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Der gefürchtete Paragraf 175, der einvernehmliche sexuelle Beziehungen unter Männern zur Straftat machte, ist vor genau 15 Jahren abgeschafft worden.

Das Gesetz hatte von 1871 bis 1994 in verschiedenen Fassungen Gültigkeit. Er wurde mit der Gründung des Deutschen Reiches eingeführt. Die erste Fassung besagte: "Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden." Bis dahin waren in mehreren Teilen Deutschlands – etwa in Bayern – die Homo-Verbote dank französischen Einflusses weggefallen. Das wurde durch die Vereinigung wieder rückgängig gemacht.

Im Kaiserreich wurden knapp 10.000 Menschen aufgrund dieses Paragrafen verurteilt, davon nur eine kleine Minderheit wegen Sodomie. Obwohl er in der Weimarer Republik weiter Bestand hatte und es auch zu mehreren tausend Verurteilungen kam, blühte das schwule Leben gerade in Berlin auf. Mehrere Versuche liberaler und linker Parteien, den Paragrafen abzuschaffen, scheiterten jedoch im Parlament. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde Homosexualität lebensgefährlich: 1935 verschärfte die NSDAP den Paragrafen. Nun drohten zehn Jahre Zuchthaus. 1939 urteilte das Reichsgericht zudem, dass "Unzucht" auch vorliege, wenn "keine körperliche Berührung des anderen stattgefunden hat." Schätzungsweise 100.000 Männer verurteilte das Regime aufgrund des Paragrafen 175. Viele Schwule wurden zudem, teils ohne Verurteilung kastriert und zirka 15.000 in Konzentrationslager geschickt. Genaue Zahlen liegen allerdings nicht vor.

Youtube | Trailer für "Paragraph 175"

Nach dem Krieg galt in der Bundesrepublik bis 1969 die verschärfte Nazi-Fassung des Paragrafen. Es kam zu insgesamt 50.000 rechtskräftigen Verurteilungen allein in Westdeutschland. Die Große Koalition hob schließlich das Total-Verbot auf, es galten allerdings immer noch unterschiedliche Altersgrenzen für (männliche) Homosexuelle und Heterosexuelle. Für Schwule lagen diese bei 21 Jahren bzw. 18 Jahren (ab 1973); für Heteros waren es 16 Jahre. In der DDR galt das Homo-Verbot bis 1968 in der Vornazi-Fassung. Auch dort waren die Schutzaltersgrenzen nach Paragraf 151 StGB-DDR bis 1989 unterschiedlich. Schließlich hob die Volkskammer kurz vor dem Mauerfall das Gesetz komplett auf. Im Rahmen der Rechtsanpassung der beiden deutschen Staaten verlor am 10. März 1994 der Paragraf 175 auch im Westen seine Gültigkeit. In diesem Jahr kam es aber noch zu 44 Verurteilungen.

Noch heute werden Männer, die nach 1945 aufgrund des Paragrafen 175 verurteilt wurden, als Straftäter angesehen. Die grüne Bundestagsfraktion hat im Januar dieses Jahres gefordert, Opfer des Gesetzes zu rehabilitieren und zu entschädigen (queer.de berichtete). (dk)



33 Kommentare

#1 RabaukeAnonym
  • 10.03.2009, 15:07h
  • "Die grüne Bundestagsfraktion hat im Januar dieses Jahres gefordert, Opfer des Gesetzes zu rehabilitieren und zu entschädigen"

    Dieses Deutschland....sich bei den Bürgerinnen und Bürgern entschuldigen??? Das hat dieser deutsche Staat doch nicht nötig! Der kann nur draufkloppen und transalieren. In diesem Land ist so einiges im Arsch!
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#2 TimmAnonym
  • 10.03.2009, 15:08h
  • "Noch heute werden Männer, die nach 1945 aufgrund des Paragrafen 175 verurteilt wurden, als Straftäter angesehen. Die grüne Bundestagsfraktion hat im Januar dieses Jahres gefordert, Opfer des Gesetzes zu rehabilitieren und zu entschädigen"

    Nur stoßen die Grünen damit leider bei den anderen Parteien auf taube Ohren, auch bei solchen, die sich im Wahlkampf immer ganz homofreundlich geben, weil sie unsere Stimmen wollen, aber dann doch anders handeln.
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#3 *****Anonym
  • 10.03.2009, 16:11h
  • Die Rehabilitierung und Entschädigung der in der nachkriegszeit verfolgten Homosexuellen ist dringend menschenrechtlich geboten. Deshalb hat
    die Fraktion DIE LINKE dieses Thema angestossen und in das Plenum des dt. Bundestages eingebracht, bevor sich die Grünen entschlossen dieser Initiative zu folgen.
    siehe:

    dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/109/1610944.pdf

    Nun ist es an der SPD ob sie sich der Initiative anschliesst, oder wieder auf die Koalitionsraison setzt.
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#4 jochenProfil
  • 10.03.2009, 19:19hmünchen
  • "Im Rahmen der Rechtsanpassung der beiden deutschen Staaten verlor am 10. März 1994 der Paragraf 175 auch im Westen seine Gültigkeit. In diesem Jahr kam es aber noch zu 44 Verurteilungen."

