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- 02. August 2009 7 Min.
Bei einem Angriff auf einen Treffpunkt für schwul-lesbische Jugendliche in Tel Aviv sind am Samstagabend ein 16-jähriges Mädchen und ein 26-jähriger Gruppenleiter getötet worden. Rund 15 weitere Menschen wurden verletzt, der Täter konnte entkommen. In der Nacht kam es zu einer Spontandemonstration, am Sonntag protestierten Tausende in ganz Israel. Am Abend wurden die Opfer beerdigt, am Dienstag soll es in Berlin eine Demonstration geben.
Von Norbert Blech
Wie Medien vor Ort berichten, soll ein vermummter, schwarz gekleideter Mann in das Treffen im Keller der Gay and Lesbian Association (AGUDA) gegangen sein und mit einem Sturmgewehr sofort Feuer eröffnet haben. Augenzeugen sprechen von einem Blutbad. Die Tat ereignete sich um ungefähr 22.30 Uhr Ortszeit.
In den Räumlichkeiten an der Nachmanistraße treffen sich Samstags Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren zu Freizeitgestaltung und Coming-out-Gesprächen. Viele Jugendliche sollen noch ungeoutet sein. Medienberichten zufolge wurde ein 16-jähriges Mädchen aus Holon, Liz Trobishi, und der 26-jährige schwule Gruppenbetreuer Nir Katz aus Givatayim getötet, sie erlagen noch im Zentrum den Verletzungen. Meldungen über ein drittes Todesopfer wurden im Laufe der Nacht zurückgenommen. Zehn Verletzte wurden ins Krankenhaus gebracht, bis zu vier sollen in kritischem Zustand sein. Letzten Medienberichten vom Sonntag zufolge habe es bei den Schwerverletzten Besserung gegeben, sie seien nicht mehr an eine Beatmungsmaschine angeschlossen.
Der Täter soll anschliessend die Flucht ergriffen haben. Nach Angaben von Augenzeugen soll der Mann noch versucht haben, das benachbarte Café Noir anzugreifen, Wachposten hätten ihn jedoch davon abhalten können. Der Täter ist weiterhin flüchtig.
Dessen Motiv sei noch unklar, sagte der Polizeichef von Tel Aviv, Schahar Ajalon, und rief zu erhöhter Wachsamkeit in Schwulenclubs auf. Die Polizei hat später Szene-clubs und -kneipen die Schließung für die Nacht empfohlen (eine populäre Disco blieb jedoch – zum Misfallen des Szeneportals Gogay – geöffnet) und mit Helikoptern und Barrikaden nach dem Täter gesucht. Am Sonntag wurde der Polizeischutz für schwul-lesbische Einrichtungen verstärkt. Israelische Medien dürfen derzeit über Details der Ermittlungen nicht berichten.
Anschlag auf einen Ort, der Sicherheit geben soll
Der Augenzeuge Yaniv Weizman sagte dem isrealischen TV-Sender Channel 10: "Das war ein Hassverbrechen, eine vorbereitete Attacke." Weizman ist Stadtrat und Vorsitzender der Gruppe und AGUDA-Abspaltung Israeli Gay Youth, die das Treffen abhielt. Der Treffpunkt sei ein "sicherer Ort" für Jugendliche aus der ganzen Region gewesen, die Gleichgesinnte treffen wollten. Die vom Täter Getroffenen seien "sehr jung" gewesen.
Der 16-jährige Or Gil, der mit Schusswunden an Brust und Knie behandelt wurde, sagte der Zeitung "Haaretz": "Ich bin schockiert, dass einige Eltern über diesen Weg von der Homosexualität ihres Kindes erfahren." Als der Schwarzgekleidete den Raum betreten habe, sei er zuerst von einem Witz ausgegangen. "Aber er eröffnete sofort das Feuer. Menschen sprangen unter Tische (…) Es ist ein kleiner Raum, mit nur einem Ausgang. Wenn Du erstmal drin bist, kannst Du nicht fliehen."
"Angesichts der Anstachelung zum Hass gegen die homosexuelle Gemeinschaft ist es nicht überraschend, dass so ein Verbrechen begangen werden kann", sagte der Präsident der Tel Aviv Gay and Lesbian Association, Mai Pelem. Er geht von einem ultraorthodoxen Täter aus. Die Shas-Partei hat noch am Samstag Abend den "mörderischen Anschlag" verdammt.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte am Sonntag bei der wöchentlichen Kabinettssitzung in Jerusalem an, der Mörder werde mit der vollen Härte des Gesetzes zur Verantwortung gezogen werden. Israel sei ein Land der Toleranz und ein Land der Gesetze. Israels Präsident Schimon Peres verurteile den Anschlag auf junge Leute, den niemand akzeptieren könne. Oppositionsführerin Tzipi Livni erklärte, dieser Vorfall müsse die Gesellschaft und die für Politik und Erziehung zuständigen Institutionen wachrütteln. Der Bürgermeister von Tel Aviv, Ron Huldai, sagte, die Stadt sei immer ein Ort von "Pluralismus, Toleranz und Offenheit" gewesen und werde ein Heim für die Gay Community bleiben.
Der Journalist und schwule Aktivist Danny Zak sagte der "Jerusalem Post", ein solches Verbrechen sei nur eine Frage der Zeit gewesen. Die Shas-Partei habe "das Blut von zwei unschuldigen Jugendlichen an ihrer Hand", da sie das schwulenfeindliche Klima angefeuert habe, etwa durch Aussagen, dass Homosexualität zu einem Erdbeben führen würde.
