Einzeleintrag aus:
Nepal feierte erste CSD-Parade
Landung in Kathmandu im zweiten Anlauf. Wegen Nebel musste der Pilot noch einmal durchstarten. Am Boden dann strömender Regen, immerhin wird jeder Passagier von einem Flughafenangestellten persönlich mit Regenschirm auf dem Rollfeld empfangen. Der Tribhuvan International Airport kennt keine Fluggastbrücken.
In etwa einer Viertelstunde hoppelt mein Taxifahrer die fünf Kilometer in die Altstadt. Außer den hunderten Schlaglöchern muss er frei umherlaufenden Kühen, Frauen in bunten Saris und Mönchen in roten Roben ausweichen. Rechts und links des Weges etliche kleine Geschäfte. Das Leben in Kathmandu findet auf der Straße statt, selbst im strömenden Regen. Und eines ist mehr als offensichtlich: Nepal ist ein bettelarmes Land.

Am Mittwoch soll hier eine Gay-Pride-Parade stattfinden? Ein ziemlich abstruser Gedanke, wenn man westliche Maßstäbe anlegt! Das Bordprogramm von Nepal Airlines kennt keinen "Pride-Kanal" wie ihn Delta in den USA erfunden hat. Am Flughafen kein einziges Begrüßungsschild für die schwul-lesbischen Besucher, so wie man es vom Mardi Gras aus Sydney kennt. Natürlich auch keine einzige Regenbogenfahne weit und breit.
Selbst der Gaydar versagt bei der allerersten Stadterkundung. Im quirligen Backpacker-Viertel Thamel sprechen mich zwar Dutzende Männer an, doch sie alle wollen nur Tigerbalm, Wollpullover oder Haschisch verkaufen. Erkennt man Schwule aus Singapur oder Hongkong oft an ihren Klamotten, fällt dieses Erkennungsmerkmal in Kathmandu komplett aus. Die Mittelschicht der nepalesischen Hauptstadt ist viel zu klein, um dem Gay-Markenfetisch zu huldigen.
Doch wie lernt man in Nepal andere Schwule kennen? Reine Gay-Bars oder -clubs existieren nicht, lediglich zum Wochenende gibt es ein paar "gemischte" Geheimtipps unter den Lokalen. Selbst auf die Blauen Seiten ist unterm Mount Everest kein Verlass: Gayromeo listet lediglich 233 Profile aus Kathmandu, Gaydar sogar nur nur die Hälfte. Die überwiegende Zahl der Profile verzichtet auf ein Foto und kommt mit so wenigen Angaben wie möglich aus. Diejenigen, mit denen ich chatte, haben vom bevorstehenden Gay Pride nichts mitbekommen - und sie würden auch nie im Leben daran teilnehmen. Diskretion heißt das Zauberwort der in der Regel verheirateten Männer. In Kathmandu trifft man sich privat.
Hat Queer.de-User Geert in seinem Kommentar (unten die Nummer zwei) vielleicht Recht, dass ein CSD in einem Entwicklungsland komplett fehl am Platze ist? Oder steckt hinter seiner Kritik nur die typisch westliche Arroganz, es unbedingt wissen zu müssen, was für andere Kulturen das Beste ist? Nepals "Blue Diamond Society" veranstaltet ein Gay Pride Festival immerhin bereits seit dem Jahr 2001 (das Foto rechts ist aus 2005) - nur in diesem Jahr soll erstmals eine Parade dazu gehören. Anders als unser bürgerrechtsorientierter LSVD gibt Nepals queerer Verein übrigens auch Fahrschulunterricht, veranstaltet Kurse für Wachleute sowie Seminare, wie man sich richtig schminkt...
Geerts Frage ist dennoch berechtigt: Drohen mit dem Werben um schwul-lesbische Touristen aus der "ersten Welt" auch Gefahren für Nepals aufstrebende gay community? Das werde ich die CSD-Veranstalter auf jeden Fall am Mittwoch fragen!







