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- 14. Februar 2011 6 Min.

Plakat zum Film: "Die Jungs vom Bahnhof Zoo" läuft ab 24. Februar auch in ausgewählten Programmkinos an
Rosa von Praunheim Doku "Die Jungs vom Bahnhof Zoo" feierte Premiere auf der Berlinale. Im Interview erzählt der Regisseur von seinen Recherchen auf dem schwulen Straßenstrich.
Von Christos Acrivulis
Wie kamen Sie auf das Thema männliche Prostitution?
Vor zweieinhalb Jahren verliebte ich mich in einen jungen Mann, Oliver, der 6 Jahre als Streetworker bei der Berliner Stricherhilfe SUB/WAY berlin e.V. (2010 umbenannt in Hilfe-für-Jungs e.V.) arbeitete. Das vereinfachte die Recherchen. Ich lernte Lutz Volkwein, den Leiter von SUB/WAY berlin, kennen und seinen Kollegen Wolfgang Werner, der zusammen mit der Sozialarbeiterin Karin Fink das beeindruckende Fachbuch "Stricher" geschrieben hat. Ungewöhnlich war auch, dass ich auf sehr viel Offenheit bei den Wirten der Berliner Stricherkneipen "Tabasco" und "Blue Boy" stieß.
Wie ist es Ihnen gelungen, mit den Strichern Kontakt aufzunehmen?
Zuerst war ich sehr ängstlich, denn meine Meinung war von gängigen Klischees geprägt, wie zum Beispiel, dass Stricher per se kriminell seien. Dann lernte ich bei meinem Filmrecherchen in der Szene Daniel kennen, einen meiner Protagonisten im Film. Er kommt zwar aus einem sehr schwierigen Elternhaus, aber er klaute nicht, war liebenswürdig, verlässlich und sehr offen. Ich interviewte ihn immer wieder über einen langen Zeitraum hinweg, ohne zu wissen, ob der Film jemals Geldgeber finden würde.
Wie konnten Sie Ihren Film finanzieren?
Wie bei allen meinen Filmen war das ein längerer Prozess. Mein erstes Skript war sehr theoretisch, überfrachtet mit Informationen und nicht sehr emotional. TV Sender fanden es zu gewagt und lehnten es gleich ab. Nur Barbara Denz vom NDR glaubte an den Film und dann kam Jens Stubenrauch vom RBB dazu, der schon meinen erfolgreichen Film "Meine Mütter" co-produziert hat. Einen Sender für einen Film zu finden, ist die Voraussetzung für das Einreichen bei Filmförderungen und ich hatte Glück, dass das Medienboard Berlin-Brandenburg und das BKM mir Geld gaben. Es waren alles kleine Summen, aber ich bin es gewohnt, Low-Budget-Filme zu drehen.

Stricher und Protagonist Daniel am Bahnhof Zoo: "liebenswürdig, verlässlich und sehr offen"
Was war schwieriger: Stricher oder Freier für den Film zu finden?
Freier zu finden ist besonders schwierig, sie halten sich sehr zurück und sind schamhaft. Selbst in der Schwulenszene werden Freier zum Teil verachtet, weil sie für Sex bezahlen. Ich hatte das grosse Glück, dass der Schauspieler und Regisseur Peter Kern mir ein schamlos offenes Interview gab. Ich bewundere ihn dafür. Er erzählt von seiner Einsamkeit, seiner Sehnsucht nach Zärtlichkeit und meint, dass die Stricher kein Problem mit seiner "monströsen" Figur haben. Freier können dick oder behindert sein. Wichtiger ist für die Jungs, dass sie von den Freiern menschlich behandelt und korrekt bezahlt werden.
Wie verlief die Kontaktaufnahme zu den rumänischen Strichern?
Das schien zuerst unmöglich, da ihre Familien offiziell nicht wissen dürfen, was sie hier in Deutschland machen. Homosexualität ist in Rumänien ein riesiges Tabu und gilt gemeinhin als Schande. Mein Freund Oliver machte mich mit seinem Kollegen, dem Streetworker Sergiu Grimalschi, bekannt, der selber Rumäne ist, viele Fremdsprachen beherrscht und fast alle osteuropäischen Stricher in Berlin kennt. Er erzählte mir von einem Dorf in Rumänien, aus dem fast alle jungen Männer in Berlin auf den Strich gehen, und stellte mir Ionel vor, einen attraktiven Roma, der aus diesem Dorf stammt. Wir begleiteten ihn mit der Kamera dorthin. Anfangs fürchteten wir uns vor der Reise, hatten Angst um unser Leben und unsere Kamera, aber alles ging gut und wir wurden freundlich in Ionels Heimatdorf aufgenommen. Die Mutter von Ionel ist taubstumm und war überglücklich, ihren Sohn wiederzusehen. Wir trafen viele junge Männer, die wir aus dem Internet kannten. Sie haben Sexworker-Profile auf GayRomeo und anderen Portalen, aber es war nicht möglich, mit ihnen in ihrem Dorf darüber zu sprechen. Das Thema ist dort tabu. Wenn man die ungeheure Armut vor Ort erlebt, weiss man, aus welcher Not heraus diese jungen Männer hier anschaffen.
Wie viele von den Strichern sind heterosexuell?
Von den rumänischen Strichern, die einen Großteil der Stricherszene in Berlin ausmachen, sind die meisten heterosexuell. In ihrer Gemeinschaft gilt schwuler Sex als Schande. Sich penetrieren zu lassen, ist besonders verachtet. Die Jungs geben an, dass sie beim Analverkehr aktiv sind, also beim Sex in der "Männerrolle" bleiben, oder sich sogar nur anfassen lassen. Dass auch mehr passieren kann, erfährt man nur in vertraulichen Gesprächen. Letztendlich bestimmt das Geld die Regeln.

