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- 13. November 2009 3 Min.
Nach dem Freitod von Robert Enke will DFB-Präsident Theo Zwanziger das Klima im Fußball weiter verändern. St.-Pauli-Präsident Corny Littmann glaubt nicht an Erfolge.
Von Norbert Blech
Nach dem Freitod von Fußball-Nationaltorwart Robert Enke will DFB-Präsident Theo Zwanziger vermeintliche Tabus aufbrechen. Wenn man Enke gerecht werden wolle, "müssen wir dazu kommen, dass im Fußball jeder ohne Angst leben kann. Mit seinen Stärken, Schwächen und Neigungen", sagte Zwanziger gegenüber "Bild". Es dürfe nur noch ein Tabu geben: die Würde des Menschen.
Enke hatte sich am Dienstag im Alter von 32 Jahren das Leben genommen, er litt unter Depressionen. "Wir haben durch die bewegenden Aussagen von Robert Enkes Frau Teresa gehört, wie er seine Krankheit verborgen hat", sagte Zwanziger der Zeitung. "Weshalb hatte er eine solche Angst vor der Öffentlichkeit? Weil er fürchtete, dass sonst seine Karriere im Fußball, den er so liebte, vorbei sei. Unter einem ähnlichen Druck stehen beispielsweise auch homosexuelle Fußballer."
Man müsse über viele Ansätze reden, um Spielern die Angst vor einem Outing oder Coming-out zu nehmen. "Ein Gremium mit absolut vertrauenswürdigen Personen könnte dazugehören. Wichtiger ist, dass das oftmals lächerlich martialische Denken aufhört nach dem Motto: Ich darf keine Schwächen zeigen, ich muss der Stärkste sein."
Littmann: Tabus bleiben
Der offen schwule Präsident des FC St. Pauli, Corny Littmann, glaubt hingegen nicht, dass der Tod von Nationalspieler Robert Enke zu einem anderen Umgang mit Tabu-Themen im Profi-Fußball führen wird. "Die Bereitschaft ist zwar da in den Vereinen, auch unter Journalisten, sehr sorgfältig mit diesen Themen umzugehen", sagte der Chef des Fußball-Zweitligisten aus Hamburg nach DPA-Angaben, "aber es bleibt die nicht kalkulierbare Situation in einem Mannschaftsumfeld, es bleiben die nicht kalkulierbaren Reaktionen der gegnerischen Fans."
Er könne verstehen, dass sich schwule Fußballer aus Angst vor Stigmatisierung nicht outen wollten. "Wenn es plötzlich einer tut, wird ihm ewig anhängen, der erste schwule Fußballer der Bundesliga gewesen zu sein. Ob ein junger Mensch mit diesem Prädikat wohl rumlaufen möchte?", so der 56-jährige Theater-Leiter. Zwar hätte ein Spieler nach einem Coming-Out bei seinem alternativ angehauchten Verein "nicht die geringsten Probleme, auch nicht mit den Fans".
Ob dieser Profi danach jedoch zu einem anderen Verein wechseln könnte, stehe in den Sternen. "Ein Spieler, der problembeladen ist, wird sorgfältig beäugt und im Zweifel nicht verpflichtet", meinte Littmann. "Das ist eben ein sehr hohes Risiko für schwule Spieler. Die Befürchtungen, dass ihnen aus ihren Bekenntnissen Nachteile erwachsen könnten, sind berechtigt." Der Erfolg eines Coming-Outs sei vom Umfeld abhängig. Schwule Politiker etwa hätten ein gefestigtes Umfeld. Doch offen schwule Sportler müssten mit einem "Spießrutenlauf" rechnen.
Homophobie auf DFB-Agenda
Man kann dem DFB allerdings zugute halten, dass er bemüht ist, die Atmosphäre zu verändern. Zwanziger ist bereits in den letzten Jahren durch so viele Aussagen zur Homosexualität aufgefallen, dass man ihn für einen Funktionär des LSVD halten könnte. Erst Anfang der Woche hatte er vor einem Zwangsouting von Fußballern gewarnt (queer.de berichtete). Im Oktober hatte der DFB ein Spiel der Nationalmannschaft unter das Motto gegen "Gegen Homophobie im Fußball" gestellt und entsprechende Flyer verteilt (queer.de berichtete). Im Sommer des letzten Jahres hatte ihn das Schwule Netzwerk NRW zum CSD in Köln mit seiner Kompassnadel geehrt (queer.de berichtete).
Links zum Thema:
» Flyer des DFB gegen Homophobie (PDF)
» Info-Seite Depression













Der Flyer "Gegen Homophobie im Fußball" ist gut gelungen und vielleicht sollten Profifußballer und deren Heterofans endlich die schwulen Fanclubs mehr als Realität und nicht als Exoten ansehen.