    wir sollten bei allem grund zur freude bedenken, dass es erst 15 jahre her ist , und dass die aufhebung des homosexuellen-paragraphen damals nur im rahmen der rechtsanpassung beider deutschen staaten stattfand.

    jahrelang zuvor wurde die aufhebung des § 175 entweder von den parteien abgelehnt, oder sie eierten nur mit absichtserklärungen rum (meist vor der wahl gabs versprechungen ihn abzuschaffen) , die dann auch absichtserklärungen blieben.
    ( ich nehme "die grünen" aus, die meineserachtens die einzigen waren die sich damals für die sache der homosexuellen wirklich einsetzten)
    so gesehen war die aufhebung d. strafbarkeit von homosexuellen "handlungen" in deutschland KEINE ruhmestat der politik.

    wie wärs mal mit einer "15-jahre-wegfall -des- § -175" - party, statt den übllichgewordenen piss - fist - fuck parties?...

    wäre doch mal was anderes, oder?
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#5 Papier ist geduldigAnonym
  • 10.03.2009, 21:41h
  • Antwort auf #4 von jochen
  • Tja, schon irgendwie erschreckend, wenn man sich dann die Vergleichsstudien der BZgA anschaut und feststellt, dass in den 70er Jahren - trotz dieser unglaublichen gesetzlichen Sanktionierung und Diskriminierung - der Anteil männlicher Jugendlicher, die angaben, gleichgeschlechtliche Erfahrungen gesammelt zu haben, DEUTLICH höher lag als bei den letzten Erhebungen, mit weiterem Rückgang auf einen absoluten historischen Tiefstand im Jahr 2006. Irgend etwas muss da komplett falsch laufen in dieser Gesellschaft...
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#6 DragonWarrior
  • 10.03.2009, 23:38h
  • Antwort auf #5 von Papier ist geduldig
  • www.sexualaufklaerung.de/cgi-sub/fetch.php?id=473

    Seite 87

    hmmmm... nix 70er
    ich kann da frühestens 1980 feststellen...
    da lag der anteil bei 10 %
    1994 dann bei 7%
    1996 dann bei 5%
    2001 wieder bei 5%
    2005 bei 6%

    das beziffert den anteil der männlichen jugendlichen die angaben sexuelle kontakte mit einem partner des gleichen geschlechts zu haben...

    interessant finde ich den deutlichen einbruch zwischen 1980 und 1994...

    ein erklärungsansatz den man nicht außer acht lassen sollte ist die aids-krise...

    ich wär sehr gespannt drauf, wie sich das heute darstellt

    das weder die sexualaufklärung noch die aidsaufklärung in den schulen vernünftig laufen - was nützen lehrer die zwar wissen wie das alles biologisch abläuft aber schon ne rote birne bekommen, wenn sie auch nur über heterosex reden sollen - ist klar, ich glaub da sind wir uns hier alle einig...

    meiner meinung nach sollte man da einen komplett anderen weg wählen und externe fachleute in die schulen schicken und projektwochen dazu starten...

    darüberhinaus muss das thema homosexualität natürlich auch in den anderen fächern vorkommen...
    und wenn's irgend geht nicht "tod in venedig", eher schon die "kleinstadtnovelle" von roland m. schernikau, oder was wie "die verlorene sprache der kräne".

    in hannover bietet die schul.ag unterrichtsbesuche an - wie wir selber in der schwullesbischen schülergruppe, in der ich mit 19 mitgemacht habe (1981) - sicherlich noch das beste, was man machen kann...
    das problem ist halt junge schwule und lesben zu finden, die sich auf diese art und weise engagieren...

    über die stadtverwaltung haben wir das theaterstück "coming out" in die schulen gebracht...
    ein jahr später dann mit dem schauspielhannover ein jugendtheaterprojekt gestartet "justify my love"...

    demnächst bieten wir den schulen führungen durch die ausstellung "vom anderen ufer - hannovers verschwiegene geschichteN" an, die im historischen museum noch bis zum 27. september zu sehen ist.
    Der ansatz ist die unterschiedlichen (stadt-)geschichtlichen perspektiven frauenliebender frauen und männerliebender männer zu zeigen von 1868 bis in die jetztzeit...

    www.hannover.de/museen/museen/mus_hist/himaktue/himtermi/Mon
    atsprogramm_032009.html


