Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://www.queer.de/detail.php?article_id=11742
Home > Kommentare

Einzelkommentar zu:
USA gewähren schwulem Brasilianer Asyl


#4 eMANcipationAnonym
  • 09.02.2010, 16:39h
  • Antwort auf #2 von Girl .f.Ipanema
  • In der Tat geht es im Falle Brasiliens sehr viel mehr um eine historisch begründete, extreme soziale Ungleichheit (so extrem wie in kaum einem anderen Land) in Kombination mit einem traditionell schwachen (Rechts-) Staat als etwa um eine besonders auffällige "Homophobie". So ist die brasilianische Gesellschaft, inzwischen zu weit über 80% in den urbanen Zentren lebend, im Umgang mit Homosexualität eigentlich sehr offen, und ich persönlich habe dort während meines insgesamt zweijährigen Aufenthalts auch in den deutlich weniger privilegierten Lebensräumen gerade unter jungen Menschen einen äußerst offenen und selbstbewussten Umgang mit schwuler Identität erlebt.

    Andererseits sorgen das extreme Ausmaß sozialer Probleme sowie ein völlig überforderter (Rechts-) Staat dafür, dass kranke Homophobe, wie es sie überall gibt, in manchen Bereichen und Räumen noch gewalttätiger und aggressiver zuschlagen und sich an ihren Opfern vergehen, weil sie auf Straflosigkeit spekulieren können. Dies ist natürlich eine dramatische Situation. Dennoch sollte man gerade in Brasilien die in den letzten Jahren unter der Regierung von Präsident Lula und der der Arbeiterpartei PT erreichten positiven sozialen Veränderungen hervorheben, wie zum Beispiel der Rückgang der extremen Armut um 27% allein innerhalb der ersten vier Jahre von Lulas Regierung (2003-2006), erreicht vor allem durch das inzwischen weltweit größte, direkte Geldtransferprogramm von oben nach unten, "Bolsa Família". Nachdem sich die ohnehin unerträgliche soziale Ungleichheit unter der durchweg neoliberalen Vorgängerregierung trotz vorübergehender Besserung im Zuge der Währungsreform 1994 bis Anfang der 2000er Jahre wieder deutlich verschärft hatte, hat hier immerhin seit 2003 ein messbares politisches Gegensteuern stattgefunden.

    Die Regierung der Arbeiterpartei hat auch zahlreiche homopolitische Gesetzesvorhaben in den allerdings systembedingt extrem langsam arbeitenden brasilianischen Kongress eingebracht, wie z.B. ein umfassendes Gesetz gegen Hassverbrechen einschließlich Hassrede, ein Gesetz zur gleichberechtigten Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften und zuletzt vor ein paar Monaten einen umfassenden Menschenrechtsplan mit besonderen Schutzmaßnahmen für Schwule und Lesben:
    www.brasil-treff.com/home/news/index_de.php?&news_id=1478

    Über die äußerst fortschrittliche Präventionspolitik, z.B. die kostenlose Verteilung von Kondomen nicht nur zur Karnevalszeit, sondern auch regelmäßig in öffentlichen Schulen, wurde auch bei queer.de schon mehrfach berichtet.

    Kurzum: Die brasilianische Gesellschaft ist immer noch extrem ungleich und damit auch widersprüchlich, wobei der brasilianische Lebensalltag insgesamt durch einen bemerkenswert offenen Umgang mit Homosexualität gekennzeichnet ist, der auch in einer inzwischen deutlich sichtbaren und in allen großen Städten institutionell verankerten Homo-Bewegung Ausdruck findet. Die eigentliche Herausforderung bleibt die Bekämpfung der extremen sozialen Ungleichheit und der notorischen Schwäche des Rechtsstaates, wobei hier in den letzten Jahren eine durchaus bemerkenswerte Entwicklung, getragen insbesondere durch starke soziale Bewegungen, stattgefunden hat. Diese Bewegungen müssen nicht zuletzt zum Schutz von Schwulen und Lesben konsequent ausgebaut werden, und es bleibt zu hoffen, dass dies nach dem Ende der Präsidentschaft Lulas und den Präsidentschafts-/Kongresswahlen im Oktober weiterhin möglich sein wird.
  • Antworten » | Direktlink » | zu #2 springen »

» zurück zum Artikel