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- 01. Dezember 2010 4 Min.

Der Film ist auch die Liebesgeschichte von Frank (r.) und Jake
Pünktlich zum Welt-Aids-Tag startet der Film "House of Boys" in deutschen Kinos. Er erzählt vom schwulen Leben und Sterben in den 80ern.
Von Norbert Blech
Keine Minute ist vergangen, und man fühlt sich in "House of Boys" schon in den 80ern. Die Mode, die Innenausstattung, die Musik - alles passt, ohne aufgesetzt zu wirken. Im ersten Teil des Films treffen wir den Schüler Frank, der seine Homosexualität offensiv ausleben will, was sich in seiner Heimat in Luxemburg, in Schule, Freundeskreis und Elternhaus jedoch als schwierig herausstellt.
Also flüchtet Frank, dargestellt von dem hevorragenden, in seinem Enthusiasmus den Film tragenden Briten Layke Anderson, nach Amsterdam und landet durch Zufall in jenem "House of Boys", einem Stripclub, in dem er schnell eine Anstellung als Tänzer findet und Freundschaften schließt - unter dem wachsamen Auge des Clubbesitzers "Madame" (Udo Kier).
Leider beginnt die aus zahlreichen Töpfen geförderte deutsch-luxemburgische Koproduktion hier, sich zu verlieren. Regisseur Jean Claude-Schlim setzt viele Klischeeszenen ein; den alt-schwulen, femininen "Bösewicht", der allein im Zimmer voll auf Oper abgeht, hat man öfter gesehen, als man selbst in der Oper war. Es gibt Klischeerollen, etwa den Tänzer, der aus Jugend und Schönheit herauswächst. Und kindliche Szenen: Es ist nett von Ralf König, eine Animation beizufügen. Und unnötig. Man hat das alles schon gesehen, in diesem Film mit seinen Längen gleich mehrfach, nur besser.
Der Mittelteil: Schwächen und Längen

Das Filmposter (Bild: Filmlichter)
Der Film verschenkt vor allem viel Zeit für die Shows der Boys, die weder cinematographisch und gelungen sind noch unterhaltsam oder trashig - sie wirken wie das lustlose Vorspiel in einem osteuropäischen Porno, ohne damit glaubwürdiger zu werden. Der Song "In Dreams" ist nach David Lynchs "Blue Velvet" unantastbar und Udo Kier beweist sich einmal mehr als unbrauchbar. Was hätte allein das britische Allround-Talent Stephen Fry aus seiner Rolle machen können, der im Film als väterlicher Doktor gut, aber auch verschenkt besetzt ist?
Nein, dieser Mittelteil überzeugt nicht, das "House of Boys" lässt einen ziemlich desinteressiert und gelangweilt zurück, lediglich der britische Schauspieler Steven Webb sorgt als Angelo für Unterhaltung (er ist übrigens mittlerweile der Lebensgefährte von Stephen Fry). Szenen, in denen die Boys sammt kümmerndem Schwulenmuttchen am Frühstückstisch sitzen, lassen die Möglichkeiten des Films erahnen, hätte er einfach eine jungschwule WG zum Thema gehabt.
Es schadet diesem Teil des Films zudem, dass die zweite Hauptrolle, der bisexuelle Tänzer Jake (Benn Northover), nicht wirklich sympathisch, unnahbar rüberkommt. Das wirkt zwar authentisch, die Liebe, die Frank für ihn zunehmend empfindet, wird vom Zuschauer aber nicht nachvollzogen.
Und das Sterben geht weiter
Doch vielleicht rettet dies den Film: der Leidens- und Sterbensprozess von Jake, der den dritten, gelungensten Teil des Films ausmacht, ist unerwartet heftig und emotional, driftet aber nie in Kitsch ab, trifft den Ton und ist authentisch. Dass das Publikum eine Distanz zu Jake aufgebaut hat, macht die teils schwer auszuhaltenden Szenen erträglich.
Dem luxemburgerischen Regisseur Jean-Claude Schlim gebührt Dank, jüngere Generationen an eine Zeit zu erinnern, die in dieser Form vergangen, vielleicht auch schon vergessen ist. Kaum ein junger Schwuler wird sich vorstellen können, was es bedeutet, dass plötzlich diese Krankheit auftaucht, die damals ein fast sicheres Todesurteil bedeutet. Was es bedeutet, dass Freunde erkranken, sterben, und man selbst nicht weiß, ob man bereits infiziert ist und wie es überhaupt zu der Infektion kommt.
Leider wird der Film zum Abschluss albern: da wird in Einblendungen erklärt, wieviele Menschen bislang an Aids gestorben sind. Das ist ein unnötiger und scheiternder Versuch, mehr Betroffenheit zu erzeugen, zumal dieses kleine House of Boys dann doch nur ein sehr kleiner Teil der globalen Aids-Krise ist. Wenn dann im Abspann auch noch Gesichter von Prominenten gezeigt werden, die an Aids verstorben sind, bekommt diese Ende etwas Anmaßendes. Nein, das ist nicht DER Aids-Film.
Filme noch aus der Zeit, etwa "Longtime Companion" oder "Abschiedsblicke", erzählen die Geschichte besser. Und "Und das Leben geht weiter", dessen Buchvorlage von Randy Shilts Pflichtlektüre nicht nur für Szenejournalisten sein sollte, durfte sich sogar den hier unpassenden Abspann leisten. Der Film, der den Beginn der Aids-Krise in den USA erzählt, läuft übrigens in der Nacht zum Donnerstag in der ARD.
Auch "House of Boys" ist im gewissen Sinn ein Historienfilm, was seine Berechtigung hat, gerade zum Welt-Aids-Tag. Doch bleibt er belanglos. Regisseur Schlim sagt, er wolle mit dem Film junge Leute "wachrütteln". Doch er leistet nur einen schauerlichen Blick zurück, der der jungen Generation keine Antworten bietet. Für diese hätte er die Geschichte im Jetzt erzählen, auf Bareback-Sex, auf die Kombinationstherapie und ihre Nebenwirkungen eingehen müssen.
Was für junge Schwule übrig bleibt, ist das Gefühl der Gnade der späten Geburt, wie es sich vielleicht auch in anderen Bereichen des schwulen Lebens einstellt. Wenn das den Blick auf ältere Menschen und HIV-Positive in der Szene verändert, ist schon viel gewonnen.
House of Boys (LUX/D 2010), 117 Minuten. Regie: Jean-Claude Schlim, Darsteller: Layke Anderson, Udo Kier, Eleanor David, Benn Northover, Steven Webb, Ross Antony, Stephen Fry
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Danke für das tolle Review....werde mir den film doch nicht anschauen, evtl. erst auf dvd