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Einzelkommentar zu:
Homo-Sex auf antiker Münze


#21 Theisentheis
  • 14.07.2009, 11:44h
  • Antwort auf #8 von VolumePro
  • Hm...ich möchte die "In der Antike war alles für uns Schwule besser"-Party nur ungern stören. Aber meiner Kenntnis nach stellt sich einiges etwas differenzierter dar.

    1. Die öffentlich akzeptierte Praxis in Griechenland und Rom war die zwischen zwei Männern mit deutlichem Gefälle in den sozialen Rollen: ein Höherstehender und ein tiefer gestellter - z.B. Herr und Sklave, Reifer Mann und Jüngling, Lehrer und Schüler oder Freier und Prostituierter. Dass es auch andere Konstellationen gab - geschenkt. Dennoch war der Regelfall ein deutlich asymetrisches Verhältnis. Etwas, was uns heute eher befremdlich erscheint (s. Päderastie).

    2. Dass zwei gleichgestellte Männer miteinander nicht nur Sex hatten, sondern auch noch eine öffentliche Liebesbeziehung führten - quasi an Stelle einer Frau -, war nicht gesellschaftsfähig. Die alten Griechen hatten in der Regel ihre Xantippe zu Hause. Und soetwas wie eine schwul geführte "domus" oder "oikos" (Haushalt, -stand o.ä.) gab es nicht. Das, was wir mit "Schwuler" oder "Lesbe" bezeichnen, war in der Antike nicht mehr, nein, ich glaube sogar weniger, anerkannt als im Deutschland unserer Tage. Gesetzgebungen für den Fall das zwei Männer zusammen leben (vgl. Lebenspartnerschaft) - in der Antike undenkbar und den Quellen nach, die ich kenne, nicht existent.

    3. Ein Beispiel für eine vorchristliche Haltung zu homosexuellem Verhalten: Caesar hatte möglicherweise eine Affäre mit dem König von Bithynien Nikomedes. Zeit seines Lebens wehrte er sich gegen dieses Gerücht. Es gab Spottverse und -lieder von seinen Soldaten über diese Beziehung: "Caesar unterwarf ganz Gallien, Nikomedes Caesar einst.
    Sieh, Triumphzug feiert Caesar, der ganz Gallien unterwarf,
    Nikomedes triumphiert nicht, der den Caesar unterwarf." (Sueton). Für den Römer - zumindest in der späten Republik und im augusteischen Zeitalter - galt der griechische Einfluss in konservativen Kreisen als dekadent und schädlich. Das lateinische Wort "effeminare/verweichlichen", das nicht nur, aber auch in diesen Zusammenhang gehört, spricht eigentlich Bände.

    4. Leibfeindliche, extrem asketische Bewegungen gab es reichlich in der Antike (verstärkt auch in der Spätantike, in der dann auch das Mönchstum entsteht, (!) nicht erst im Mittelalter) auch neben und vor dem Einfluss des Christentums/Judentums. Vor allem, wo stark dualistische Weltbilder (böse, schlechte Körperwelt und gute, lichte Geistwelt) vorherrschten (Gnosis und Manichäismus).

    5. Die orgiastischen Bacchanalien führten bereits 186 v.Chr. zu einem Skandal in Rom und wurden verboten (es sollen 7000 Männer und Frauen hingerichtet worden sein). Mit den strengen moralischen Vorstellungen der späten Republik waren solche Kulte - allesamt aus dem Osten importiert - nicht vereinbar.

    6. Das Christentum hat eine beklagenswerte Synthese in Sachen Sexualität zustande gebracht: patriarchales, im Nomadentum der frühen Hebräer wurzelndes, denken - Sex als Fortpflanzung. Asketische strenge in gewissen griechisch-römisch philosophischen Strömungen - Enthaltsamkeit als Ideal. Römische Moral- und Sittenstrenge - zumindest als öffentliche Angelegenheit. Und zu guter Letzt im Übergang zum Mittelalter: das germanische Ideal der Jungfräulichkeit und Ehelosigkeit bis ins Mannesalter (Ende 20) - siehe Tacitus.

    7. Würde man in 2000 Jahren eine Gaysauna ausgraben, ein Fragment des Lebenspartnerschaftgesetzes (von dem ich persönlich nichts halte, nur dass wir uns nicht missverstehen) und ein paar Filmschnippsel von einem CSD - ja, was würden die wohl denken, in was für einer glorreichen Zeit wir lebten? Ich will die aktuellen Probleme nicht wegreden. Aber ich will doch darauf hinweisen, das früher nicht alles besser war.
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