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- 26. Mai 2009 3 Min.
Erstmals seit 2001 stabilisiert sich die Zahl der HIV-Neudiagnosen in Deutschland: Im vergangenen Jahr wurde bei 2.806 Menschen der HI-Virus erstmalig festgestellt. Das sind 1,2 Prozent mehr als 2007. Der Anteil der Übertragungen durch schwulen Sex liegt bei den bekannten Fällen konstant bei 65 Prozent. Nur in Berlin ist der Anstieg der HIV-Neudiagnosen ungebrochen.
Von Dennis Klein
In den letzten Jahren hat die Zahl der neu festgestellten HIV-Übertragungen gerade unter Schwulen stets zugenommen. Wurden 2001 noch über 500 Fälle diagnostiziert, hat sich der Wert bis 2007 praktisch verdreifacht. Erstmals meldete das Robert-Koch-Institut in seinem jährlichen Bericht ein Ende des Anstiegs: 2007 mussten die Ärzte noch 1.552 Männern mitteilen, dass sie sich durch schwulen Sex mit dem HI-Virus angesteckt hatten; 2008 gab es mit 1.555 Fällen praktisch keine Veränderung. Damit machen diese offiziell als MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) bezeichnete Gruppe nach wie vor rund zwei Drittel aller Neudiagnosen aus, bei denen der Grund der Übertragung bekannt ist. An zweiter Stelle folgt Hetero-Sex (18 Prozent).
Die immer noch hohe Zahl zeigt, dass Prävention und Forschung weiterhin wichtig sind", erklärte RKI-Präsident Jörg Hacker bei der Vorstellung des Berichtes. Besonders für Schwule versprechen die Ergebnisse keine Entwarnung. Brennpunkt ist dabei Berlin: Gegen den Bundestrend sind die Neudiagnosen unter Schwulen um sieben Prozent gestiegen. Gleichzeitig sorgt ein Anstieg der Syphilis-Fälle für Unruhe – hier wurden 2008 ganze 44 Prozent mehr Fälle gemeldet als im Jahr zuvor (queer.de berichtete). "Die neue, nicht nur in Berlin sondern auch in Hamburg zu beobachtende Syphiliswelle folgt jeweils auf eine dreijährige Periode rückläufiger Meldezahlen", heißt es im Bericht des RKI. "Dies könnte eine Warnung sein, dass eine Zunahme der Syphilisinzidenz auch in anderen Regionen in den kommenden Jahren wieder zu einem Ansteigen der HIV-Neudiagnosezahlen führen kann." Syphilis lässt sich leichter übertragen als HIV und wird in vielen Fällen erst spät bemerkt. Zwar kann die Krankheit mit Penicillin behandelt werden, aber während der Infektionszeit ist der Körper anfälliger für eine HIV-Infektion.
Als weiterer Trend nimmt der Anteil der über 40-Jährigen an den neuen Infektionsfällen immer mehr zu. Teilweise könne diese Tendenz durch den Geburtenrückgang nach dem Pillenknick erklärt werden, so das RKI. Außerdem ließen sich ältere weit weniger oft testen als Jüngere. Anteilsmäßig stellen die 40-49-Jährigen aber inzwischen mehr Neudiagnosen als die 20-29-Jährigen.
Insgesamt, so schätzt das RKI, erkrankten nach wie vor 1.100 Menschen pro Jahr an Aids. Diese Zahl sei "unakzeptabel hoch": "Zwar kann in vielen dieser Fälle durch eine effektive antiretrovirale Therapie wieder eine deutliche klinische Verbesserung erreicht werden, trotzdem wird die langfristige Prognose in diesen Fällen durch den einmal erreichten schweren Immundefekt und den späten Behandlungsbeginn beeinträchtigt", so der RKI-Bericht. Hier müssten neue Strategien entwickelt werden, um HIV bei den Risikogruppen früher festzustellen und damit früher mit der Behandlung beginnen zu können. Denn eines sei klar: "Aids ist heute eine weitgehend vermeidbare Komplikation einer HIV-Infektion. Um Aids-Erkrankungen zu vermeiden, muss eine HIV-Infektion aber rechtzeitig diagnostiziert und konsequent behandelt werden."
Links zum Thema:
» Epidemiologisches Bulletin des RKI














