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- 15. September 2010 4 Min.

Immer wieder kommt es weltweit zu Protestaktionen gegen die Homo-Verfolgung im Iran - wie hier 2006 in Washington D.C. (Bild: Wiki Commons / Elvert Barnes / CC-BY-2.0)
Matin Yar ist kurz vor seinem Sodomie-Prozess aus dem Iran geflohen und wartet nun in der Türkei auf die Gewährung seiner Asylbitte in einem westlichen Land.
Von Helmut N. Gabel
Homosexuellen im Iran droht laut Artikel 110 des Strafgesetzbuchs die Todesstrafe. Viele von ihnen haben den Iran verlassen, um in toleranteren Ländern Asyl zu suchen. Einer von ihnen ist Matin Yar, der in der Türkei auf die Gewährung seiner Asylbitte in einem westlichen Land wartet. Das Interview soll einen kleinen Einblick in seine Situation gewähren. Die Verständigung mit Matin Yar war mit Hilfe der Übersetzerin Saghi Ghahraman von der Iranian Queer Organisation in Kanada möglich.
Aus welcher Region Irans stammen Sie?
Ich komme aus einem kleinen Dorf aus einer zentralen Provinz Irans. Dort habe ich meine Schule abgeschlossen.
Was liegt im Iran gegen Sie vor?
Ich war zu einem Verwandtenbesuch in einer nahen Kleinstadt, als ich verhaftet wurde. Man warf mir eine gleichgeschlechtliche Vergewaltigung vor, die ich nicht begangen habe und die ich gestanden habe, weil man mich so stark gefoltert hat, dass ich es nicht mehr aushalten konnte. Ich konnte nicht einmal das "Geständnis" unterschreiben, weil meine Hände so blutig und geschwollen vom Aufhängen und den Schlägen waren. Mein Vernehmungsbeamter hat dann das Geständnis unterschrieben.
Gibt es irgend etwas, was sie am Iran lieben?
Gar nichts. Dieser Staat ist mir zuwider.
Warum haben Sie den Iran verlassen?
Als ich den Iran verließ, erwartete ich einen Prozess wegen Sodomie. Man hatte mich auf Kaution freigelassen. Nach etwas weniger als einem Jahr wurde ich zur Polizei bestellt, um Fragen zu beantworten. Daraus schloss ich, dass der Prozess bald stattfinden würde. Ich bekam es mit der Angst zu tun, was der Prozess bringen würde und dass man mich nochmals foltern würde, und weil ich Sorge hatte, man wolle mich hinrichten, habe ich den Iran verlassen, um mich in einem Transitland um Asyl zu bemühen.
In welcher Situation befinden Sie sich jetzt?
Im Moment warte ich auf meinen Status als Flüchtling. Die UNHCR hat mich schon zweimal befragt, aber ich weiß noch nicht was dabei herausgekommen ist. Ich bin sehr angespannt und fühle mich niedergeschlagen. Am meisten habe ich Angst vor einer Deportation in den Iran. Ich leide an den Erinnerungsbildern von der Folter, die man mir während der zwei Monate im Gefängnis bei den Befragungen angetan hat.

Die Männerliebe wurde im alten Persien nicht immer verfolgt. Das Bild aus dem Jahr 1627 zeigt, wie sich Schah Abbas mit seinem Weinjungen vergnügt (Bild: Musée du Louvre, Paris)
Wer hilft Ihnen?
Iranian Queer Organization - IRQO unterstützt mich mit meinem Papierkram und den Behördenkontakten und hat in meinem Namen Kontakt zur UNHCR aufgenommen. Aber ich habe kein Geld und auch keine finanzielle Unterstützung, da ich ja für Essen und Wohnen bezahlen muss.
Was bedeutet es für Sie schwul zu sein?
Alles was ich weiß ist, dass ich schwul bin. Mehr weiß ich nicht. Ich bin mit Schamgefühlen groß geworden und hatte immer ein schlechtes Gewissen wegen dieser Neigung. Es heißt nichts bestimmtes schwul zu sein, aber die Verachtung mir gegenüber und die ganzen Beleidigungen wegen meiner Liebe zu meinem besten Freund, einem Jungen im gleichen Alter, beschimpft zu werden und verhöhnt zu werden, kränkt mich. Ich bin gefoltert worden, vergewaltigt worden und stand kurz vor einem Todesurteil und das alles nur, weil ich schwul bin. Das hat mich für mein Leben gezeichnet. Das bedeutet es für mich schwul zu sein. Doch abgesehen von meinen Alpträumen, mag ich es wie ich bin. Ich bin glücklich mit meiner Neigung.
Wie reagieren Leute, wenn sie von Ihrer Situation erfahren?
Leute, die ich um Hilfe bitte oder nur über das Internet mit ihnen kommuniziere, meistens Leute aus dem Westen, sind sehr nett und zuvorkommend. Sie verstehen meine Situation und dass ich Hilfe brauche. Wenn ich meine Erfahrungen mitteile, bieten sie mir immer an zu helfen. Journalisten oder Menschenrechtsaktivisten hören sich meine Geschichte an und halten den Kontakt, um zu sehen wie sie mir helfen können.
Was wünschen Sie sich für ihre eigene Zukunft?
Ich würde gerne studieren, eine interessante Arbeit haben und meinen Landsleuten, die von den gleichen Ängsten geplagt sind wie ich, helfen aus dem Land zu kommen.
Was wünschen Sie sich für den Iran?
Ich wünsche mir, dass der Iran frei wird von dem Regime, das seine eigene Bevölkerung brutal behandelt und unterdrückt.
Das Interview wurde uns freundlicherweise von Mehriran.de zur Verfügung gestellt. Das Portal bringt Hintergrundinformationen zu gesellschaftspolitischen Themen im Iran und veröffentlicht Artikel über die Verletzung von Menschenrechten und den Kampf der Menschen für ihre Freiheit im Iran.















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www.mehriran.de/
Abgrenzung: Was diese Seite auf keinen Fall unterstützt, sind Fantasien bestimmter politischer Gruppen das Regime im Iran mit militärischen Mitteln zu beseitigen. Ein militärisches Eingreifen würde einmal wieder die Souveränität der iranischen Bevölkerung untergraben und den Reifeprozess der Gesellschaft zurückwerfen. Manche Iranexperten beobachten Vorbereitungen bestimmter politischer Kräfte, die Weltöffentlichkeit für einen neuen Krieg gewogen zu stimmen.
Wir plädieren für die Unterstützung der zivilen Kräfte im Iran, die eine friedliche Ablösung des Regimes und des Systems von Innen heraus erwirken wollen.
Weder eine Fortführung des Systems, noch seine blutige Beseitigung und das künstliche Aufpflanzen von Außen einer neuen politischen Lösung werden für das Land, die Region und die Welt Sinn machen.