Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?9968
  • 05. Februar 2009, noch kein Kommentar

Mr. Weltschmerz legt ein neues Album vor. Es ist keine Höchstleistung, aber wir werfen trotzdem unsere Arme um ihn.

Von Norbert Blech

Es hat sich viel verändert für Steven Patrick Morrissey in den letzten Jahren: Der einstige Mr. Weltschmerz, Zyniker und Menschenhasser ist entspannter geworden, freundlicher und besser gelaunt, beinahe versöhnt mit der Welt. Das ist durchaus nett anzusehen (und auch eine kleine Wampe kann jemanden Ende 40 durchaus stehen), und dass er sich auch in den Jahren nicht verbogen hat, ist im Vergleich zu vielen anderen Musikern seiner Generation ein Beweis, dass man auch in Würde altern kann.

Doch mit seinem Weltschmerz hat Morrissey irgendwie auch sein Hauptthema verloren und kann nicht so richtig ein neues besetzen. Das fiel bei den letzten beiden Alben noch nicht so auf, da er perfekt passende Songs zu seinen neuen Wohnorten (Los Angeles, Rom) ablieferte oder die neu entdeckte Freude an der Welt in eben diese hinaus posaunte ("At last I am born"). Doch auf dem neuen Album "Years of Refusal", das in wenigen Tagen erscheint und mit dem er im Juni durch Deutschland tourt, sind die meisten Songs ohne Relevanz, Wirkung, Emotion; eine Ansammlung von B-Seiten. Trotz gelungener Ausnahme-Songs und wie immer überzeugender Musik der Band um Boz Boorer kann das neue Album das Herz nur halb erwärmen. Bei einem Ausnahme-Künstler wie Morrissey ist mehr drin.

Youtube | Das Video ist Arbeitsverweigerung, der Song perfekt: die neue Single "I'm throwing my arms around Paris"

The lost art of writing a pop song

Herausragend ist die neue Single-Auskopplung "I'm throwing my arms around Paris" (denn "nur Stein und Stahl" akzeptieren seine Liebe). Der Song hätte in früheren Zeiten den Eurovision Song Contest gewinnen können, nein, müssen, als dort noch echte Pop-Songs ausgezeichnet wurden: Ein Gedanke, eine Stimmung, 2,30 pompöse Minuten.

Perfekt fürs Radio, vielleicht sogar mal für die deutschen Dudelfunkwellen. Auch die bereits im letzten Jahr bekannt gewordenen Tracks "All you need is me" und "That's How People Grow Up" eignen sich zum WDR2-Durchnudeln. Andere Songs des Albums sind leicht rockiger geraten, gelangen aber nicht an die Hits des Comeback-Albums "You are the Quarry" von vor vier Jahren heran, dessen "First of the gang to die" noch heute schwule Indie-Tanzflächen füllt, ein Gedicht von einem Lied (wer Probleme mit englischen Lyrics hat: es gibt einen leicht merkwürdigen Mann namens Perrecy, der sich an einer Übersetzung der Songs auf Deutsch versucht und diese unter Zuhilfenahme einer Ukulele und recht viel Mut perfomt: "Der erste der Jungs der starb"). Die Lyrics des neuen Albums können da nicht mithalten, sie wirken teilweise erschreckend belanglos.

Youtube | "And he stole all hearts away": Morrissey singt "First of the gang to die". Aus der Must-Have-DVD "Who put the 'm' in Manchester?"

Die Mutter aller Emo-Boys

Lesern, die Morrissey bisher wenig kennen, sei da eher die Doppel-Compilation-CD "The Sound of the Smiths" aus dem letzten Herbst an Herz gelegt; 51 Songs der einflussreichen Band aus Manchester, neu gemischt unter Aufsicht des Gitarristen Johnny Marr. In Deutschland galten die Smiths vor allem als Ausdruck der Traurigkeit der 80er Jahre, doch das wird der Sache nur halb gerecht: das unvergleichliche "Girlfriend in a coma" ist mit Witz zu genießen, "Panic" war nicht nur damals ein Hit zum Abi-Ball und "There is a light that never goes out" ist das Liebeslied der Großstadt. Es ist Marr zu verdanken, dass die Songs noch heute frisch klingen, was man nicht von Vielem aus der Epoche sagen kann.

Es waren aber vor allem die intelligenten, sexuell mehrdeutigen, hyper-emotionalen, aber auch lustigen wie lustvollen Lyrics Morrisseys, die den Songs Reife und Würde geben. Vorgetragen von einem Gladiolen schwingenden, beinahe jodelnden Sänger; kein Wunder, dass das US-Magazin "Out" kürzlich zwei Smiths-Werke in die Top Ten der schwulsten Alben aller Zeiten aufgenommen hat (queer.de berichtete). Sehnsuchtsvolle Lyrics, homoerotische Plattencover, Musikvideos vom schwulen Regisseur Derek Jarman, Kontroversen und und und - die Smiths werden auch in hundert Jahren noch Relevanz haben, bei Jung und Alt, hetero und schwul, dumm und gebildet. Das schafft nicht jeder, und es wäre schade, sollte Morrissey ausnahmsweise mal eine Drohung war machen und mit dem 50. Geburtstag in diesem Jahr seine Karriere beenden.

Youtube | "This Charming Man", The Smiths in der Markthalle Hamburg, 4. Mai 1984


Morrisseys bestes Album

Neu aufgelegt; "Vauxhall and I – 20th Anniversary Definitive Master" ist ein makelloses Pop-Album mit brillanten und melodischen Songs.