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- 06. August 2004 4 Min.
Die Libertines legen ein neues Album vor – man sollte sie hören und sehen, denn noch leben sie.
Von Norbert Blech
Es mag ja zweifelhaft sein, ob man ein Album besprechen darf, dass es bisher nur in Tauschbörsen gibt und erst Ende August erscheint. Aber hier handelt es sich um ein Gesamtkunstwerk, und da das Überleben der Band und ihrer Mitglieder nicht gesichert ist, kommt es auf jeden Tag an.
Das nach der Band benannte zweite Album der Libertines ist ein Wechselbad der Gefühle. Es fängt schon damit an, dass es die Libertines nicht mehr gibt. Sänger und Genie Pete Doherty ist nach drei abgebrochen Drogentherapien raus aus der Band, spricht nicht mehr mit dem zweiten wichtigen Bandmitglied, Carl Barât. Dabei ist es gerade die Kumpelschaft der beiden, die die Band geprägt hat.
Nach ihrem Erstling "Up the bracket" vor zwei Jahren gelten The Libertines, die neben Carl und Pete noch aus dem Bassisten John Hassal und dem Schlagzeuger Gary Powell bestehen, als wichtigste Band Englands. Die Texte Dohertys trafen den Nerv der Jugend, die Musik dazu war wild, unvorhersagbar, schwungvoll. Der damalige Produzent brachte diesen Schwung gekonnt auf dem Album unter, denn es klingt wie live. Nicht umsonst gelten die Libs vor allem als Live-Band: ihre Auftritte sind legendär, denn es wird viel improvisiert und auch gerne mal ins Publikum gehoppst. Oft kam es vor, dass Fans zu einem kleinen Nachkonzert in die (damalige) gemeinsame Wohnung von Doherty und Barât eingeladen wurden. Sie ließen sich auch gerne ein Bier ausgeben oder küssen (auch von männlichen Fans), oft spielten die Libertines "geheime" Gigs, die sie wenige Stunden zuvor auf Webseiten ankündigten. Ohnehin das Web: Neben den beiden offiziellen Alben existieren weitere Libertines-Stücke und ganze Alben von Dohertys Seitenprojekt Babyshambles, von den Künstlern selbst ins Netz gestellt.
Doch fast wäre es nach dem erfolgreichen Start vorbei gewesen für die Libertines. Sänger Pete wurde im letzten Herbst wegen Drogenmissbrauchs schon einmal aus der Band geworfen, brach daraufhin voller Wut bei seinem Bandkollegen Carl ein und stahl Musikinstrumente, dieser zeigte ihn an, Pete landete vor Gericht und im Gefängnis, dann nach drei Monaten Knast überraschende Wiedervereinigung, Tour durch England: "England's screaming" titelte der "NME" über die "Sex Pistols des 21. Jahrhunderts". Doherty schaffte es zusammen mit seinem jetzigen Hausgenossen Wolfman mit der Liebeshymne "For lovers" erstmals in die britischen Top Ten. Die Libertines waren Rock von der besten und schlimmsten Seite: ungekünstelt, erfolgreich, zugleich zerstörerisch. Seit Nirvana hat es das nicht mehr gegeben.
Doch die Drogensucht des 25-Jährigen verschlimmerte sich, nach zwei Therapieversuchen in England und Frankreich schlug gar ein Entziehungsversuch in einem thailändischen Kloster fehl. Vor wenigen Wochen flog er erneut aus der Band; das Kreativduo Doherty und Barât, seit neun Jahren zusammen, redet nicht mehr miteinander. Und Pete Doherty geht es offenbar immer schlechter. Allein in dieser Woche tauchte er bei zwei Solo-Konzerten nicht auf – ohne Absage an die Fans. Dabei hatte ihn gerade die Musik am laufen gehalten.
Dass die Rest-Libertines nun ohne ihn touren, an den wichtigsten Sommer-Festivals teilnehmen, bricht ihm das Herz. "Meine einzige Hoffnung ist tot. So wie ich es sein werde", sagte er vor zwei Wochen düster dem britischen Musikmagazin "NME".
In der gleichen Ausgabe sagte Barât, sollte Doherty wieder clean werden, könnte er wieder in die Band aufgenommen werden. Sieht man sich die Geschichte der Band an, ist eine Reunion sicher keine Unmöglichkeit – doch die Selbstzerstörung Dohertys könnte auch dann wieder alles gefährden. Auch Barât macht sich Sorgen, dass "einer sterben könnte" – sich eingeschlossen. Und meint damit eine Eifersuchtstat Dohertys.
Bereits bei der Aufnahme des Albums waren Securityleute eingestellt, um wüste Schlägereien zwischen den beiden zu verhindern. Sie sind wie ein Hardcore-Homopaar: in der einen Sekunde harmonisch vereint (inklusive Küsse auf der Bühne), in der anderen bereit, den anderen tot zu schlagen.
Dem Album merkt man es nicht an. Es klingt harmonischer als das erste, professioneller, beim ersten Hören auch langweiliger. Doch das legt sich, schnell merkt man das Meisterwerk, die starken Momente, die leisen Momente, die durch die Geschichten der letzten Wochen ihre rechte Würze erhalten. Die erste Single? Sie heißt "Can't stand me now". Bleibt zu hoffen, dass Doherty die rechten Schlüsse draus zieht.
Links zum Thema:
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» The Libertines - Up the Bracket (Limited Edition CD mit DVD, Amazon)
» babyshambles.com - Webseite von Pete Doherty
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