https://queer.de/?12173
- 15. Mai 2010 4 Min.
Die verbotene CSD-Demonstration in Minsk wird kurz nach dem Start von Polizei und Militär gestoppt. Update: Noch am Tag danach sind sieben Personen in Haft.
Von Norbert Blech
Die Demonstration zum Slavic Pride, einer Gemeinschaftsveranstaltung russischer und weißrussischer Schwuler und Lesben, ist am Samstag nach wenigen Metern von den Behörden gestoppt worden. Das berichtet ein Live-Ticker des Portals "UK Gay News", das mit Anwesenden in Kontakt steht.
Die rund 40 Teilnehmer, etwa zur Hälfte aus Russland und Weißrussland, waren demnach zunächst unschlüssig, ob sie den geplanten Marsch ab der wissenschaftlichen Akademie angesichts einer starken Polizei- und Militärpräsenz starten sollten. Wie ein Augenzeugenbericht eines Teilnehmers darlegt, hatte es um den Ort der Demonstration lange Geheimhaltung gegeben, um genau dies zu verhindern; Journalisten hingegen waren im Vorfeld informiert und in Scharen erschienen.
Letztlich machten sich die Teilnehmer doch auf den Weg, mit einer 12 Meter langen Regenbogenflagge und begleitet von Journalisten, Fotografen und einigen, eventuell spontanen, Gegendemonstranten. Einer von ihnen soll laut gay-radio.ru auch Eier auf die Teilnehmer geworfen haben, laut der Zeitung "Nasha Niva" soll es sich bei dem Mann um einen Journalisten gehandelt haben, der an dem Tag "privat" vor Ort war.
Nach der ersten Kreuzung nach etwa 10 Minuten bzw. 400 Metern griff dann die Polizei ein, entfernte die Regenbogenflagge und nahm die Leute fest, die nicht schnell genug fliehen konnten. Dabei sollen die Polizisten recht brutal vorgegangen sein. "Ich habe noch nie so etwas gesehen", berichtet der Moskauer CSD-Organisator Nikolai Aleksejew per Mobiltelefon an "UK Gay News", "sie waren brutal und gewalttätig".
Aleksejew und einige andere Teilnehmer konnten offenbar vor der Polizei flüchten, rund zehn Personen sollen allerdings von der Polizei in Gewahrsam genommen worden sein. Der Hauptorganisator des Slavic Pride, Sergey Androsenko, wurde wenig später mit zwei oder drei anderen Teilnehmern in einem Café verhaftet, berichtet das weißrussische Schwulenportal gay.by.
Gegen Nachmittag ist von 11 oder 12 Verhafteten die Rede, verteilt auf zwei Polizeistationen. Aus einer heißt es zunächst, dass acht dort festgehaltene Personen bis zu einem Gerichtstermin in eine Haftanstalt verlegt werden sollen. Später kündigt die Polizei an, sie gehen zu lassen, weil sie angeblich kein Benzin habe, um sie zu verlegen. Sie müssten am Montag vor Gericht erscheinen. Nach letzten Informationen werden sie allerdings noch immer festgehalten, die anderswo Untergebrachten sind inzwischen auf freiem Fuß.
Nachtrag, 16. Mai: Sieben Personen mussten die Nacht in U-Haft verbringen und werden wohl bis zu einem Gerichtstermin am Montag in Gewahrsam bleiben. Der achte Inhaftierte konnte aus der Polizeistation fliehen und nahm noch an der Pride-Party teil, bei der es zu keinen Zwischenfällen gekommen sein soll.
Der deutsche Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Grüne) hatte zwischenzeitlich getwittert, dass er das Auswärtige Amt gebeten hat, sich für die Personen einzusetzen. Auch das französiche Außenamt wurde auf die Sache aufmerksam gemacht, durch Louis-Georges Tin, Präsident des Komitees zum Internationalen Tag gegen Homophobie (IDAHO), der am Montag begangen wird.