Das Zentrum und das beliebte Café Noir liegen in einem ursprünglich stark religiösen Viertel im Zentrum von Tel Aviv, das in den letzten Jahren einen Wandel zu einem belebten Viertel mit vielen Nachtclubs und säkulär orientierter Bevölkerung durchgemacht hat. Viele streng gläubige Juden haben sich häufig gegen CSDs und Homo-Ehe ausgesprochen. 2005 war ein junger Ultra-Orthodoxer mit einem Messer auf CSD-Teilnehmer in Jerusalem losgegangen, bei der Parade zwei Jahre später konnte ein Mann mit einem Sprengsatz von der Polizei noch rechtzeitig gestoppt werden.
Protest in Tel Aviv und Jerusalem
Noch am Abend zogen spontan Hunderte Menschen durch die Innenstadt von Tel Aviv und legten Blumen und Kerzen nieder (Video bei Youtube). Am Sonntag haben sich um 17 Uhr Ortszeit (16 Uhr MEZ) tausende Menschen in Tel Aviv zu einer Protestkundgebung versammelt, in Jerusalem, Haifa und Beersheba kamen Hunderte zusammen. Die Knesset-Abgeordnete Shelly Yachimovich sagte bei der Kundgebung in Tel Aviv: "Die Pistole hat nicht von selbst geschossen, der Schütze nicht von selbst gehandelt – hinter ihm stand Aufstachelung und Hass." Dass nun Kinder in einem Krankenhaus liegen, und deren Eltern sie nicht besuchten, spräche für sich. Oppositionsführer Tzipi Livni sagte vor den hauptäschlich schwul-lesbischen Demonstranten: "Das ist nicht nur ein großer Tag des Schmerzes für Sie, sondern ein großer Tag des Schmerzes für uns alle."
Der Knesset-Abgeornete Yuli Tamir sprach von dem Attentat als Mahnung an Lehrer und Gesellschaft, Homophobie zu bekämpfen. Der offen schwule Abgeordnete Nitzan Horowitz gab sich kämpferisch: "Wenn jemand denkt, dass wir Angst hätten, liegt er falsch. Wenn jemand denkt, wir setzen uns jetzt hin und nehmen das einfach hin, liegt er falsch."
Aktionen in Köln, Berlin geplant
In London gab es am Nachmittag einen Protest am Soho Square, bei den CSDs in Stockholm und Amsterdam wurde mit Schweigeminuten an die Opfer gedacht. Am nächsten Samstag soll es eine weitere Protest- und Gedenkkundgebung auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv geben.
In Köln soll es am Montag, in Berlin am Dienstag eine Gedenkveranstaltung geben.
Hunderte bei Beerdigung
Am frühen Abend wurde Nir Katz in Givatayim von mehreren Hundert Menschen zu Grabe getragen. Seine zehnjährige Schwester, die die letzten Monate bei Nir gelebt hatte, legte eine Regenbogenflagge auf das Grab. "Unsere Famile steht hinter der Gay Community", sagte Chen, man solle die Regenbogenflaggen schwenken als Zeichen gegen blinden Hass. Eine weitere Schwester ergänzte, ihr Bruder habe niemanden etwas getan und sich immer für andere Menschen eingesetzt. Katz hatte die letzten drei Jahre in dem Zentrum gearbeitet und schwul-lesbische Teenager beraten. Der Anschlag ist nicht die erste Tragödie der Famile: Nirs Vater Rami war 1990 einer von fünf getöteten Soldaten, als bei einem Training eine Handgranate explodierte.
Am späteren Abend wurde auch Liz Trobishi in Holon im Kreise der Familie beerdigt. Die Familie verlangt Ruhe von den Medien, eine Tante sagte aber einer israelischen Zeitung: "Liz ist ein wunderbares Mädchen, mit blauen Augen, blondem Haar und einem hübschen Lächeln. Ich weiß nicht, was passiert ist, sie war nur zu Besuch und hatte keine Verbindung zu dem Ort". Haaretz zitiert Freunde von Liz, das Mädchen habe oft das Zentrum besucht, sei selbst aber nicht lesbisch gewesen. Im Online-Forum des Zentrums habe sie Jugendlichen zu einem erfolgtem Coming-out gratuliert; dort schrieb sie auch allgemein, sie habe dort viele tolle Leute kennengelernt.
LSVD ruft zu Spenden auf
Als Zeichen der Trauer tauschten Nutzer auf Facebook und anderen Communites weltweit ihr Profilbild gegen eine Regenbogenflagge mit Kerze aus. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland verurteilte die Tat. "Wir trauern mit den Angehörigen und wünschen den Verletzten eine baldige Genesung. In unsere Trauer mischt sich die Furcht, dass sich so etwas auch bei uns ereignen könnte", schreibt LSVD-Sprecher Manfred Bruns. Die Hirschfeld-Eddy-Stiftung des LSVD ruft zu Spenden auf, die an die befreundeten Organisationen in Israel weitergeleitet werden sollen.
Internationale Medien, auch in Deutschland, berichteten groß über den Vorfall. Interessanterweise wird teilweise noch immer vermeldet, Ziel sei ein "Homosexuellen-Club" oder gar eine Disco und nicht etwa eine schwule Jugendgruppe gewesen. Ständig aktualisierte Meldungen auf Hebräisch bringt die Seite GoGay.
Stand: 2.8.2009, 21:00h
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