Filmemacher Rosa von Praunheim: Sein Freund, ein ehemaliger Streetworker, brachte ihn auf das Thema männliche Prostitutio
Wie ist es für einen heterosexuellen Mann möglich, schwulen Sex zu haben?
Für die Jungs ist es ein Geschäft ohne grosse Emotionen oder Liebe. Sie lernen schnell und versuchen, beim Sex an etwas anderes zu denken. Andere kapitulieren nach nur ein paar Malen, weil sie sich zu sehr ekeln, manche empfinden es auch als angenehm, sich befriedigen zu lassen.
Wie lange können die Stricher den Job machen?
In der pädosexuellen Freierszene sind die Jungs höchstens so lange interessant, bis sich ihre Geschlechtsreife ausgebildet hat. In der öffentlichen Prostitutionsszene können sich die Stricher durchaus bis Mitte 20, Anfang 30 halten. Der Umstieg in ein mehr oder weniger bürgerliches Leben gelingt nur den wenigsten. Viele bleiben ihr Leben lang von schlecht bezahlten Aushilfsjobs und sozialen Hilfeleistungen abhängig. Es fehlt ihnen an Schulbildung und Struktur im Alltag, wichtige Vorrausetzungen, um eine Ausbildung beginnen zu können. Einige sterben früh an Aids oder Drogen.
Wie verhält es sich mit minderjährigen Strichern?
Ich zeige das am Beispiel von Daniel Rene, der von seinem 6ten Lebensjahr an von dem Hausmeister seiner Schule missbraucht wurde. Er lernte in dessen Umfeld verschiedene pädosexuelle Männer kennen, die ihn manipulierten und untereinander weiterreichten. Mit 14 wurde er von ihnen auf den Strich am Bahnhof Zoo geschickt. 70% seiner Einnahmen musste er abgeben. Als er 18 wurde, verloren sie das Interesse an ihm. Daniel Rene wurde von den Freiern, die er damals als seine Freunde betrachtete, plötzlich fallen gelassen und fühlte sich verraten. Als vor ein paar Jahren der Pädo-Zirkel, in dem er früher verkehrte, aufflog und die Männer verhaftet wurden, wurde ihm bewusst, was ihm angetan wurde. Jetzt ist er 30 und seelisch am Ende. Mit Hilfe von Lutz von SUB/WAY berlin versucht er, das Geschehene zu verarbeiten und wieder besser im Leben klar zu kommen.
Was haben Sie aus der Arbeit mit Ihren Film gelernt?
Ein Statement von Sergiu hat mir gut gefallen. Er sagte, dass er sehr viel Respekt vor Strichern hat, besonders vor den osteuropäischen. "Sie kommen aus unvorstellbarer Armut, müssen oft viele Grenzen überwinden, um zu uns zu kommen. Sie leben auch hier zusammengepfercht in kleinen Wohnungen und machen eine Arbeit, die in ihren Heimatländern verachtet wird. Das sollten wir uns klar machen, bevor wir diese Menschen verurteilen".
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Darüber einen Film zu drehen, ist wichtig und richtig. Aber so ein Film kann auch schnell "danebengehen". Ich muss ihn mir daher erst anschauen, um eine Meinung mir zum Film zu bilden.