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Queere Historienmalerei

Elagabalus' Lover, 2020 , Öl auf Leinwand
  • 16. Februar 2020, noch kein Kommentar

Unter dem Titel "Death is Not a Piece of Cake" setzt die rumänische Malerin Hortensia Mi Kafchin in der Berliner Galerie Judin ihre eigene Transition ins Bild.

Das Jahr 2015, in dem sie den Prozess der Geschlechtsangleichung begann, markierte eine wichtige Zäsur in Leben und Werk der 1986 geborenen Künstlerin. Kafchin, die über Jahre mit diversen Materialen experimentiert und ihre Gemälde zumeist auf ungewöhnlichen Bildträgern angefertigt hatte, wandte sich allmählich der klassischen Leinwandmalerei zu, wobei sich Ihre Farbpalette deutlich aufhellte. In den Jahren 2016 und 2017 spiegelten zahlreiche kleinformatige Werke die emotionale Achterbahnfahrt, auf der sich die Künstlerin jener Zeit befand.

Seither entstanden zunehmend großformatige, farbintensive Gemälde, in denen Kafchin die großen Fragen und Hoffnungen ihrer Selbstwerdung facettenreich aufgreift. Die Gemälde könnten hinsichtlich ihrer Technik und Komposition kaum klassischer, hinsichtlich ihrer Thematik und Eindringlichkeit kaum aktueller sein.

Mit den vier großformatigen Gemälden ihrer zweiten Einzelausstellung in der Galerie Judin hat Kafchin ihre persönliche Entwicklung der letzten Jahre in symbolischer Gestalt reflektiert. Das Hochformat "Social Anxiety" ist ein Selbstporträt der Künstlerin, die ihr Gesicht zu verdecken und einem angriffslustigen Rudel geflügelter Augäpfel zu entkommen versucht. Doch der Fluchtversuch ist aussichtslos: Wolken formen sich zu gaffenden Fratzen und verdunkeln den Himmel, die Körpermitte ist bereits von einem fliegenden Sägeblatt durchtrennt - und der nächste Schritt wird in den Abgrund führen.


Social Anxiety, 2019, Öl auf Leinwand

Es ist Kafchins schonungsloses Resümee der letzten Jahre. Die ersten wichtigen Schritte ihrer Geschlechtsangleichung hatten nicht zu der ersehnten Freiheit und Unbeschwertheit geführt. Das Gefühl, eigenen und fremden Ansprüchen nicht zu genügen, lähmte die Künstlerin geradezu.

In einem weiteren Großformat hat Kafchin einen plakativen tierischen Hoffnungsträger ins Bild gesetzt. "Elagabalus' Lover" zeigt den einstigen Sklaven Hierocles, der als Wagenlenker im Circus Maximus die Aufmerksamkeit und das Herz des römischen Kaisers Elagabal - vermutlich die erste trans Person, die einen Staat lenkte - gewann. Hierocles wurde zum Geliebten und Günstling des unfähigen Kaisers. Die Verbindung sollte Geschichte schreiben: Die Verschränkung von vermeintlich "perverser" Sexualität und politischer Macht wurde zum Sinnbild spätrömischer Dekadenz.

Kafchin konterkariert dieses Narrativ, indem sie ein kraftstrotzendes, lebensfrohes Pferd in den Farben des Regenbogens zwischen den Wagenlenker und den sich auf der Tribüne befindlichen Herrscher setzt. Mit Leichtigkeit vermag es sich auf der großen Bühne des Circus Maximus zu behaupten. Als optimistischer Antipode zu "Social Anxiety" schließt das Gemälde den Spannungsbogen Kafchins neuer Großformaten. Es ist eine Art Talisman für den letzten Schritt von Kafchins Selbstwerdung, jene Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit und etwaigen reaktionären Moralvorstellungen.

Kafchins lustvolle Aktualisierungen von mythologischen und historischen Stoffen laden nicht nur zum Hinterfragen gewohnter Lesarten von Vergangenheit und Gegenwart ein. Mit ihren monumentalen Gemälden hebt die Künstlerin geradezu eine neue Kunstgattung aus der Traufe. Kunsthistorische Traditionen, überlieferte Narrative und progressive gesellschaftspolitische Forderungen verbinden sich mit Kafchins eigensinnigem Motivspektrum zu einer neuen Form der Historienmalerei: Kafchin schafft mit ihren Werken eine queere Historienmalerei.

Hortensia Mi Kafchins Ausstellung "Death is Not a Piece of Cake" ist noch bis zum 11. April 2020 in der Berliner Galerie Judin (Potsdamer Str. 83) zu sehen. (cw/pm)



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