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Museum zeigt Vielfalt der Aktmalerei
Sylvia Sleigh, Paul Rosano Reclining, 1974 (Foto und ©: Tate)- 09. November 2023
Die Ausstellung "Nudes", die das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster in Kooperation mit der Londoner Kunstsammlung Tate ab Freitag zeigt, beleuchtet den künstlerischen Akt und dessen Entwicklung vom 19. bis zum 21. Jahrhundert mit insgesamt 90 Werken.
Als wohl spektakulärste Leihgabe der Tate wird Auguste Rodins "Der Kuss" ausgestellt. Die Skulptur der beiden Nackten, innig umschlungen in einem ehebrecherischen Akt, galt lange als obszön: Noch 1914 wurden sie nur in einem Nebenraum gezeigt, um kein Aufsehen zu erregen. In Münster bildet "Der Kuss" den Mittelpunkt: 3,2 Tonnen in Stein gehauene Leidenschaft und Hingabe.
Soviel Erotik gestatteten sich Künstler vor Rodin nicht: Nackte Haut war nur in biblische oder mythologische Geschichten eingebettet angemessen. Männliche Körper strotzen dabei vor Kraft, weibliche sind meist passiv, haben den Blick abgewandt als wollten sie keine Erregung provozieren. "Wie kaum ein anderes Motiv ist der Akt immer auch Projektionsfläche seiner Zeit", erklärt Kuratorin Tanja Pirsig-Marshall.
Mit der Moderne wird die Darstellung des nackten Körpers immer mehr zum Experimentierfeld: Picassos "Weiblicher Akt im roten Sessel" ist kubistisch verformt. Bei David Bomberg sind die Besucher*innen eines Schlammbades zu blau-weißen geometrischen Formen reduziert. Wie sich der menschliche Körper auf das Wesentliche abstrahieren lässt, können die Betrachter*innen auch in drei großen Bronze-Reliefs von Henri Matisse nachempfinden: Über einen Zeitraum von 20 Jahren hinweg hat er die Rückenansicht einer weiblichen Figur immer weiter hin zu abstrakten Formen reduziert.
Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs erlebt der Akt abermals einen Wandel: Im Glauben an den technischen Fortschritt erschüttert, kehren viele Künstler*innen von ihren Form-Experimenten zurück zu einer naturgetreuen Darstellung. Anders als in den historischen Darstellungen des 19. Jahrhunderts ist der Blick auf den Menschen nun ungeschönt. Deutlich wird das etwa in Alice Neels Nacktporträt "Ethel Ashton". Von oben herab fällt der Blick auf einen fülligen weiblichen Körper mit schlaffen Brüsten und verzerrt wirkendem Gesicht.

Zanele Muholi, Thembeka I, New York, Upstate, 2015 (Foto und ©: Zanele Muholi, Courtesy of the artist and Yancey Richardson, New York)
Großformatige Aktbilder von Lucian Freud oder Francis Bacon spiegeln eine weitere Facette der Aktmalerei ab Mitte des 20. Jahrhunderts. Die akribisch realistische Wiedergabe des Körpers weicht dem ausdrucksstarken Pinselstrich mit dick aufgetragener Farbe: Das Ergebnis sind fleischige Körper und intime Einblicke.
Zunehmend politische Dimensionen nehmen Aktdarstellungen ab den 1970er Jahren bis in die Gegenwart an: Mit dem Aufkommen des Feminismus beginnen Künstlerinnen die Tradition des männlichen Blicks auf den weiblichen Körper zu unterlaufen. Sie zeigen Männer entblößt und hingebungsvoll wie Sylvia Sleigh oder verletzlich und unmittelbar wie Rineke Dijsktra. Die Niederländerin hat nackte Frauen und ihre Babys nach der Geburt fotografiert und präsentiert so Frauen in ihrer ganzen Stärke und Verletzlichkeit eine Stunde, einen Tag und eine Woche nach der Entbindung.
In den fotografischen Selbstporträts von Zanele Muholi aus Südafrika werden die Betrachter*innen mit nicht-binärer Identität und somit mit Fragen von Zugehörigkeit und Repräsentation konfrontiert.
"Die Ausstellung spricht Themen an, die auch aktuell von großer gesellschaftlicher Relevanz sind", sagt Pirsig-Marshall. Wer betrachtet wen auf welche Weise? Welche Geschlechtsidentitäten liegen zugrunde und wird der menschliche Körper idealisiert oder verzerrt? Diesen und anderen Facetten nackter Haut können sich Besucher*innen der Ausstellung "Nudes" ("Nackte") noch bis Mitte April widmen. (cw/dpa)
Links zum Thema:
» Homepage des LWL-Museums für Kunst und Kultur











