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  • Kolumne: Mark Simpson
    Der „Skinhead Oscar Wilde“, wie er in Großbritannien genannt wird, ist der Erfinder des Begriffs metrosexuell und ein ausgewiesener Kritiker der klassischen Schwulenbewegung. In den Neunzigern stieß er mit der Anthologie „Anti-Gay“ eine breite Diskussion über die Fehler der Schwulenbewegung an. Seine klugen und witzigen Essays erscheinen in Zeitungen und Magazinen wie „The Independent“ oder „Details", Lob erhielt er auch für eine Biographie des Sängers Morrissey. Im Magazin Front schreibt er erstmalig auf Deutsch, queer.de darf diese Texte freundlicherweise übernehmen. Mehr Infos über den Autor unter www.marksimpson.com.

    08. Oktober 2008, 3 Kommentare

Der kurzgeschorene Oscar Wilde teilt aus: Das Revolutionäre an Make-up und Mascara für den Herrn

Großbritannien, das Land, das Metrosexualität in der bezaubernden Form von David Beckham zur Perfektion gebracht und in alle Welt exportiert hat, scheint gerade einen kleinen Nervenzusammenbruch angesichts der Frage zu erleiden: Was haben wir dem modernen Mann bloß angetan – und seinen Wimpern? Unfassbar, wie Teile der Insel-Presse diesen Sommer mit den (gebleichten) Zähnen knirschten und sich die (gegelten) Haare rauften, nur weil "Superdrug" (eine Art britischer Schlecker) mit einer Kosmetikserie für Männer an den Start ging – man hätte denken können, Superdrug verkaufe keine Abdeckstifte, "Manscara" und "Guyliner", sondern Kastrationshilfen für zuhause.

Die verächtlichen Artikel der männlichen Mittelschichtsjournalisten in so liberalen Blättern wie der Times oder dem Guardian erinnerten mich an die hässlicheren Bauernjungen meines nordenglischen Marktfleckens, in dem ich seit einiger Zeit lebe, die ihre hübscheren Kollegen gerne "faggots", also "Schwuchteln", nennen, wenn sie ein parfümiertes Duschgel benutzen (obwohl die Bauernjungs das Wort zärtlicher meinen, als es klingt).

Bis jetzt hatte das Aufpimpen männlicher Schönheit stets hinter geschlossenen Badezimmertüren stattzufinden; die Sache zu leugnen musste wenigstens theoretisch möglich bleiben: "Um Himmels willen, nein, ich benutze doch keine Kosmetik, ich wache einfach auf und sehe aus wie Brad Pitt!" Im Unterschied zur "gemachten" weiblichen Schönheit sollte männliche Schönheit unbefangen und ungekünstelt daherkommen. Wie schon die Metrosexualität, so zerstört auch männliches Make-up die tröstenden Klischees über schwul und hetero, männlich und weiblich, normal und verrückt. Es macht das Bedürfnis von Männern, sich schön zu fühlen, öffentlich. Ist es erst einmal in Ordnung, werden wahrscheinlich Männer, die auf Frauen stehen, viel öfter zum Pinsel greifen als jene, die eher Männer mögen. Nur deshalb ist der Aufschrei so groß! Heteros wissen, wenn sie ihren Trieben folgen, werden sie am Ende aussehen wie Ludwig XV.

Im Übrigen hat die Zukunft längst begonnen. Während alternde Journalisten in ihren sterbenden Zeitungen noch wider die Sünde männlichen Make-ups predigen, kleckern und klotzen im britischen Big Brother halbnackte aufgepumpte Jungs, die gerne Stars wären, mit Foundation, Eyeliner und schwarzem Fingernagellack, ganz wie ihre Emo-Helden. Und bei Olympia zeigt sich der gerade 14-jährige britische Turmspringer Tom Daley so künstlich gebräunt, als wäre er in wasserfeste Ganzkörperschminke gesprungen.

Der Stolz aufs Männer-Make-up auf Europas Hauptstraßen zeigt vor allem eines: Nichts, was Frauen tun, um schön zu sein, kann im Zeitalter der Metrosexualität für Männer als verboten gelten. In der postfeministischen Welt gönnen junge Männer dem fairen Geschlecht nicht länger irgendwelche unfairen Vorteile, auch nicht den, nach einer durchzechten Nacht am nächsten Morgen fabelhaft auszusehen.



#1 Diz!Anonym
#2 XDAAnonym
#3 antos
  • 12.10.2008, 08:20h
  • "Im Unterschied zur "gemachten" weiblichen Schönheit sollte männliche Schönheit unbefangen und ungekünstelt daherkommen."

    Passt. Und so folgen immer noch einer frühbürgerlichen, christlich durchsetzten Moral - von Nietzsche konsequent 'Sklavenmoral' genannt und in ihrer Ressentimentgeladenheit bestens beschrieben - , die 'das Echte', 'das Einfache', 'die Natur' etc. blabla als Waffe gegen den anmaßenden Adel mit seiner 'Unnatur', seinem 'Prunk' und seiner 'falschen Höflichkeit' ausspielt. Der Kampf der 'Tiefe' gegen die 'Oberflächlichkeit' - ein Kampf um Macht.

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