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- 01. März 2010 6 Min.
Der DFB präsentiert neue Zeugen gegen Manfred Amerell, der wiederum einen neuen Schuldigen für die "Verleumdungskampagne" ausmacht. Michael Kempter will nicht "in die Schwulenszene" gelenkt werden.
Von Norbert Blech
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat am Sonntag erneut belastendes Material gegen Manfred Amerell vorgelegt. Dem ehemaligen Mitglied des DFB-Schiedsrichterausschuss wird vorgeworfen, Schiedsrichter sexuell genötigt zu haben. Neben dem Bundesliga-Referee Michael Kempter, der die Geschichte mit einer Beschwerde beim DFB angestoßen hatte, unterschrieben am Sonntag vier weitere Unparteiische und ein ehemaliger Schiedsrichter eidesstattliche Versicherungen zu den angeblichen Vorfällen.
"Ich muss von einem System Amerell reden", sagte der Berliner Anwalt Christian Schertz im Auftrag des DFBs am Sonntag in München. Bei dem Termin, zu dem der Verbund vier Medien geladen hatte, sollen drei Schiedsrichter unter Wahrung ihrer Anonymität erklärt haben, sich von Amerell sexuell belästigt gefühlt zu haben. "In diesem Abhängigkeitsverhältnis wollte man sich seine Karriere nicht verbauen", sagte einer der Schiedsrichter laut DPA zu den Gründen seines langen Schweigens. Amerell habe "einem das Leben so dermaßen kaputt gemacht und stellt sich jetzt als Opfer hin", kritisierte ein anderer. Die Schiedsrichter schilderten nach einer Zusammenfassung der "Frankfurter Rundschau" eine "Mischung aus Bevorteilung, Repressalien und Annäherung, die sie um ihre sportliche und berufliche Karriere fürchten ließ". Alle hätten sich jedoch gegen die Annäherungen gewehrt.
Ein vierter Schiedsrichter versicherte, einen Annäherungsversuch Amerells beobachtet zu haben. DFB-Boss Theo Zwanziger sagte nach dem Termin, dass es nun auch zu staatsanwaltlichen Ermittlungen kommen könne: "Es gibt in diesem Fall Ansätze, die auf strafbare Handlungen hindeuten."
Ein Ex-Schiedsrichter betritt die Bühne
Als "Vertrauensperson" der Schiedsrichter trat bei der Zusammenkunft erstmals der ehemalige DFB-Referee Franz-Xaver Wack auf, der auch noch einen neuen Vorwurf parat hatte: der DFB-Schiedsrichter-Boss Roth habe bereits seit fünf Jahren von Vorwürfen gegen Amerell gewusst. Er selbst habe ihn damals über "Hinweise auf Amtsmissbrauch" informiert. An Roth hatte sich Kempter bereits im letzten Jahr gewandt, die Klärung der Vorwürfe begann jedoch erst in diesem Februar. Bislang steht Zwanziger zu Roth, der im Herbst abtreten will.
Die Schiedsrichter, die am Sonntag die eidesstattlichen Erklärungen abgaben, sollen sich der "Frankfurter Rundschau" zufolge vor drei Wochen an den ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter und Zahnarzt Wack gewandt haben, sie werden von DFB-Justiziar Jörg Englisch, dem Berliner Medienanwalt Christian Schertz und dem Nationalmannschafts-Psychologen Hans-Dieter Hermann betreut. Als "Freund der Familie" habe Wack auch Amerell und seine Ehefrau schon vor Jahren auf das Thema angesprochen, sei aber auf Ignoranz gestoßen. Die Neigungen Amerells seien "in der Schiedsrichterszene lange bekannt" gewesen, es sei deshalb bereits vor fünf Jahren bei einer Sitzung des Süddeutschen Fußballverbandes "zur Eskalation" gekommen, zitiert die Zeitung Wack.
Mit den freiwilligen, rechtsverbindlichen Erklärungen der Betroffenen sieht sich der DFB gerüstet für den öffentlichen Verhandlungstermin am Donnerstag vor dem Landgericht München, Amerell hatte auf Unterlassung der Vorwürfe geklagt. Zu der Anhörung werden keine Schiedsrichter erscheinen, Amerell will sich persönlich wehren.
