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- 23. November 2010 3 Min.

Offen schwules Paar im Knast: Steven und Philipp aus dem Film "I love you Philipp Morris"
In Gefängnissen und auf Bohrinseln haben heterosexuelle Männer gleichgeschlechtlichen Sex und stehen offen dazu.
Von Sascha Blättermann
Als Stephen Donaldson, Dozent an der amerikanischen Columbia University, sich in den achtziger Jahren aus wissenschaftlichen Gründen mehrfach ins Gefängnis einliefern ließ, traute er seinen Augen kaum. "Es ist denkbar", sagte er schon in einer Vorlesung im Jahre 1993, "dass die Gesellschaft der Gefangenen in den USA, die die höchste und ständig steigende Inhaftierungsrate haben, als der Welt größtes schwules Ghetto beschrieben werden könnte."
Donaldson sah heterosexuelle Männer, die von ihrer Freundin besucht worden sind und danach innerhalb der Gefängnismauern wie selbstverständlich eine Beziehung zu einem Mann hatten. Warum taten diese Männer das? Hatten sie eine heimliche homo- oder bisexuelle Identität? Waren sie unter Zwang? Und warum waren die Beziehungen zwischen zwei Männern im Rahmen der Gefängnismauern akzeptiert?
Ein kaum erforschtes Phänomen

Die Justizvollzugsanstalt als schwules Ghetto: shirtloser Knacki hinter Gittern
Also forschte Donaldson nach, las sich wochenlang durch Studien und wissenschaftliche Aufsätze und stellte fest, dass das Phänomen allgemein nicht sehr gut erforscht war, obwohl man schon im späten 19. Jahrhundert feststellte, dass manche Individuen niemals gleichgeschlechtliche Aktivität zeigen, egal wie lange und wie intensiv sie heterosexuellen Kontakt entbehren. Andere wiederum schon. Und so ließ sich Donaldson erneut ins Gefängnis einliefern...
Heute, dreißig Jahre später, ist das Phänomen besser erforscht, wirklich verstanden aber ist es immer noch nicht. "Situative Homosexualität" nennt man das zeitweilige Tendieren zum anderen Geschlecht, aber auch "Gelegenheitshomosexualität" oder "Notstandshomosexualität".
Man weiß inzwischen, dass diese Erscheinung vor allem in Umgebungen vorkommt, in denen nur Menschen des gleichen Geschlechts leben, zum Beispiel in Haftanstalten, auf Schiffen oder auch auf Bohrinseln. Doch weiterhin stehen Fragen offen, so auch diejenige, inwiefern aktives Sexualverhalten interne Wünsche ausdrückt und durch externe Umstände beeinflusst wird. So wird immer mehr klar, wie komplex das System der sexuellen Orientierung ist.
Grundsätzlich geht man heute davon aus, dass durch sexuelle Handlungen, die gegen die eigene Orientierung stehen, diese Orientierung nicht verändert wird. Auch weiß man inzwischen, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten in Situationen gegengeschlechtlicher Entbehrung gerade bei Männern in ihrer sexuell aktivsten Zeit öfter vorkommt, auch in anderen Kulturkreisen. Dabei ist besonders überraschend, dass so ein Verhalten oft gar nicht als homosexuell angesehen wird.
Männlichkeit wird durch sexuelle Eroberung bewiesen

100% hetero: Manche Knackis lassen niemals einen anderen Mann in ihre Zelle, auch wenn sie viele Jahre keinen Sex mit einer Frau hatten
Das sah auch schon Stephen Donaldson nach seiner erneuten Einlieferung. Er stellte fest, dass es in der Gesellschaft in seinem Gefängnis eine strikte Trennung zwischen aktiver und passiver Rolle gab. "Die sexuelle Penetration eines anderen männlichen Gefangenen durch einen Mann wird durch die Subkultur gerechtfertigt und als männliche, statt als homosexuelle Verhaltensweise angesehen. Wenn sie keine Bereitschaft zeigten, ihre Männlichkeit durch sexuelle Eroberung zu demonstrieren, wurde ihr Status als Mann angezweifelt, was sie zum Ziel von Zurücksetzungen machte."
Doch: Dass sich die Männer dem gleichgeschlechtlichen Sex hingeben, kann auch an vorangegangen Vergewaltigungen liegen. Sie haben sich ihrem "Daddy", wie es Donaldson nennt, ergeben. Manche Männer durchleben während ihrer Haft eine Art Anpassungsprozess und erfahren ihr persönliches "Coming Out" oder leben danach bisexuell weiter. In den meisten Fällen haben solche Wandlungen aber mit schweren Vergewaltigungstraumata zu tun.
Auch deswegen sind die Anstrengungen, die Männer unternehmen, um eine Beziehung hinter den Gitterfenstern zu beginnen, entsprechend hoch. Diese Beziehungen dienen meist der Triebbefriedigung, können sich aber im Laufe der Zeit auch zu einer Art "Liebe" entwickeln. Dabei dient der Partner als eine Art Entspannungsinsel, bei der er sich nicht der Konkurrenz im Gefängnis hingeben muss und Gefühle zeigen kann.
Der Sex aber, das sagen die meisten Gefangenen in den bisher gemachten Studien, sei draußen besser.
Der Autor dieses Artikels unternimmt im Rahmen des Themenschwerpunktes Homosexualität der vhs Tübingen am Donnerstag, den 25. November 2010, um 20:15 Uhr, eine Reise in die schwule Kulturgeschichte. Der Eintritt ist frei.














