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Filmemacher Isaac Julien zeigt in "Derek", wie das schwule Multitalent Derek Jarman aus seinem Leben ein Fest machte, zu dem jeder eingeladen war.

Von Carsten Weidemann

Ein Off-Kommentar. Tilda Swinton beginnt ihren "Letter To An Angel" vorzulesen, einen eindringlichen und verführerischen Text, geschrieben 2002. Zu diesem Zeitpunkt war Jarman, einer der meistgeliebten und originellsten Künstler Großbritanniens, bereits 8 Jahre tot. Ein aufrichtiges und bislang nicht veröffentlichtes Interview, 1991 gedreht mit einem schon von der tödlichen Krankheit gezeichneten Jarman, ist das Herz dieses Films. Der Brief und das Interview sind verwoben mit kaum bekannten Super-8-Filmen des Künstlers und seiner Eltern, Archivmaterial, Ausschnitten aus den Spielfilmen, Popvideos, privaten Aufnahmen und neuen Bildern: Tilda in Dungeness und London, Isaac Julien, der diese Dokumentation produziert hat, im Jarman-Archiv.

Über diese drei Stränge treffen wir Derek, den Renaissancemenschen. Den Künstler, Maler, Autor, Aktivisten, Gärtner und – vor allem – Filmemacher. Wir lernen seine Eltern kennen und hören Geschichten aus seiner Kindheit und frühen Jugend, erhalten Hinweise auf seine spätere Karriere durch seinen frühen Umgang mit Leuten wie David Hockney und Patrick Proctor in den Prä- Punk-60s. Nach dem Umzug zur Londoner Bankside produzierte er die selten gezeigten Bankside Studio Filme, ein Skizzenbuch über sein Atelierleben und die schrägen Menschen, mit denen er zusammen arbeitete – und natürlich über die wilden Partys mit Ken Russell und Tennessee Williams. Russell war es auch, der Jarman den ersten Job als Film-Ausstatter verschaffte. Bald darauf entdeckte er das Super-8-Format und dann ging alles ganz schnell.

Youtube | Interview mit Isaac Julien und Tilda Swinton über die Doku "Derek" (engl.)

Erzählen nach Drehbuch war nichts für ihn. Stattdessen bevorzugte er einen zeichnerischen Zugang, schuf vibrierende Montagen aus Bildern und Ideen. 1976 kam mit dem provokanten homoerotischen "Sebatiane" der erste Spielfilm, gefolgt vom respektlosen "Jubilee" (1977), einem der allerersten Punk-Filme, der Jarman als Helden des Undergrounds bekannt machte. Jarman konnte gar nicht anders als auf die Gesellschaft zu reagieren, in der er lebte, auf das Land, das bald Thatcher’s Britain wurde. Seine Antwort auf die Eiserne Lady war eine bilderstürmerische Kunst, die die so heilig beschworene britische Identität aus der Erfahrung einer repressiv-chaotischen Gegenwart dekonstruiert.

Parallel zu seiner Filmkarriere arbeitete er mit den wichtigsten Musikern und Künstlern seines Landes zusammen: The Smiths, Throbbing Gristle, Brian Eno, Coil, The Pet Shop Boys, dem Tänzer Michael Clarke. Er produzierte Musikvideos und Installationen für Liveshows.

Nach der Aids-Diagnose 1986 und angesichts der sich ankündigenden Blindheit und des unausweichlichen Todes schuf Jarman seine vielleicht schönste Arbeit: "Blue" (1993), in dem eine reiche und lebhafte Landschaft von nur einem einzigen visuellen Bestandteil heraufbeschworen wird: Yves-Klein-Blau zu einer poetischen Erzählung.

Im Interview, kurz vor seinem Tod, erleben wir einen euphorischen und aufsässigen Jarman. Da das Produzieren von Filmen für ihn zu aufwändig geworden war, ist er zu seiner ersten Liebe, der Malerei, zurückgekehrt. Ein letzter Blick gilt Jarmans Garten in Dungeness, der im Angesicht eines Kernkraftwerks in widrigsten Wetterbedingungen gedeiht – ein lebendes Denkmal für die Überlebensfähigkeit eines Spirits und einer künstlerischen Vision.

Derek, UK 2008, 76 Min, OmU, Edition Salzgeber, läuft bundesweit ab dem 22. Jan 09 in diversen Programmkinos.



#1 roterginsengEhemaliges Profil
  • 22.01.2009, 13:50h
  • also, wer noch nicht tot ist:

    euphorisch und aufsässig.

    und damit die beine nicht einschlafen:

    aufständig.
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