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- 16. Juli 2010 3 Min.

Ein melancholischer Blick zurück in die 80er
Rosa von Praunheim besucht in "New York Memories" seine Lieblingsstadt, in der er in den 70er und 80er Jahren das volle schwule Leben kennen lernte - heute hat sich einiges verändert.
Von Dennis Klein
Erzählt der inzwischen 67-jährige Regisseur von Manhattan, dann kommt er schnell ins Schwärmen. Von der kämpferischen Atmosphäre, in der schwule Aktivisten nicht weniger als die Welt verändern wollten. Vom Meatmarket-Distrikt, in dem er große, starke Männer in dunklen Hinterzimmern traf. Oder von den Lagerhallen am Ende der Christopher Street, in denen immer eine schnelle Nummer geschoben werden konnte. So war es bis in die 80er Jahre - dann kam Aids, Rudy Giuliani und Nine/Eleven.
In mehreren Filmen hat Praunheim bereits seiner Stadt ein Denkmal gesetzt. 2009 kehrte er zurück, um zu sehen, was aus seinen alten Freunden geworden ist und wie die nächste Generation zurecht kommt. Er porträtiert eine Reihe von deutschen Migrantinnen, denen er schon 20 Jahre zuvor in "Überleben in New York" ein Denkmal gesetzt hatte. Wie damals ringen sie noch um ihre Lebensentwürfe - sind aber im Laufe der Jahre etwas gesetzter geworden.
Heute sieht die ganze Stadt ganz anders aus. Manhattan ist aufgeräumt, relativ sauber, relativ sicher und relativ langweilig geworden, so Praunheims Fazit. Die Mieten für ein kleines Apartment sind von 300 Dollar auf 3.000 Dollar gestiegen - und damit haben Lebenskünstler und Aktivisten die Herrschaft abgegeben an Banker und Versicherungsangestellte.
Glamour-Journalistin statt Gogo-Tänzerin

Rosa von Praunheim dreht seit über vier Jahrzehnten Filme und Dokumentationen.
Es wird viel diskutiert über die Rolle von Bürgermeister Rudy Giuliani, der von 1994 bis 2001 die Geschicke der Stadt leitete. Nicht alle Protagonisten des Films sind unglücklich über den Law-and-Order-Republikaner. So berichtet die Münchnerin Claudia, wie sie früher im unsicheren, alten New York eine Vergewaltigung in der eigenen Wohnung erlebte. Heute fühlt sich die ehemalige Gogo-Tänzerin sicherer - und ihrer bewegten Vergangenheit ist eine eher mondäne Gegenwart gefolgt: "Geld verdient man heute im Journalismus mit Glamour", verkündet sie.
Der Geist der Rebellion, den Praunheim in der Schwulenbewegung der Stadt geliebt hat, ist immer schwieriger zu finden. Das zeigt sich etwa an der Geschichte eines jungen Transsexuellen: Praunheim trifft in dem Film seinen alten Regisseur wieder, mit dem er 1989 "Überleben in New York" gedreht hatte. Dessen Tochter hat sich im Alter von zwölf Jahren auf YouTube als transsexuell geoutet und lebt jetzt - 13-jährig - als Isaac mit seinen Eltern. Anders als seine Vorgängergeneration will er nicht auf die Barrikaden, sondern ist genervt, dass ihn seine Mutter immer auf "Gender-Events" schleppen will.
Überlebenswillen ohne soziales Netz
In New York spürt Praunheim jedoch weiterhin die "unvergleichliche Energie" und den "Überlebenswillen" seiner Einwohner, die aus der ganzen Welt kommen, um ihr Glück zu versuchen. "Hier gibt es kaum soziale Absicherung, und das macht die Leute so vital und erfinderisch", erklärte der Regisseur in einem Interview. Und tatsächlich hat man bei den Protagonisten den Eindruck, dass sie geradezu darin schwelgen, es ohne Kranken- und Arbeitslosenversicherung geschafft zu haben. Das soziale Netz wartet über dem großen Teich.
Praunheims Porträt der Stadt ist spannend - auch für Leute, die mit seinem teils oberlehrerhaften Ton nicht viel anfangen können. Er zeigt melancholisch, wie die alte Spielwiese New York inzwischen Starbucks mehr zu lieben scheint als kleine Theater und Galerien. Ob das Publikum dem großen alten Mann der deutschen Schwulenbewegung noch wie früher an den Lippen hängt, ist allerdings fraglich: In der Kölner Pressevorführung von "New York Memories" haben sich gerade mal zwei Journalisten ins Kino verirrt.
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