https://queer.de/b?4314
Chronist der West-Berliner Schwulen- und Tuntenszene
- 29. September 2023
Jürgen Baldiga, Kaspar & Ilse, 1985/6. Courtesy Aron Neubert und Halle für Kunst LüneburgVor 30 Jahren starb der Berliner Fotograf Jürgen Baldiga an den Folgen von Aids. Jetzt widmet die Halle für Kunst in Lüneburg dem schwulen Künstler eine große Ausstellung.
Jürgen Baldiga (1959-1993) war nicht nur Fotograf, ein Chronist seiner Zeit – der Westberliner Schwulen- und Tuntenszene während der Aids-Krise in den 1980er Jahren. Er war auch Dichter, Aktivist und "Koch / Barkeeper / Geliebter / Prostituierte / Gelegenheitsarbeiter", wie er sich selbst in einem Tagebucheintrag beschrieb.
Sein amateurhafter Griff zur Spiegelreflexkamera rührte weniger von der Ambition her, ein aufstrebender Fotokünstler zu werden, sondern war 1985, ein Jahr nach seiner HIV-Diagnose, seinem Entschluss geschuldet, acht Jahre lang das darzustellen, was bald nicht mehr sein würde. In Baldigas Worten: "Seit 1989 vollends im (Krankheits-)Bilde oder besser: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen."
In der Halle für Kunst wird Jürgen Baldigas künstlerische, soziale und aktivistische Lebenspraxis in Zusammenarbeit mit dem Nachlassverwalter und Künstler Aron Neubert in einer retrospektiven Überblicksschau seines Werkes aufgearbeitet, das der Kurator Frank Wagner einmal als "radikal realistisch, ohne den Anspruch zu haben, authentisch zu sein", beschrieb. Zum ersten Mal werden hier noch nie präsentierte skulpturale Arbeiten sowie Auszüge aus Baldigas insgesamt 40 Tagebüchern, die er von den späten 1970er Jahren bis zu seinem Tode führte, zusammen mit Schwarz-Weiß-Fotografien gezeigt.
Die Fotografien in der Ausstellung zeichnen Baldigas Nischensoziotope nach – allen voran das der "SchwuZ-Tunten". Sie stammen teils aus zwei mit Plüschfell beklebten Mappen, in denen Baldiga Fotografien in billigen Plastikfolien zu dialektischen Paaren, ja, zu seiner Vision einer Familie, arrangierte. Einige Fotos aus der Ausstellung zeigen wir in der unten verlinkten Galerie.
Die Ausstellung "Jürgen Baldiga – Wie die Hölle, so die Erde. Wo die Hölle, da die Erde" wird am Samstag, den 7. Oktober 2023 von 18 bis 21 Uhr in der Halle für Kunst (Reichenbachstraße 2, 21335 Lüneburg eröffnet. Anschließend ist sie dort bis zum 7. Januar 2024 zu sehen. (cw/pm)










