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- 29. September 2010 3 Min.

Spooky: Die verstorbene Ehefrau kommt zum Abendessen (Bild: Movienet Film)
Nach der schwulen Liebesstory "Tropical Malady" lässt der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul die Geister Verstorbener zu Wort kommen.
Von Carsten Weidemann
Uncle Boonmee leidet an Nierenversagen. Seine letzten Tage will er auf seinem Landgut im Nordosten Thailands verbringen, umgeben von Verwandten und Freunden, die ihn lieben. Dort taucht plötzlich der Geist seiner verstorbenen Frau auf, um für Boonmee zu sorgen. Auch sein lange verschollener Sohn kehrt zurück - in Gestalt eines Affen. Nachdem Boonmee über die Ursachen seiner Krankheit nachgedacht hat, bricht er mit seiner Familie zu einer Reise durch den Dschungel auf. Die endet in einer geheimnisvollen Berghöhle - dort, wo Boonmees erstes Leben begann.
Wenn der thailändische Regisseur und Künstler Apichatpong Weerasethakul über seinen Film "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" spricht, weist er gern darauf hin, dass alles mit der Installation "Primitive" in London begann. "Primitive" besteht aus Filmsequenzen, die auf mehreren Bildschirmen gezeigt werden. Begleitet wird die Installation von Kurzfilmen und einem Buch. Das Projekt versammelt mehrere Arbeiten, die sich mit katastrophalen politischen Ereignissen in Thailand befassen. Weerasethakul hat "Primitive" in Nabua angesiedelt, einem verschlafenen Dörfchen im Nordosten Thailands. 1965 wurde diese Region in ganz Thailand bekannt, als es dort zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen kommunistischen Bauern und Regierungstruppen kam. Zwei Jahrzehnte lang hielt das Militär Nabua besetzt, die Region wurde zum Schauplatz von Unterdrückung und Gewalt.
Gewinner beim Filmfestival Canne 2010

Der Regisseur beim Dreh (Bild: Movienet Film)
Während seiner Besuche in Nabua begann der Filmemacher an einem Theaterstück zu arbeiten. Dabei inspirierte ihn das kleine Buch "A Man Who Can Recall His Past Lives", das ihm ein Mönch geschenkt hatte. Darin schreibt dieser Mönch über Uncle Boonmee. Der konnte sich seine verschiedenen Leben im Nordosten Thailands ins Gedächtnis zurückrufen und wurde dabei von bislang unterdrückten Erinnerungen gequält. Diese Lektüre war die Geburtsstunde des Kinofilms "Uncle Boonmee".
Aufgewachsen ist Weerasethakul in Khon Kaen im Nordosten Thailands, wo seine Eltern als Ärzte arbeiteten. Zunächst beschäftigte er sich mit Architektur, ehe er 1997 seinen Abschluss im Bereich Film beim "Art Institute of Chicago" machte. Zwei Jahre später gründete er seine Produktionsfirma "Kick the Machine", um unabhängig von der kommerziellen Filmindustrie Thailands arbeiten zu können. Es war die europäische Kunstszene, die Weerasethakuls "kleine Filme" zuerst entdeckte. Erst danach wurde auch die internationale Filmwelt auf ihn aufmerksam: durch "Blissfully Yours", der 2002 den "Prix Un Certain Regard" beim Filmfestival von Cannes gewann.
Wie ein Thai denken, mit westlichen Augen sehen
"Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" ist der bislang zugänglichste Film, den Weerasethakul gedreht hat. Meisterhaft im Griff hat er hier seinen Filmstil und seine Filmstruktur, die ebenso persönlich wie eigenwillig sind. Nirgendwo wirken seine hypnotisierenden Sequenzen zu lang oder zu langsam, die einzelnen Szenen seines Films und deren Details funktionieren wie meditative "Stillleben". Die Hell-Dunkel-Kontraste benutzt Weerasethakul nicht nur ganz bewusst, sie sind eigene Gebilde. Wenn er seine Geschichten und Charaktere miteinander verwebt, lässt Weerasethakul nie ein Rätsel zu viel entstehen. Er hat eine neue Poesie des Films geschaffen. Sie ermöglicht es dem Betrachter, vor und zurück zu gehen, sich zwischen der modernen Bildersprache der Kinopioniere und der traditionellen der fernöstlichen Kunst zu bewegen. Weerasethakuls gesamtes Werk zeichnet sich durch ein doppeltes Verstehen aus. Der schwule Filmemacher, der in Deutschland dem homophilen Publikum durch sein 2004 veröffentlichtes Kinodrama "Tropical Malady" bekannt wurde, lässt uns wie ein Thai denken während wir mit westlichen Augen wahrnehmen.
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