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- 25. März 2011 7 Min.

Daniela Zysk organisierte während der Gay Games 2010 den WomenPlace (Bild: privat)
Der CSD München will dieses Jahr die Sichtbarkeit von Lesben zum Thema machen. Ein erster Anlauf, der in einer spielerischen Umbenennung des CSD in "Christina Street Day" mündete, führte zu heftiger Kritik von Schwulen (queer.de berichtete). Auch auf queer.de beschwerten sich Leser über "männerhassende Lesben" und forderte Mitstreiter auf, sich gegen "Emanzen" zu wehren. Die Kölner Aktivistin Daniela Zysk, die über Jahre den Cologne Pride mitorganisierte, kann die Aufregung nicht verstehen. Die 35-Jährige erklärt im queer.de-Interview mit Dennis Klein, welche Auswirkungen der schwul-lesbische Zwist hat und warum es bei schwul-lesbischen Projekten fast immer einen Männerüberschuss gibt.
Wie hat dir der Ansatz des CSD München gefallen?
Als ich zuerst davon gehört habe, dachte ich: "Nette Idee". Generell werden CSD-Mottos aber leider nicht wirklich von den Besuchern beachtet - wenn sich fünf oder zehn Prozent das Motto merken können, ist es schon viel.
Hat dich die Kritik an der Umbenennung überrascht?
Ich habe das nicht verstanden. Die negative Reaktion hab ich in den 16 Jahren, in denen ich als Aktivistin arbeite, so selten mitbekommen. Die Diskussion um den Namen fand ich sehr eigenartig, weil scheinbar kein Mensch kapiert hat, dass es nicht um eine CSD-Umbenennung für immer ging, sondern nur darum, ein Motto für dieses Jahr zu kreieren.
Kommt solche Kämpfe "Schwule gegen Lesben" öfters vor?
Nein, in der Organisation ist das selten. Aber es gibt natürlich Konflikte. Wir hatten beispielsweise 2007 eine Debatte um das Bordell Pascha, das am CSD Köln teilnehmen wollte. Es gab dann eine Grundsatzdiskussion um das Thema Prostitution. Das Pascha ist für viele Frauen und insbesondere Feministinnen ein Alptraum. Für mich war die Teilnahme von Europas größtem Bordell an unserem CSD auch kein gutes Signal. Schwule kritisierten dann, dass wir Frauen Lustverächter seien. Wir setzten uns damals ein paar Mal um einen großen Tisch, schrien uns an - dann gab es ein reinigendes Gewitter. Seither ist die Zusammenarbeit in Köln wieder gut. Wir arbeiten gerne zusammen für die Rechte von allen Homosexuellen. Aber natürlich unterscheiden sich Männer von Frauen in ihren Ansichten und ihrer Sexualität.

Teilnehmerinnen beim CSD München (Bild: jerome_Munich / flickr / by 2.0)
Warum ticken Lesben anders als Schwule?
Wir wachsen unter ganz anderen Voraussetzungen auf. Unsere Probleme als Lesben sind teilweise welche, die wir auch als Frauen haben. Viele Lesben sagen dann eben, dass sie für politische Arbeit keine Energie mehr haben. Wir haben aber auch ein anderes soziales Umfeld und Schwule haben eine ganz andere Ausgehkultur. Ich will nicht in Klischees verfallen, aber es gibt riesige Unterschiede. Es gibt Gründe, warum es in Weltstädten wie London oder New York maximal zwei Lesbenbars gibt und dutzende Schwulenbars. Wir sind in einem anderen Netzwerk vernetzt. Wir gehen natürlich auch aus - bei L-Beach haben sich beispielsweise 4.300 Frauen über ein Wochenende getroffen. Allerdings haben wir eine andere Sub- und Partykultur. Die schwule Sexkultur - die etwa über Gayromeo läuft - gibt es bei Frauen nur ganz vereinzelt. Der Unterschied, der zwischen Männern und Frauen herrscht, herrscht also auch zwischen Schwulen und Lesben. Daher haben wir auch eine eigene Identität.
Welche Folgen hat ein Konflikt Schwule gegen Lesben?
Die Folge für den CSD München wird sein, dass sich noch mehr Frauen vom CSD abwenden. Manche werden sagen, macht eure Sachen, wir machen unser L-Beach, wir machen unser LFT, wir machen unsere eigenen Projekte. Ich wünsche mir das natürlich nicht. Ich bin ja ein Mensch, der im schwulen Bereich angefangen hat, als ich mein Coming-out auf dem Land hatte. Mein erster Anlaufpunkt war eine Coming-out-Gruppe in einer lokalen Aidshilfe. Ich glaube daran, dass wir in der Gesellschaft nur als starkes Team etwas ausrichten können. Und es gibt ja zum Glück sehr viele positive Beispiele für ein starkes Miteinander von allen Teilen der Community.
Ist das nur ein deutsches Problem oder international?
In Deutschland gibt es ein Jammern auf hohem Niveau. Vor zwei Wochen war ich auf einem Kongress in Dresden mit osteuropäischen Lesben. Die haben für einen solchen Kleinkrieg überhaupt kein Verständnis. Dort geht es ums Überleben, und wir haben eine Luxusdiskussion über das Motto und Kommerz auf dem CSD.
Muss in der Szene etwas für das Thema Sichtbarkeit von Lesben getan werden?
Bei dieser Diskussion haben sich viele Lesben beklagt, dass alles so schwul ist und Lesben kaum vorkommen. Hier muss ich sagen: Es war noch nie wirklich anders. Seit ich denken kann ist bei allen gemischten Veranstaltungen der größte Teil schwul. In den schwul-lesbischen Vereinen saßen ja nie 50 Prozent Frauen im Vorstand, die sich um die Jobs gestritten hätten. Viele Frauen haben einfach keinen Bock drauf aus unterschiedlichen Gründen.
Warum bringen sich Lesben weniger ein?
Viele Frauen, die engagiert sind, landen zunächst in rein frauenbezogenen Initiativen, in Frauenhäusern oder ähnlichen Einrichtungen. In Köln gibt es sehr viele Lesben, aber nur wenige engagieren sich. Ich weiß ehrlich gesagt nicht immer, warum das so ist. Die Lesben hier machen zwar Events mit, aber auf Vorstandsarbeit haben die wenigsten Bock. Das hat auch negative Auswirkungen, wie man am Women Pride sehen kann. Ich habe im Jahr 2005 diese Veranstaltungsreihe innerhalb des Cologne Pride, die sich nur an Frauen richtet, gegründet. Das hat über Jahre gut funktioniert, allerdings hab ich mich wegen der hohen Belastung aus anderen LGBT-Funktionen davon zurückgezogen und meine Partnerin hatte dieses erfolgreich bis 2010 fortgeführt. Jetzt fällt der Women Pride aus, weil wir keine Nachfolgerin finden konnten.

