle Spielart hingewiesen, sondern auf seitlichen Meeresblick.

Diese Abkürzungen saugen sich die Reiseveranstalter nicht aus den Fingern. Wie in Deutschland üblich, sind sie genormt – und zwar durch die DIN-Norm 77001 "Kurzzeichen in Reisekatalogen". Das Deutsche Institut für Normung e. V. hat immerhin 72 Abkürzungen als verbindlich festgelegt von A (wie Abendessen) bis ZS (wie Zwischensaison). Besonders gebräuchlich sind dabei F, HP und VP (Frühstück, Halbpension, Vollpension). Auch Ü (Übernachtung) oder Ü/F (Übernachtung mit Frühstück) sind oft anzutreffen – und wenn’s in den Budget-Bereich geht, wird man OV (ohne Verpflegung) entdecken. Man sieht auch oft Punkte, die in manchen Gegenden von großer Wichtigkeit sind, wie beispielsweise AC (Air Conditioner/Klimaanlage). Allerdings reicht selbst diese umfangreiche Liste nicht aus, um das Kauderwelsch in Katalogen zu entflechten.

Denn Reiseveranstalter bedienen sich nämlich oft einer Reihe von schönen Umschreibungen, die einen nicht perfekten Ort perfekt erscheinen lassen. Viele von diesen Taschenspielertricks sind bereits von deutschen Gerichten verboten worden, da sie mehr verschleiern als aufklären. Touristen, die so geneppt wurden, können ein Teil ihres Geldes wieder zurückerhalten.

Manche dieser Trickhalbsätze klingen wunderbar, wie "Hotel in aufstrebender Umgebung". Wer will nicht dort hin, wo es bergauf geht in Zeiten flauer Konjunktur? Was damit aber wirklich gesagt werden soll, ist weniger schön: Es wird in der Umgebung viel gebaut, und der Lärm ist kaum auszuhalten. In eine ähnliche Richtung geht "Hotel in relativ ruhiger Lage". Relativ zu was? Zur Kneipe an Silvester? Und auch gefährlich ist die Aussage: "gelegentlicher Fluglärm". Wie "relativ" ist das Wort "gelegentlich" dehnbar: Ist es einmal in zehn Stunden oder zehnmal in einer Stunde laut wie bei einem Schlagbohrhammer? Das kann den Urlaub sehr trüben, vor allem wenn man ausgiebige Erholungstage im kühlen Nass gebucht hat.

Bei Strandhotels tricksen die Schreiber von Reisekatalogen besonders gerne. "Direkt am Meer gelegen" kann beispielsweise heißen, dass das Hotel oberhalb des Meeres auf einer Klippe liegt. Oder es kann sein, dass es zwar ein Meer gibt – aber keinen Strand. Diese Beschreibung ist nicht zulässig. Erlaubt ist dagegen eine Formulierung wie "Stadtstrand" oder "naturbelassener Strand" – das kann ein Hinweis darauf sein, dass hier nicht sehr oft sauber gemacht wird. "Korallenstrand" kann bedeuten, dass überall spitze Korallenfelsen herumliegen und es unmöglich ist, sich auf dem Badetuch zu aalen oder ohne Schuhe zu laufen. Dagegen ist "Korallensand" oder "Strand aus weißem Muschelkalk" eine schöne Sache: Hier findet man feinsten weißen Sand, der zudem noch nicht so schnell heiß wird wie gewohnt.

Natürlich sollen nicht alle Umschreibungen in Katalogen verschleiern. "Gute und viele Einkaufsmöglichkeiten nur 200 Meter entfernt", bei dieser Aussage muss es auch genauso stimmen oder man kann den Reisepreis mindern. Der Hinweis ist insbesondere für Eigenversorgern Gold wert. Bei der Angabe "in ruhiger Lage" kann man sich wirklich entspannen. Allerdings werden hier Partygäste á la Ballermann nicht auf ihre Kosten kommen.

Tritt ein Mangel auf, sollte man sich erstmal bei der Rezeption des Hotels oder dem Reiseveranstalter direkt beschweren – am besten schon während der Reise, so dass die Verantwortlichen die Möglichkeit haben, den Schaden abzustellen. Wenn man einen Teil des ausgegebenen Geldes zurückerhält, dafür aber zwei Wochen in der Hölle gelebt hat, ist das für beide Seiten nicht befriedigend. Man sollte in seiner Beschwerde am besten die Seiten aus dem Katalog eigenen Bildern und Beschreibungen der Situation gegenüber stellen. Hat der Reiseveranstalter versäumt, den Mangel zu beseitigen, kann man den Preis zurückverlangen oder sogar Schadensersatz verlangen. Zulässig ist, dass der Veranstalter seine Schadensersatzhaftung im Reisevertrag auf den dreifachen Reisepreis beschränkt (außer bei Körperschäden). Allerdings ist es nicht ratsam, auf Schadenersatz zu spekulieren. Denn eine Klage gegen den Reiseveranstalter kann langwierig, teuer und nervenaufreibend sein – danach bräuchte man also erst mal wieder einen langen Urlaub.