Amerells Ehefrau sieht Verschwörung
Der Beschuldigte, der weiterhin alle Vorwürfe abstreitet, hat am Montag seine Ehefrau Margit vorgeschickt, um auf die neuen Vorwürfe zu reagieren. Sein Anwalt hatte zuvor zu einer Pressekonferenz eingeladen, in der "auf einen bisher noch nicht veröffentlichten skandalösen Vorgang in einem Augsburger Hotel in der Nacht auf Samstag, den 27.02.2010, 00.30 Uhr bis 03.00 Uhr" eingegangen werden sollte, ein Vorgang, der auch "strafrechtlich relevant" gewesen sein soll. Hierbei handelt es sich nun nicht wie zunächst befürchtet um eine weitere Annäherungsgeschichte.
Hingegen habe Franz-Xaver Wack Margit Amerell in der Nacht zum Samstag angerufen und um ein Gespräch gebeten, berichteten sie und Amerells Anwalt Jürgen Langer bei der Pressekonferenz. Um 0.15 Uhr sei er schließlich im Hotel der Amerells in Augsburg angekommen und habe sie mit den Worten begrüßt: "Spatzerl, du weißt gar nicht was los ist." Daraufhin habe er behauptet, er habe "sämtliche Akten des DFB einsehen können" und rate Amerell, "sich zu stellen", zumal er im Besitz einer Akte sei, in der insgesamt zehn Schiedsrichter ihren Ehemann beschuldigen würden. Als Langer eingetroffen sei, habe er nichts weiteres sagen wollen.
Nach Ansicht des Anwalts zeige die Art, wie Wack Amerells Frau unter Druck gesetzt habe, dass dieser "die zentrale Figur einer Verschwörungskampagne" sei. Auch müsse der DFB erklären, warum der seit zwei Jahren nicht mehr für den DFB aktive Wack Akteneinsicht bekomme, Amerell und seine Verteidiger hingegen nicht: "Der DFB will vertuschen und verschleiern." Den Schiedsrichtern, die am Sonntag eidesstattliche Erklärungen abgaben, warf er "üble Nachrede" und "Verleumdung" vor.
Nach Auskunft der Ehefrau Amerells sei die ursprüngliche Freundschaft des Paares mit Wack 2005 in die Brüche gegangen, seitdem hege dieser einen Groll auf ihren Ehemann. "Nunmehr liegt auf der Hand, welche Personen hinter der gegen mich geführten Schmutz- und Hetzkampagne stecken", sagte Amerell dem Magazin "kicker". Wack versuche schon lange, "meinem Ansehen zu schaden, um meine Ämter zu übernehmen", so Amerell.
Kempter weist Vorwürfe gegen sich zurück
Jungschiri Michael Kempter indessen hat am Sonntag in einem DPA-Interview die am Wochenende neu aufgetauchten Vorwürfe gegen ihn selbst erneut zurückgewiesen. "Ich weiß, dass nichts war", sagte er zu dem Bericht eines jungen Schiedsrichters, der behauptet hatte, Kempter habe sich ihm im Mai des letzen Jahres in einem Hotel "aktiv mit deutlichen Absichten angenähert" (queer.de berichtete). Beide hätten zwar in dem Hotelzimmer "ein Bier getrunken", so Kempter, das sei es aber auch gewesen.
Der Bayer kritisierte die Berichterstattung über ihn: "Mich da jetzt anzugreifen und in die Schwulenszene zu lenken, kann mir mit am meisten schaden". Er glaube aber nicht, dass die Angelegenheit seiner Glaubwürdigkeit geschadet habe: "Ich habe meine Sachen vorgetragen und die Wahrheit gesagt. Vom DFB habe ich volle Unterstützung erfahren. Es geht nicht darum, wie jemand veranlagt ist. Entscheidend ist, dass das gegen den Willen des Betroffenen passiert", so Kempter gegenüber der Nachrichtenagentur.
Kempter hatte bereits Anfang der letzten Woche angegeben, nicht schwul zu sein. Dagegen spricht eine intime SMS, die er Amerell geschickt haben soll und dieser veröffentlichte ("Komm doch ohne dich auch nicht klar"). Zwanziger hatte das Verhältnis zwischen den beiden Männern als "Liebesverhältnis" kategorisiert (das eine Pflichtverletzung Amerells begründe), diese scheint übereinstimmenden Medienberichten zufolge über mehrere Jahre gegangen zu sein. "Der Spiegel" berichtet, die Schiedsrichter-Szene betrachte die Beziehung der beiden Männer "differenzierter" als die DFB-Spitze: "Wie eine Marionette" habe Kempter "seinen Förderer für seine Karriere benutzt", urteilt demnach ein anonymer Referee.
Mit der Zweitligapartie zwischen Fortuna Düsseldorf und SpVgg Greuther Fürth ist Kempter am Freitag für das erste Spiel nach Bekanntwerden der Geschichte angesetzt.