Zysk: "Ich fand das Niveau auf den queer.de-Kommentarseiten erschreckend" (Bild: privat)
Hast du Verständnis für schwule Aktivisten, die sich Lesben nicht anbiedern wollen, wenn die doch sowieso kein Interesse haben?
Anbiedern ist ein schlechtes Wort. Der CSD ist eine Schwul-lesbisch-bi-transgender-Veranstaltung. Hier in Köln sind Lesben ja als Zuschauer beim CSD dabei, am Straßenrand stehen ungefähr 40 Prozent Frauen. Sie beteiligen sich aber weniger in der Parade. München hat gerade deshalb dieses Motto gewählt, weil die Sichtbarkeit von Lesben in den Medien gleich null ist. Es ist von "Schwulenehe" oder "Schwulenparade" die Rede - und ist in den letzten Jahren immer schlimmer geworden. Das Wort "Lesbe" kommt nicht mehr vor. Auch wenn wir nicht immer zu 50 Prozent dabei sind, ist es nicht okay, uns völlig unter den Tisch fallen zu lassen.
Wie hast du die Diskussion um den CSD München im Internet erlebt?
Ich fand das Niveau auf den queer.de-Kommentarseiten erschreckend. Da wurde etwa gesagt, dass Frauen heutzutage nicht mehr diskriminiert werden und alles bekommen. Da dachte ich mir: Ich muss mir auf einem CSU-Stammtisch nur halb so viel frauenfeindliche Kommentare anhören wie bei queer.de. Ich hab Schwulen hier mehr Selbstbewusstsein zugetraut. Es hat mich überrascht, wie viele beißen und keifen, wenn sie denken, ihnen wird etwas von den Lesben weggenommen.
Wie kann man das Problem in den Griff bekommen?
Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Man wird es nicht schaffen, dass sich Frauen zu gleichen Teilen politisch engagieren wollen. Es ist aber vielleicht auch nicht notwendig. Wir reden ja von völlig unterschiedlichen Parteien. Es ist schwierig, den Schwulen zu erklären, dass Lesben einfach ein bisschen anders ticken. Wir wehren uns aber auch nicht dagegen. Die schwule Kultur funktioniert anders als die lesbische - und dann sagen viele, ich habe nicht die Kraft, neben Job und Familie auch noch Aufklärungsarbeit innerhalb der Community zu machen. Jemand wie ich lebt in beiden Kulturen und ist manchmal auch hin- und hergerissen. Die Diskussion hat aufgezeigt, dass wir unterschiedlich sind, auch wenn wir in vielen Bereichen sehr erfolgreich zusammenarbeiten können.
Daniela Zysk (35) ist Finance-Managerin aus Köln. Sie war zwei Jahre lang im Kölner LSVD-Vorstand und fünf Jahre beim Kölner Lesben- und Schwulentag aktiv, der den CSD organisiert. In dieser Rolle gründete sie 2005 den WomenPride. Während der Gay Games in Köln war sie Mitorganisatiorin des WomenPlace. 2010 gewann sie den Goldenen Rik als Szenepersönlichkeit des Jahres.