Der CSD in Minsk war am letzten Wochenende von der Stadtverwaltung verboten worden, mit Berufung auf ein Gesetz, nach dem öffentliche Veranstaltungen weniger als 200 Meter von unterirdischen Fußgängerübergängen sowie U-Bahn-Stationen verboten sind (queer.de berichtete).
Proteste und Bombendrohung
Bereits am Freitag hatte es Aufregung um den Slavic Pride gegeben, als die Organisatoren zusammen mit den Anreisenden von den CSDs in Moskau und St. Petersburg eine Filmvorführung abhalten wollten. Nachdem ein örtlicher Radiosender den eigentlich geheim gehaltenen Ort bekannt gab, protestierten vor dem Crowne-Plaza-Hotel um die 30 Jugendliche mit Kapuzenpullis, die es teilweise auch in das Hotel schafften und den Zutritt blockierten.
Die Polizei räumte schließlich den Eingang. Später gab es eine Bombendrohung, das offenbar sehr hilfreiche Hotelpersonal verlegte die Vorführung in einen anderen Bereich des Gebäudes. Mit Verzögerung und weniger Teilnehmern als angemeldet wurde schließlich ein kanadischer Dokumentationsfilm gezeigt, "Beyond Gays: The Politics of Pride". Es geht darin unter anderem um die Schwierigkeit, einen CSD in Moskau zu organisieren.
Dessen Organisator Nikolai Aleksejew war auch für den Slavic Pride aktiv, etwa mit einem Gastkommentar im "Guardian" oder bei einer Pressekonferenz für örtliche und internationale Medien (und zwei Geheimdienstlern) am Freitag. Wie so oft beklagte er die mangelnde Unterstützung aus dem Ausland: anders als im letzten Jahr, als sich EU-Botschaften an einer LGBT-Konferenz beteiligten, hielten diese sich in 2010 zurück, berichtet "UK Gay News".
CSD in Moskau in zwei Wochen
Im letzten Jahr fand der - ebenfalls verbotene - Slavic Pride in Moskau statt, am gleichen Tag wie das Finale des Eurovision Song Contest. Kurz nach Beginn der Demonstration verhaftete die Polizei rund 40 Menschen, die teilweise die Nacht in der Zelle verbringen mussten (queer.de berichtete).
Die diesjährige CSD-Demo in der russischen Hauptstadt ist für den 29. Mai geplant. Sollte sie wieder verboten werden, wollen die Organisatoren um Nikolai Aleksejew und Nikolai Bajew einen neuen wie trickreichen Weg einschlagen: die Demonstration soll dann auf dem Gelände einer ausländischen Botschaft stattfinden. Am 26. Juni folgt dann der CSD in St. Petersburg. Der städtische Ombudsmann für Menschenrechte hat seine Unterstützung angekündigt, sollte die Demonstration verboten werden.
Links zum Thema:
» Homepage des Slavic Pride
» Gayrussia.ru von den Organisatoren des CSD Moskau










Dieses Land, obgleich es näher als die USA ist, ist uns Deutschen fast unbekannt. Von USA oder Kanada wissen wir viel mehr. Und welcher Tourist verirrt sich schon nach Weißrussland und Minsk ? So gut wie keiner...
Unsere Kenntnisse hören im Osten Europas an den Grenzen Polens zu Weissrussland auf und allenfalls weiter östlich sind uns Petersburg und Moskau in Russland wieder vertraut. Die Flugzeuge fliegen eigentlich über Weißrussland hinweg.
Die CSD-Demonstranten in Minsk haben meinen allerhöchsten Respekt, denn sie marschieren in einem Unrechtsstaat, den es in dieser Form nirgendwo in Europa mehr gibt.
Und wenn wir ehrlich sind, das Schicksal Weißrusslands ist den allermeisten Deutschen und West-/Nordeuropäern in den letzten beiden Jahrzehnten relativ egal gewesen.