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Selbstbewusst, queer, arabisch

Bild: Soufiane Ababri

Die neue Ausstellung "Mithly" im Frankfurt am Main feiert die traditionsreiche und lebendige queere Kultur der arabischen Welt.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in der Vorstellungswelt Europas wohl keinen anderen geografischen Raum, der so stark mit männlicher Homoerotik assoziiert wurde, wie der arabischsprachige. Einen Anteil daran hatten auch Schriftsteller wie André Gide und Oscar Wilde, die mit ihren Büchern und Reisen dazu beitrugen, den "Orient" als schwulen Sehnsuchtsort zu etablieren.

Während diese Imaginationen noch nachhallen, wird die arabischsprachige Welt heute aber meist als zutiefst homophob markiert. Viel weniger präsent sind hierzulande die Zeugnisse eines homosexuellen Emanzipationskampfes und einer lebendigen queeren Kultur, die mal offener und mal verdeckter gelebt wird. Sie antwortet auf die von den ehemaligen Kolonialmächten eingeführte und von den islamistischen Bewegungen vorangetriebene Ächtung und Kriminalisierung gleichgeschlechtlichen Begehrens.


Bild: Soufiane Ababri

Welche kulturellen Praxen entwickeln Queers in arabischen Gesellschaften? Wie kam es dazu, dass der "Orient" in einer Epoche, in der in Europa noch ein repressives Sexualregime vorherrschte, als sexualisiert, lasziv, dekadent und effeminiert galt und heute, in Zeiten der repressiven Entsublimierung hauptsächlich als prüde, patriarchal, viril und rückwärtsgerichtet gekennzeichnet wird? Wie könnte eine queere Kultur beschaffen sein, die auf universeller Befreiung von heteropatriarchalen Strukturen besteht, dabei aber nicht nur auf in westlichen Gesellschaften entwickelte Strategien zurückgreift?

Die Video-Installation "Mithly" von Julian Volz - der Titel ist ein arabisches Wort für Homosexuelle - versteht sich als Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen. Sie beschäftigt sich zum einen mit orientalistischen Fantasien über männliche Homosexualität und untersucht, welche Rolle das männliche gleichgeschlechtliche Begehren bei der Konstruktion zweier vermeintlich inkommensurabler und hierarchisch geordneter kultureller Räume spielte. Dem werden zum anderen Einblicke in die künstlerischen Positionen von Künstler*innen aus der Region selbst gestellt, die dem selbstbewusst eine eigene queere visuelle Praxis entgegenstellen.

Zusätzlich werden in der Ausstellung neue, bisher nicht ausgestellte Zeichnungen aus der Serie "bedworks" des marokkanischen Künstlers Soufiane Ababri zu sehen sein. In seien "bedworks" dekonsturiert Ababri Männlichkeitsbilder und setzt sich mit Machtverhältnissen zwischen arabischen und europäischen Männern in der schwulen Subkultur auseinander.

"Mithly" ist vom 21. August bis 15. November immer freitags von 15 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung (hello@synnika.space) im Kunstraum Synnika im NIKA.haus (Niddastraße 57, Frankfurt am Main). Vernissage ist am Donnerstag, den 20. August um 19 Uhr, ab 20 Uhr gibt es Gespräch zwischen Julian Volz, Soufiane Ababri und Antoine Idier. Die Ausstellung wird unterstützt vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Kulturamt Frankfurt. (cw/pm)



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#1 goddamn liberalAnonym
  • 20.08.2020, 11:09h
  • "Sie antwortet auf die von den ehemaligen Kolonialmächten eingeführte und von den islamistischen Bewegungen vorangetriebene Ächtung und Kriminalisierung gleichgeschlechtlichen Begehrens."

    Das ist faktisch falsch in Bezug auf die französischen Kolonien!

    Das ersetzte die Straffreiheit des bürgerlich-revolutionären Code Penal die Todesstrafe der Scharia, die allerdings nicht allzu oft vollzogen wurde.
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#2 komplizierterAnonym
#3 einfachAnonym
  • 20.08.2020, 12:36h
  • Antwort auf #2 von komplizierter
  • Der historische Blick ist selbstverständlich maßgeblich. Allerdings muss er muss auch wirklich bis ans Ende geschaut werden.

    Zum einen scheint hier eine Einheit von "arabisch" und "muslimisch" konstruiert zu werden, die eigentlich nur Islamisten gefallen kann.

    Zum anderen sind viele Jahrzehnte seit der Kolonialzeit vergangen, in der die ehemaligen Kolonialmächte Homosexualität entkriminalisiert haben, die ehemaligen Kolonien jedoch nicht - und das aus ganz eigenen Gründen jenseits der Kolonialzeit.

    Es stehen also zweifelsohne die heutigen Regierungen LGBT*IQ-hassender Gesellschaften in der Verantwortung - ohne jede Entschuldigung durch längst vergangene Kolonialsysteme.

    Eine weitere Gefahr ist in Afrika, dass neue LGBT*IQ hassende Kolonialmächte ihren Einfluss festigen und der LGBT*IQ-Community das Leben zur Hölle machen: Russland und China.
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#4 goddamn liberalAnonym
  • 20.08.2020, 17:47h
  • Antwort auf #3 von einfach
  • "Zum einen scheint hier eine Einheit von "arabisch" und "muslimisch" konstruiert zu werden, die eigentlich nur Islamisten gefallen kann."

    So ist es.

    Der arabische Sklavenhandel war z. B. nicht unbedingt muslimisch begründet. Das politische Chaos in der heutigen arabischen Welt ist es auch nur teilweise.

    Man stelle sich nur mal vor, man würde alle historischen Probleme Europas von der Bibel her erklären wollen.
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#5 goddamn liberalAnonym
  • 20.08.2020, 18:25h
  • Antwort auf #2 von komplizierter
  • Der postkoloniale britische Justizhorror funktionierte auch ohne Islam, siehe Australien:

    "As part of the British Empire, Australian colonies inherited anti-homosexuality laws such as the Buggery Act of 1533. These provisions were maintained in criminal sodomy laws passed by 19th century colonial parliaments, and subsequently by state parliaments after Federation.[1] Same-sex sexual activity between men was considered a capital crime, resulting in the execution of people convicted of sodomy until 1890. The laws also punished sodomy between heterosexual partners, but did not apply to lesbian relationships. Oral sex as well as masturbation, whether heterosexual or homosexual, public or private, were also criminal offences.[19]

    Different jurisdictions gradually began to reduce the death penalty for sodomy to life imprisonment, with Victoria the last state to reduce the penalty in 1949." (wiki)

    Wie gesagt: Der Kontrast zu Frankreich ist auch hier augenfällig
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