    (vielleicht noch zum titel... vom anderen ufer spielt mit der lage des museums selber, das Am Hohen Ufer liegt, und ich hätte gerne schwul oder lesbisch im titel gehabt, aber da streikten unsere lesbische historikerin und der leiter des schwulesbischen archivs mit dem hinweis, dass es nicht okay sei, das label menschen aufzudrücken, die sich als "freundinnen und freunde" oder "homophile" bezeichneten.)

    das rahmenprogramm für märz gibt's hier:

    www.hannover.de/data/download/lhh/ges_soz/handzettel_maerz.p
    df


    natürlich gibt's auch in den kommenden monaten ein rahmenprogramm aus filmen, vorträgen und erzählcafés...
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#7 TimmAnonym
  • 11.03.2009, 10:23h
  • Antwort auf #3 von *****
  • Ich will ja nicht kleinkariert sein, aber die Grünen haben diese Forderung erstmals schon zu Zeiten gestellt, als die Linkspartei/PDS noch SED hieß und in der DDR Menschenrechte eingeschränkt hat und Leute, denen das nicht passte an der Mauer erschossen hat...

    Nur waren solche Forderungen in den 80ern unter der Regierung Helmut Kohls vollkommen illusorisch. Dass man das seitdem immer wieder gefordert hat, heißt nicht, dass man erst neuerdings darauf gekommen ist.
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#8 Papier ist geduldigAnonym
  • 11.03.2009, 11:26h
  • Antwort auf #6 von DragonWarrior
  • Wenn man über dieses Thema ernsthaft diskutieren will (weil es nämlich ernst und zukunftsweisend ist), sollte man schon über den allgemeinen Stand der sexualwissenschaftlichen Literatur informiert sein. So gibt es eine Reihe anderer Arbeiten und Erhebungen (wie z.B. die von SCHMIDT 1993: Jugendsexualität - sozialer Wandel, Gruppenunterschiede, Konfliktfelder) , die belegen, dass die Zahl junger Männer, die gleichgeschlechtliche Erfahrungen angaben, in den 70er Jahren noch deutlich höher lag, der genannten Arbeit zufolge bei rund 18%.

    Und auch die BZgA kommt ja in der oben verlinkten Publikation zu dem Ergebnis und stellt explizit fest, dass die Zahl gleichgeschlechtlicher Erfahrungen unter jungen Männern langfristig klar abgenommen hat, während sie interessanterweise in den letzten Jahren unter jungen Frauen deutlich zugenommen hat (von 6% im Jahr 1994 auf nun 13% im Jahr 2005). Auch das ist eine sehr interessante Frage, warum junge Frauen offenbar zunehmend mehr Freiheit empfinden, sich sexuell auszuprobieren, männliche Jugendliche hingegen immer weniger.

    Bleibt unter dem Strich wiederum die Erkenntnis, dass irgend etwas grundlegend falsch laufen muss, wenn die gefühlte und effektive Freiheit zur sexuellen Selbstentdeckung unter jungen Männern derart eindeutig abnimmt, obwohl unsere Gesellschaft angeblich so viel "toleranter" geworden ist. Sowas nennt man dann Pseudo-Toleranz und Pseudo-Liberalität. Oder formulieren wir es anders: Von vermeintlichen "Fortschritten" à la Lebenspartnerschaft scheint in der Lebenswirklichkeit junger Männer herzlich wenig anzukommen oder zu spüren zu sein...
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#9 Papier ist geduldigAnonym
  • 11.03.2009, 11:48h
  • Antwort auf #8 von Papier ist geduldig
  • Ach ja, ich hoffe, dass klar geworden ist, was die oben genannten Zahlen bedeuten, selbst wenn man erst ab 1980 (was übrigens noch zu den 70er Jahren zählt - ein Jahrzehnt dauert nämlich immer vom Jahr 1 bis zum Jahr 10, die 70er also von 1971-1980!) rechnet:

    Ein Rückgang von 40% bis 50% seit 1980, wenn man Vergleichswerte von Anfang der 70er Jahre aus anderen Arbeiten heranzieht um bis zu 70% bei jungen Männern, während sich der Anteil junger Frauen mit gleichgeschlechtlichen Erfahrungen allein in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt hat (=Zunahme um mehr als 100%).
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#10 gelderlanderEhemaliges Profil
  • 11.03.2009, 14:09h
  • "...Auch dort waren die Schutzaltersgrenzen nach Paragraf 151 StGB-DDR bis 1989 unterschiedlich...."

    Da ist euch wohl ein Fehler unterlaufen, liebe redakteure, denn der 151er wurde 1988 ersatzlos gestrichen und eine einheitliche schutzaltersgrenze von 16 eingeführt.

    Im übrigen wurde die Regelung durch den Einigungsvertrag übernommen, auch wenn die CDU/CSU Anfangs dagegen war.

    Die Streichung des Paragrafen 151 wurde im Dezember 1988 beschlossen. Diese trat aber erst im Juli 1989 in Kraft. Red.
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