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- 18. September 2010 4 Min.

Eingetragen nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz (Bild: Screenshot BILD)
Warum es gut ist, dass Guido Westerwelle vor das Standesamt getreten und Ole von Beust seinen jungen Geliebten vorgestellt hat.
Von Christian Scheuß
Meine Güte, dieses Wochenende ist ja angefüllt mit überraschenden Enthüllungen aus dem Leben ansonsten - na sagen wir mal - eher verschlossener Politiker. Das private Ereignis des deutschen Außenministers sorgt selbst im Ausland für Schlagzeilen. So freut sich RTL Luxemburg: "Guido Westerwelle huet säi Frënd Michael Mronz bestuet" "Bestuet" ist ein schönes Wort, da assoziiert man gleich, dass sich die beiden ja 2003 bei einem Reitturnier kennengelernt hatten.
Für die deutschen Medien hat er dagegen schlicht "geheiratet", ist im "Hafen der Ehe" gelandet. Die verheiratete Kanzlerin wünscht ihrem Vize "Von Herzen Glück und alles Gute" und auch der unverheiratete Klaus Wowereit gratuliert über das Magazin "Focus": "Ich wünsche dieser Ehe alles Gute und viel Glück." Man achte auf die Wortwahl: Der Ehe wünscht er alles Gute, nicht den Eheleuten. Volker Beck dagegen kann sich eine leichte Spitze via Twitter nicht verkneifen: "Ist doch schön, dass ihr nicht zum Notar musstet."
Apropos "Heirat", hab ich da was verpasst? Ach so, naja, "Verpartnerung" oder das "Eingehen einer Lebenspartnerschaft" klingt auch neun Jahre nach Einführung dieses Rechtsinstituts irgendwie sperrig und passt auch nicht so gut in die Überschriften wie "Heirat", Hochzeit", "Homo-Ehe". Aber wir sollten nicht vergessen, dass die Öffnung der Ehe - meinetwegen auch gern die Abschaffung derselben - nach wie vor aussteht, und dass die Lebenspartnerschaft nicht nur nach Krücke klingt, sie ist es nach wie vor auch rechtlich.
Die Chancen stehen wohl schlecht, zu erfahren, warum Welli seinen Mronzi gerade jetzt geehelicht hat, ist ja schließlich deren "Privatsache". Ob sie eines Abends bei einem guten Glas Wein daheim auf dem Sofa gesessen haben? Guido schickt noch ein paar SMS an Angie, Michael starrt gedankenverloren an die Wand, wo die Gemälde von Norbert Bisky mit den jungen blonden Männern hängen und plötzlich sagt er: "Du, was ist, wenn Du bei einem Besuch in Afghanistan von einer Horde Taliban in die Berge verschleppt und anschließend gezwungen wirst, vor den bärtigen Männern in Frauenkleidern zu tanzen, bevor sie dich vergewaltigen? Oder was ist, wenn ich plötzlich bei einem Reitturnier vom Pferd falle? Du Guido, das macht mir Angst." Guido überlegt kurz und sagt dann: "Komm, lass uns schnell bestueten." Vielleicht war es so. Vielleicht ist aber auch nur der Steuerberater schuld.
Romantik auf die hanseatische Art

Sie tragen Ringe nur als "Zierstücke" (Bild: Screenshot MoPo)
Und derweil in Hamburg? Ole trägt jetzt auch einen Ring am Finger, allerdings nur ein "Zierstück", geheiratet haben der Ex-OB und der Medizinstudent nicht. Lästereien über den großen Altersunterschied von 36 Jahren bereiten ihm keine Sorgen, bekräftigte er gegenüber dem Focus: "Wichtig ist, dass man zuverlässig, anständig und nach Gesetz lebt. Das tue ich." Gesetzestreue Liebe? Das ist Romantik auf die hanseatische Art. Hamburger Medien reagieren dagegen verzickt. So kommentiert das Hamburger Abendblatt Oles Auftritt mit seinem Lebenspartner bei der Eröffnung eines Modeshops: "Damit stellt von Beust das Stilempfinden der Hamburger Bürger nach seinem merkwürdigen Rücktritt zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen auf eine harte Probe."
"Shieet op dat Stilempfinden" wäre da unser Rat auf gut Norddeutsch. Wir erleben hier offensichtlich einen Mann, der sich mit 55 Jahren ein Stück weit sein Privatleben zurückerobert und sich - endlich - das selbstverständliche Recht nimmt, sein privates Glück öffentlich zu zeigen, wohl wissend, wie viele sich bei dieser Konstellation das neidische Maul zerreißen werden.
Und vergessen wir auch, dass sich der Außenminister mit seinem Freund unter den Schutz eines Rechtsinstituts stellt, das er mal für verfassungswidrig hielt und der uns alle zum Notar statt zum Standesamt schicken wollte. Er traut sich jetzt - endlich - sein Privatleben nach seinen Vorstellungen auszugestalten. Das ist, um es mit Wowis Worten zu sagen, schlicht "gut so." Im Berliner Szenemagazin "Siegessäule" gab es mal die Rubrik "Dafür haben wir nicht gekämpft", in der sich die Redaktion über Auswüchse in der Schwulenbewegung und der Community lustig machte. Hier sage ich: Doch dafür haben "wir" gekämpft. Dass auch einst so versteckte und verstockte Männer mal ein bisschen lockerer werden.













