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- 29. September 2009 2 Min.
Die sexuelle Prägung spielte bei dieser Bundestagswahl keine Rolle mehr – und das ist gut so!
Von Jürgen Friedenberg
Es hätte schlimmer kommen können. Etwa, wenn nicht die Linken, sondern die radikalen Rechten zweistellig gewählt in den Bundestag einziehen dürften. Oder wenn die Mehrheiten äußerst knapp ausgefallen wären und unglückliche Koalitionen erzwungen hätten. Aber auch wenn Homosexuelle wegen ihrer Homosexualität nicht gewählt worden wären.
Tatsächlich spielte die sexuelle Prägung bei dieser Bundestagswahl keine Rolle mehr – und das ist gut so. Und auch die Welt wird es klaglos hinnehmen, dass unser Vizekanzler und Außenminister aus demselben Grund unbeweibt ist, wie es einst zu Adenauers Zeiten der erste bundesdeutsche Außenminister war. "Solange der mich nit anfasst, isset mir ejal", soll der Kanzler damals über Brentano gesagt haben. Hauptsache, er mache seine Arbeit gut. Und das kann man wohl auch von Westerwelle erwarten.
Aber ist eine bärenstarke schwarz-gelbe Regierung nicht schlimm genug? Wird sie unter Berufung auf angeblich unantastbare marktwirtschaftliche Gesetze den sozialen Fortschritt umkehren? Werden Kündigungsschutz, Mitbestimmung, Mindestlohn eingeschränkt oder sukzessive abgeschafft? Werden die Krankenkassen zu Arme-Leute-Kassen heruntergestuft und nur noch eine Arme-Leute-Medizin finanzieren? Gibt es Rente künftig erst mit 70? Werden Bahn und Post, Gefängnisse und Unikliniken vollständig privatisiert? Bleiben Atomkraftwerke jetzt länger am Netz? Ihre Betreiber würden strahlen, doch die Bevölkerung will nicht strahlen.
All das und manches andere Ungemach kann auf die Bundesbürger zukommen. Aber nicht doch! Westerwelle hat ein neues, einfacheres Steuersystem und alsbaldige Steuersenkungen versprochen. Wird es demnächst – wie im Märchen mit den Sterntalern – Geld regnen? Oder kommt – ebenfalls wie im Märchen – dann der Knüppel aus dem Sack, etwa in Gestalt drastisch steigender Energiepreise, Gebühren und Abgaben?
Mir scheint, am 27. September haben die Wähler Mut bewiesen, denn sie haben ein neues Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik aufgeschlagen – die Leute wollen weg von einer der Vergangenheit verhafteten, mit Normen und Formen überfrachteten, Kreativität bremsenden, mitunter muffigen konventionellen Verwaltungsgesellschaft und hin zu einer zukunftbejahenden freiheitlichen Kommunikations- und Kooperationsgesellschaft. Zu einer Gesellschaft mündiger Bürger, die leben und leben lassen, Risiken nicht scheuen, Chancen entschlossen wahrnehmen, im Vertrauen auf die eigene Kraft sich auch für andere engagieren und dies auch von den Regierenden erwarten.
Die Alten haben ihr Bestes gegeben, sie verdienen Dank und Respekt. Die Welt von morgen aber fordert heute: Jugend an die Macht.









