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  • 08. November 2008, noch kein Kommentar

Die indonesische Hauptstadt wird in der Regel nur als kurzer Zwischenstopp vor der Weiterreise nach Bali oder Java wahrgenommen. Doch auch hier gibt es schwules Leben, das es zu entdecken gilt.

Von Christian Scheuß

Kein Zweifel, diese Stadt ist hässlich und eine Zumutung für Fußgänger. Urbanes Leben, wie man es zum Beispiel von Bangkok gewohnt ist, wo auf beinahe allen Straßen Essenstände aufgebaut sind und auf den öffentlichen Plätzen das Volk flaniert, muss man sehr lange suchen. Hier geht man nicht spazieren, hier steht man mit dem Auto im Stau, um irgendwann von A nach B zu gelangen.

Wer also die Stadt besichtigen möchte, der kann sich auf die wenigen Punkte konzentrieren, die im "Lonely Planet - Indonesia" auf ein paar Seiten beschrieben sind: Das "Willkommensdenkmal" mit den umliegenden großen Shoppingcentern, Kota, das alte Viertel der ehemaligen niederländischen Kolonie, das chinesische Viertel Glodok und zum Abschluss das National Monument, die riesige Säule inmitten eines Parks im Zentrum der Stadt, die von der Bevölkerung auch als Soekarnos letzte Erektion verspottet wird. Der komplett mit Marmor verkleidete, 132 Meter lange und mit einer Aussichtsplattform bestückte Superdildo wurde von Diktator Soekarno 1961 in Auftrag gegeben, die Eröffnung erlebte er aber nicht mehr.

Im Park – wie überall auf der Straße – kann es passieren, dass man von jungen Männern angesprochen und in Gespräche verwickelt wird. Man kann sich darauf gefahrlos einlassen, wenn man die Zeit hat, oder sich mit einer freundlichen Entschuldigung zurückziehen. Als Tourist ist man ein Exot in Jakarta, die Leute sind einfach nur neugierig, keiner möchte einem irgendwann Teppiche andrehen oder sich als vermeintlich günstiger Guide anbieten. Und es ist auch kein Cruising, wie man vielleicht vermuten könnte. Es ist die indonesische Form des Smalltalks.

Wer im Sommer 2008 einen Besuch in Jakarta abstattete, der wird bei diesen Smalltalks auf den großen Skandal mit dem homosexuellen Serienmörder Ryan angesprochen worden sein. Im Juli wurde der schwule Mann verhaftet, der insgesamt elf Morde an Männern gestand. Die Medien ließen Experten zu Wort kommen, die ernsthaft behaupteten, Homosexuelle neigten eher zu Verbrechen und unmoralischem Verhalten. Der Pressehetze folgte eine Kampagne gegen Schwule und Lesben, organisiert von religiösen Organisationen. Die Polizei führte verstärkt Razzien an schwulen Treffpunkten durch, wie die Homoorganisation "Rainbow Current" berichtete. Das muslimisch geprägte Land hat nach wie vor seine Probleme mit Homosexualität, sobald sie an die Öffentlichkeit dringt.

Glücklicherweise hatte die Aufregung um den Killer keinerlei Auswirkung auf das wichtigste Kultur-Event der Community. Das schwul-lesbische "Q! Filmfestival" konnte ohne Zwischenfälle stattfinden. Zum siebten Mal bereits wurden eine Woche lang internationale Spielfilme, Dokus und Kurzfilme gezeigt, eingerahmt von ausschweifenden Partys. Ein rund zwölfköpfiges ehrenamtliches Team organsiert das Festival, dass mit 6.500 BesucherInnen in 2008 das größte Homo-Filmfestival Südostasien ist. Wer es mit seinem Urlaub einplanen kann, der sollte versuchen, während des Festivals, das jedes Jahr im Sommer stattfindet, in Jakarta zu sein und den direkten Kontakt zu den Organisatoren suchen. Es gibt keine bessere Möglichkeit, Zugang zur Szene zu bekommen, die sich den Rest des Jahres eher bedeckt hält und deren Treffpunkte allein schwer zu finden sind.

Das gilt selbst für das Heaven, Jakartas berühmteste Szenedisco, die jeden Freitag und Samstag fest in schwuler Hand ist. Kein einziges Hinweisschild führt zu dem überraschend stylischen Club mit Gogo-Dancern, der sich im Obergeschoss einer sonst längst geschlossenen Shopping-Mall versteckt.

Im Heaven, wie auch in allen andere Cafés und Bars der Stadt, ist der Kontakt recht schnell hergestellt. Man muss einfach nur mit dem beginnen, was man tagsüber auf den stickigen Straßen Jakartas gelernt hat: Dem Smalltalk auf indonesische Art.