https://queer.de/?11517
- 13. Dezember 2009 4 Min.
Noch bis zum 9. Januar 2010 läuft die Ausschreibung des zweiten Videos für das Homosexuellen-Denkmal in Berlin - doch das Ergebnis ist vorgegeben
Von Eberhard Zastrau
In Berlin schreibt man derzeit ein neues Video aus, das im Denkmal für die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes gezeigt werden soll (queer.de berichtete). Gegenüber vom Denkmal für die ermordeten Juden Europas soll nun nach dem Willen des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) ein Video mit zwei küssenden Frauen das Denkmal für die verfolgten Schwulen geschlechtsneutral verklären. Die Initiatoren verbrämen ihre Geschichtsklitterung damit, dass sie aus dem Denkmal zur Erinnerung an die ermordeten und verfolgten Nazi-Opfer ein Mahnmal für gleichgeschlechtliche Ehe und Beamtenpensionen machen wollen, denn vor allem diese Ziele sind vom einstigen Befreiungskampf der Schwulen (und Lesben) übrig geblieben, wenn man den politischen Forderungen deutscher Homogruppen Glauben schenken darf.
Nach dem Willen des Bundestags soll das Denkmal am Rand des Tiergartens an die Opfer der Verfolgung erinnern und das Bewusstsein für das Verfolgungs-Unrecht wachhalten. Davon ist nichts mehr übrig geblieben. Wie wenig die existentielle Verfolgung, die Bedrohung an Leib und Leben in der Nazizeit, anscheinend im aktuellen Diskurs noch eine Rolle spielt, zeigt auch eine Hamburger Ausstellung, die dieser Tage im Berliner Schwulen Museum gezeigt wird. "Verfolgung Homosexueller in Hamburg 1919 bis 1969" lautet der Titel; die beiden geschichtszerreißenden Brüche dieses Zeitabschnitts – die Machtübergabe an die Nazis und die Befreiung vom Nazi-Terror – werden weder im Titel noch in der Ausstellung selbst sichtbar. Da steht das erschütternde Schicksal der von den Nazis ermordeten Jüdin Mary Pünjer scheinbar gleichrangig neben der Hammer-Aktion Corny Littmanns gegen die Überwachungsspiegel der Hamburger Nachkriegspolizei.
Lesben-Partys wurden von der Gestapo geduldet
Der in den Weimarer Jahren berühmte Couplet-Sänger Paul O'Montis war in Hannover aufgewachsen und wurde als Rosa-Winkel-Häftling im KZ Sachsenhausen ermordet. Für sein Schicksal war in einer Hannoveraner Ausstellung zur Homosexuellenverfolgung jedoch kein Platz, stattdessen fand die Sängerin Claire Waldoff prominente Erwähnung. Sie war wenigstens in einer sehr kurzen Lebens-Episode mit Hannover verbunden und konnte mit ihrer Freundin in der Nazizeit unbeschadet in bayerischen Gefilden leben, beide sind in gemeinsamer Grabstelle beigesetzt worden. Gerade die Präsentation dieser beiden Lebenswege hätte die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen den Schicksalen schwuler Männer und der Lebenssituation "tribadischer" Frauen in der Nazi-Zeit aufzeigen können. Doch das war offensichtlich von der hannoverschen Ausstellungsmacherin nicht gewollt.
Von einer Verfolgung, die Frauen wegen ihrer Homosexualität an Leib oder Leben bedroht hätte, kann man redlicherweise nicht sprechen. Im Gegenteil: Unpolitisches lesbisches Freizeitvergnügen – etwa in regelmäßigen Massentanzveranstaltungen bis ins Jahr 1940 – wurde von der Berliner Gestapo zwar beobachtet, aber nicht unterdrückt.
Die Geschichtsklitterung kommt auf leisen Sohlen daher. Nach einer "Emma-isierten" Medienkampagne gegen den bereits ausgewählten Denkmal-Entwurf knickte die Bundesregierung 2007 vor dem Sturmgeschütz der Frauenbewegung ein und nötigte die Künstler des Denkmals, einer Konzeptänderung zuzustimmen, damit eben alle zwei Jahre ein neues Video für das Denkmal entstehen sollte. In den offiziellen Texten tauchte das Ziel, die Lesben geschichtsklitternd in das Denkmal zu bringen, nicht auf. Auch die offizielle Ausschreibung für das neue Denkmal-Video verschweigt das eigentliche Ziel der Denkmal-Initiatoren, mit dem zweiten Video nun lesbische Frauen in den Mittelpunkt zu rücken. Nur in einem Beiblatt zur "Debatte um das Denkmal" kann man das geschichtsklitternde Ziel aus zwei kargen Sätzen eher ahnen als erkennen.
Verzerrung der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke
Es wäre sicher auch schwer geworden, offiziell zu verkünden, dass auf der einen Seite der Berliner Ebertstraße an sechs Millionen ermordete Juden erinnert wird, während auf der anderen Straßenseite unter der gleichen Überschrift "Verfolgung in der Nazi-Zeit" daran erinnert wird, dass Lesben ihrer Zeitschriftenlektüre verlustig gingen. Die Betreuung des Denkmals – und damit auch die Ausschreibung des neuen Videos – obliegt sinnigerweise der Stiftung für das Holocaust-Denkmal. Doch die Auswahl des Videos treffen die politisch Verantwortlichen aus Bund und Land gemeinsam mit den geschichtsvergessenen Initiatoren des Denkmals.
Wie warnte doch 2007 die Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten? "Die Verzerrung der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke – und mag sie noch so gut gemeint sein – beschädigt und delegitimiert aber die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Ganzen."
Links zum Thema:
» Den Ausschreibungstext als PDF downloaden
» Dokumentation "Wider die Legendenbildung"













Aber bei diesem Text musste ich stoppen, oft zwei-, dreimal lesen und selbst die Überschrift ergooglen. Schade eigentlich. Thema nicht verfehlt, aber der geschriebene Text erschließt sich mir nicht gut genug.