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Ein queerer Blick auf Susan Sontag

Susan Sontag während der Veranstaltung "Drei Amerikaner in Berlin", Akademie der Künste, Berlin, September 1976 (Bild: Renate von Mangoldt)
  • 18. April 2026

Das Schwule Museum in Berlin übernimmt die erfolgreiche Ausstellung "Susan Sontag: Sehen und gesehen werden" der Bonner Bundeskunsthalle aus dem Jahr 2025 und erweitert sie.

Die US-amerikanische Autorin und Kritikerin Susan Sontag (1933-2004) war eine "public intellectual": eine Persönlichkeit, die mit ihren Texten und mit ihrem unangepassten Auftreten kontroverse Diskussionen auslöste und sich ihnen stellte.

Ihr dissidentes Leben verlief wie in einem Zeitraffer. In den frühen 1950er Jahren wurde sie zu einer der jüngsten Unidozentinnen der USA, zog sich nach früher Heirat und Mutterschaft nicht – wie damals üblich – aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, sondern engagierte sich politisch, führte bisexuelle Beziehungen, ließ sich scheiden, arbeitete als alleinerziehende Mutter freischaffend.

Ihre intellektuelle Arbeit, ihre unbändige Lust am Denken, waren immer originell. Früh beschäftigte sie sich mit Fotografie und Film, analysierte damals noch nicht etablierte künstlerische Genres wie Happenings, Science-Fiction, Undergroundfilm und Pornografie. In ihren "Notes on Camp" (1964) beschrieb sie queere Techniken der Aneignung des kulturellen Mainstreams. Hellsichtig erkannte sie den bestimmenden Einfluss der Fotografie in unserer medial geprägten Gesellschaft. Als leidenschaftliche Cineastin, die auch selbst Filme drehte, sah Sontag im Film die "lebendigste, erregendste und bedeutendste aller Kunstgattungen".

Auf Fotografien und in Beschreibungen wirkt Susan Sontag selbst wie ein Filmstar. In vielen lesbisch-feministischen WGs hingen ikonische Aufnahmen von ihr an Wänden. Susan Sontag war ein flamboyantes, freigeistiges, manchmal schwieriges und widersprüchliches Vorbild. Sie lebte ein für vorherige Generationen unvorstellbar autonomes Leben.

Mit Identitätszuschreibungen haderte Susan Sontag zeitlebens. Sie kam früh in Kontakt mit der queeren Szene, outete sich jedoch nie. Als sie Ende der 1980er Jahre Zeugin der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Aids-kranken Menschen – auch in ihrem Freundeskreis – wurde, schrieb sie mit "AIDS and its Metaphors" (1989) einen wichtigen Text zu Fragen von Stigmatisierung, Eigenverantwortung, Aktivismus und Solidarität. Ihr Bezug war aber weniger ihre eigene Queerness, als vielmehr ihre Erfahrungen mit einer Krebserkrankung.

Der neue Teil der Ausstellung begibt sich auf Spurensuche von Susan Sontag in Berlin – mit Erinnerungen von Zeitgenoss*innen wie Ulrike Ottinger, Gesine Strempel, Erika und Ulrich Gregor oder Carolin Emcke. Ein weiterer Teil widmet sich dem Einfluss des Sontagschen Denkens in der queeren Kultur. Zentral sind Überlegungen zu Sichtbarkeit, Selbstinszenierung und Repräsentation. Sie belegen die große Sensibilität für alle Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung, über die Susan Sontag als queere jüdische Frau verfügte.

"Das Werk von Susan Sontag lässt sich lesen, ohne Queerness als Hintergrund zu denken", sagt Carolin Emcke in einem Video-Interview zur Ausstellung. "Aber es macht viel mehr Sinn, es mit Queerness im Hintergrund zu denken. Und wenn man schaut, wie stark Susan Sontags Werk und auch die Tagebücher immer wieder ansetzen, das Vokabular zu erweitern, genauere Begriffe zu finden, mit Worten sich die Welt zu erschließen – dann sieht man natürlich jemanden, die nach einer Artikulation sucht für das, das tabuisiert oder beschwiegen wurde."

Die Ausstellung "Susan Sontag – Sehen und gesehen werden" wird am Donnerstag, den 11. Juni 2026 um 19 Uhr im Schwulen Museum (Lützowstraße 73, 10785 Berlin-Tiergarten) eröffnet und ist dort anschließend bis November 2026 zu sehen. (cw/pm)


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