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- 02. August 2009 4 Min.
Wie feiert man den Gay Pride in einem Land, in dem alles erreicht scheint? Mit dem ungewöhnlichen Motto "Hetero" lockte der Stockholm Pride am Samstag Hunderttausende an: Schwul-lesbische Anarchisten marschierten friedlich mit Soldaten – und die ganze Stadt applaudierte.
Von Micha Schulze
Man stelle sich vor, Angela Merkel würde an der CDU-Zentrale die Regenbogenfahne hissen. Unvorstellbar? Nun, in Schweden ist so etwas völlig normal: Zum Stockholm Pride hat die konservative Moderata Samlingspartiet von Regierungschef Fredrik Reinfeldt die schwul-lesbische Flagge an den Fenstern der Parteizentrale drapiert. Überhaupt kann man sich dem CSD in der schwedischen Hauptstadt nicht entziehen: Alle Busse und Bahnen sind seit einer Woche mit der Regenbogenfahne geschmückt, an vielen öffentlichen Gebäuden wie dem Königlichen Theater hängt sie sowieso.
An diesem 1. August sind es rund 500.000 Menschen, die zur Stockholmer CSD-Parade kommen – bei einer Einwohnerzahl von nur 1,2 Millionen Menschen in der gesamten Provinz. "Der Stockholm Pride ist das größte wiederkehrende Festival der Stadt", sagt Christina Guggenberger vom "Stockholm Visitors Board", das seit vielen Jahren gezielt um schwul-lesbische Touristen wirbt. Provoziert fühlt sich vom Homo-Spektakel niemand. Schon am frühen Morgen, Studen vor dem Paraden-Start, campieren Familien und Rentner mit Decke und Picknickkorb am Straßenrand, um ja einen guten Blick auf den Zug zu erhaschen.
Alles erreicht, raus auf die Straße
Wenn alles erreicht ist, geht doch niemand mehr auf die Straße – diese uralte Befürchtung manch deutscher Bewegungsschwester hat sich zumindest in Schweden ins Gegenteil verkehrt. Der Stockholm Pride wächst von Jahr zu Jahr – und das obwohl die Ehe für Schwule und Lesben geöffnet, das Adoptionsrecht seit langem kein Thema mehr ist. Selbst die parallelen Outgames in Kopenhagen und der Europride-Bonus vom Vorjahr scheinen sich nicht negativ auf die diesjährigen Besucherzahlen auszuwirken.
Claes Nyberg, Vorsitzender des Pride-Vereins, ist überzeugt, dass das CSD-Motto "Hetero" zum Erfolg beigetragen hat. Der Slogan ist nicht nur ungewöhnlich für ein schwul-lesbisches Event, sondern hat auch breite Diskussionen über Identität und Normen ausgelöst: Fags Hags und Schwule mit "Hetero-Optik" fühlen sich etwa erstmals dankend von der Community wahr genommen, Politiker begrüßen den "Schritt raus aus dem Ghetto", Bisexuelle freuen sich über den Online-Test "Wie hetero bist du" auf der Festivalhomepage. Rund 200.000 Männer und Frauen haben bereits daran teilgenommen.
Den Stockholm-Pride-Veranstaltern selbst geht es bei dem Motto vor allem um die Hinterfragung von Heteronormen im Alltag: "Weit häufiger als Heteros müssen Schwule und Lesben sich fragen, ob sie sich der Norm anpassen wollen oder nicht", erklärt Pressechefin Jessica W. Sandberg: "Ständig solche Dinge erwägen zu müssen, ist nicht nur anstrengend, sondern macht auch krank." Auf Plakaten und in TV-Sports zeigt der Stockholm Pride genau solche Alltagssituationen, in denen Schwule und Lesben den allgemeinen Erwartungen nicht entsprechen. Trotz der rechtlichen Gleichstellung.
Anarchos und Soldaten marschieren friedlich zusammen
In der Parade wird erstaunlich wenig Bezug auf das "Hetero"-Motto genommen. Die 111 teilnehmenden Wagen und Fußgruppen feiern - wie überall auf der Welt - vor allem sich selbst. Die Bandbreite indes ist beindruckend: Ein Anarcho-Block folgt nur kurz hinter den schwul-lesbischen Soldaten, die in Schweden prominente lesbische Fußballerin Victoria Svensson marschiert mit, auch rosa Vegetarier und schwarzgekleidete Gothic-Fans sind zu sehen. Die homosexuellen Polizisten drücken ein Auge zu, wenn andere Paradenteilnehmer Bier aus der Dose trinken – Alkoholgenuss auf offener Straße ist in Schweden verboten.
Mehr junge Lesben und Schwule als in den Vorjahren hat Pressechefin Jessica W. Sandberg ausgemacht – und einen unerwartet hohen Zustrom bei den Diskussionen, Seminaren und Konzerten im "Pride House". Die Stadt hat ihr großes Kulturzentrum am zentralen Sergels Torg den Schwulen und Lesben unentgeltlich zur Verfügung gestellt – für Veranstaltungen zum Thema Heteronormativität, aber etwa auch für eine Fotoausstellung zm Thema "Hate Crimes", eine "Fragestunde zu Klitorissex" oder die Aufführung des Vampir-Films von Bruce LaBruce.
Gefeiert wird im völlig überfüllten "Pride Park" Tantolunden. Marc Almond tritt hier auf, Eurovision-Sieger Alexander Rybak, Haddaway, der lange Zeit in Deutschland lebte, und auch Schwedens singender Zahnarzt Dr Alban. Im Anschluss an die Parade gibt Organisator Claes Nyberg auf der Bühne den Umzug des "Pride Parks" zu einem größeren Gelände in 2010 bekannt, damit sich das Gequetsche und Geschiebe'nicht wiederholt.
Dass dann noch mehr Helfer gebraucht werden, bereitet dem Stockholm Pride kein Kopfzerbrechen: "Wir haben einen sehr großen Zustrom an Interessierten", berichtet Nyberg, der – wie alle anderen Helfer und Vorstandsmitglieder auch – keine einzige Krone für sein Engagement bekommt. Unvorstellbar in Berlin oder Köln: 700 ehrenamtlich tätige Frauen und Männern haben in diesem Jahr den Stockholm Pride möglich gemacht.
Vier davon kommen aus Deutschland.
Links zum Thema:
» Homepage des Stockholm Pride
» Gay-Infos über Stockholm
Mehr zum Thema:
» Ein Wochenende in Stockholm (17.10.04)















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