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- 10. November 2009 3 Min.
Das Rammstein-Album "Liebe ist für alle da" ist ab Mittwoch nur noch für Erwachsene da. Auf den Index geriet es auf Antrag von "Zensursula", Familienministerin Ursula von der Leyen.
Von Christian Scheuß
Vor zwei Jahren sah es das Gremium bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) noch locker. Ein Jugendpfleger hatte dort einen Antrag gestellt und verlangte, das komplette bisherige Werk der Band "Rammstein" auf den Index zu setzen. Die Texte seien obszön und Gewaltverherrlichend. Der Ausschuss, der in Bonn sitzenden und dem Familienministerium unterstellten Behörde mochte der Argumentation nicht folgen. Die fünf Studio- und zwei Livealben blieben auch für unter 18-Jährige käuflich erwerbbar.
Als Mitte September mit "Pussy" die erste Single des kommenden Albums mit dem Titel "Liebe ist für alle da" veröffentlicht wurde, war schnell klar: Die Metall-Rocker machen keineswegs auf Rosenstolz. Im Gegenteil. Die Bandmitglieder fummeln sich im zugehörigen Video als Transen, Zuhälter und SM-Sklaven auf, singen über das Reinstecken von dicken Schwänzen ins Sauerkraut, tanzen um halbbekleidete Frauen herum, die ihre Beine spreizen und in verwaschenen schnellen Zwischenschnitten sieht es so aus, als ob dort Hardcore-Sex zu sehen ist. Das Video war eindeutig zu heiß für MTV, stattdessen lief es zunächst auf der Website eines Pornoanbieters. So weit, so bekannt. Es ist halt Rammstein, die gerne mit Provokation vermarkten und in den Songtexten wie eh und je kein Blatt vor den Mund nehmen.
Für das von Ministerin Ursula von der Leyen geführte Familienministerium war damit der Bogen überspannt. Man stellte einen Indizierungsantrag, und die Bundesprüfstelle hörte jetzt strenger hin. Beim Song "Ich tu dir weh", in dem unter anderem über Stacheldraht im Harnkanal gesungen wird, war die Schmerzgrenze erreicht. Dem Antrag wurde stattgegeben. Laut Rammstein sei dies konkret wegen des Songs "Ich tu dir weh" und wegen des Plattencovers erfolgt. Man verbreite damit – so zitiert die Band die Behörde – jugendgefährdende Darstellungen von SM-Praktiken und animiere zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr.
Der genaue Wortlaut der Entscheidung ist auf Anfrage von queer.de noch nicht öffentlich einsehbar. Das Indizierungsverfahren folgt einem strikten Prozedere, nachdem erst die "Verfahrensbeteiligten" schriftlich benachrichtigt werden müssen. Doch fest steht: Ab dem 11. November 2009 gibt es das Album nur noch für Erwachsene unter der Ladentheke zu kaufen, das Cover und der indizierte Songtext dürfen nicht mehr veröffentlicht werden.
Schaut man sich die bisherigen Veröffentlichungen der seit 1994 existierenden Gruppe an, wirkt die jetzige Indizierung willkürlich. Denn Sänger Till Lindemann hat mit seinem immer gleichen Atemwegs-Infektions-Sprechgesang bereits alle Tabus durchgegurgelt: Sadomasochismus (Bück dich, Bestrafe mich, Feuerräder, Rein Raus und Ich tu dir weh), Homosexualität (Mann gegen Mann), Inzest (Spiel mit mir und Tier), Missbrauch (Wiener Blut, Tier und Halleluja), Nekrophilie (Heirate mich), Pyromanie (Benzin und Hilf mir), Kannibalismus (Mein Teil und Eifersucht), und Gewalt beim Sex (Wollt ihr das Bett in Flammen sehen). Wo genau im auf dem Index stehenden Song zu ungeschütztem Sex aufgerufen wird, eschließt sich nicht. Und warum indiziert man wegen der Darstellung von SM-Praktiken, einer Sexpraktik, die bekanntlich einvernehmlich zwischen entscheidungsfähigen Menschen stattfindet? Warum nicht wegen möglicherweise menschenverachtender Darstellungen oder frauendiskriminierender Passagen?
Die Fans sind empört
Viele Fans der umstrittenen Provokateure sind empört, und sehen darin einen weitere Bevormundung der Familienministerin, die seit ihrem missglückten Versuch der Einführung von Internetsperren bei Kinderpornographie bereits den Spitznamen Zensursula hat. Das Internet und die Tauschbörse auf dem Schulhof werden dafür sorgen, dass der Versuch, die Jugend vor was auch immer per Verbot zu schützen, ins Leere laufen wird.
Auf jeden Fall landet damit zum ersten Mal eine CD, die auf Platz 1 der deutschen Album-Charts steht, auf der schwarzen Liste. Und die Aufmerksamkeit für Rammstein steigt in ungeahnte Höhen. Stacheldraht im Harnkanal? Da kann selbst die ganz doll verrückte "Crazy Love" von Michael Buble (Platz 2 der Album-Charts) nicht mithalten.
Links zum Thema:
» Wikipedia über Rammstein
» Website der Bundesprüfstelle
» Bei Amazon ist das Album in "neuer Version" erhältlich
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Wir müssen bei aller Toleranz bedenken, dass unter 18-Jährige häufig psychisch noch nicht ausgereift sind und nicht sicher abschätzen können, was gefährlich oder ungefährlich ist. Genau wie Killerspiele gehört soetwas nicht an Kinder und Jugendliche ausgeteilt.
Die Ansicht, dass es sich ohnehin auf den Schulhöfen verbreiten wird, rechtfertigt nicht das Kindern zugänglich zu machen. Dann könnte man gleich losgehen und Pornos in den Schulen verteilen.
Im Übrigen handelt es sich hierbei eher um einen Artikel der als "Kommentar" markiert werden sollte.