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  • 07. September 2011 12 4 Min.

Die Bilder des Terrroranschlags vom 11. September 2001 haben sich in unser Gedächtnis gebrannt, überwiegend Fernsehbilder, die die Skyline von New York in der Totalen zeigen. Die Redaktion des Magazins QUEER stand im September 2001 vor der Frage, wie man mit diesen Bildern, die aus einem Katastrophenfilm zu stammen scheinen, umgehen soll. Einfach so zur Tagesordnung überzugehen, und aus dem üblichen kleinen schwul-lesbischen Kosmos zu berichten, erschien uns schwer möglich, das Thema gar nicht zu beachten, gar unmöglich. Also machte sich der damalige QUEER-Redakteur Torsten Bless knapp zwei Wochen nach dem Anschlag auf nach New York, um mit Menschen aus der Community zu sprechen, um ihre Geschichten und Schicksale einzusammeln. Die Reportage, die er mitbrachte, erschien erstmals im Oktober 2001 in QUEER. Wir veröffentlichen diese nach wie vor berührende Geschichte noch einmal hier auf queer.de:


September 2001: Überall Kerzen, Blumen, Trauerbekundungen (Bild: Torsten Bless)

Es ist der 11.September 2001, 8.45 Uhr. Sarah Schulman arbeitet daheim in der East 9th Street am Computer. Paul Schindler hilft in Queens einem offen schwulen Kandidaten für das lokale Parlament beim Vorwahlkampf. Robb Davies sitzt etwa auf der Höhe des Bundesstaats Ohio im Flieger. Stephanie Nolan tritt ihren Dienst in Midtown Manhattan an. Harvey Fierstein schlummert selig in seinem Haus in Connecticut. Edgar Rodrigues macht sich in Los Angeles bereit für einen weiteren Tag bei der landesweiten Konferenz lesbisch-schwuler PolizeibeamtInnen. Jon Schwarzbach flucht leise vor sich hin, weil er drauf und dran ist, zu spät zu seiner Firma im 106. Stock des World Trade Centers zu kommen. Dann stürzt eine Boeing 767 der American Airlines in den Nordturm seines Arbeitsplatzes...

20. September, 19.30 Uhr. Der Flieger landet mit einiger Verspätung am JFK-Airport. Direkt nach den Anschlägen in New York und Washington seinen die Sicherheitsvorkehrungen and den Flughäfen drastisch verschärft worden, hieß es zuvor. Doch die Passkontrolle fällt ausgesprochen leutselig aus: "Hallo Freundchen, was bringt dich in die Vereinigten Staaten?", fragt der stämmige Beamte. Seine KollegInnen von der Gepäckkontrolle schauen nur gelangweilt in eine andere Richtung.

Fast ist man versucht, sich einzubilden, in der Stadt habe sich doch gar nicht so viel verändert. Doch als der Airport Shuttle Bus der Skyline von Manhattan entgegenrumpelt, fehlt da was. Wie in einem schlechten Film fordert derweil Präsident George W. Bush im Radio die Staaten der Welt dazu auf, sich auf die Seite der USA zu stellen, andernfalls werde man sie als UnterstützerInnen von TerroristInnen brandmarken. Den SoldatInnen ruft er zu: "Seid bereit und macht uns stolz!"

Lederclub Lure: Jede Stunde eine Freirunde aus Solidarität mit den New Yorker Feuerwehrmännern.


Augenzeugen und Stimmen aus der Szene (Bild: Torsten Bless)

Überall in der Stadt wimmelt es nur so von amerikanischen Flaggen. Die Stars and Stripes gibt es in unzähligen Varianten, als Fensterschmuck in groß und klein an Privathäusern und Geschäften, die Frau hinter dem Empfangsschalter des YMCA trägt wie unzählige anderere auch als Solidaritäts-Ribbon am Kragen. Die Fernsehsender geben ihren Nachrichtensendungen für deutsche Verhältnisse bizarrr anmutende Titel: "Amerika schlägt zurück" heißt es säbelrasselnd bei ABC, CNN spricht schon lange von "Amerikas neuem Krieg". Und immer wieder taucht ein Slogan auf: "Wir stehen zusammen".

Die Community steht da nicht zurück. Das New Yorker Lesben- und Schwulenzentrum tauschte für zwei Wochen die Regenbogen­flagge samt eigenem Logo mit der Nationalflagge. Im Lure, der Leder- und Fetischkneipe auf der West 13th Street, gibt es am Samstag zu jeder Stunde eine Freirunde in Solidarität mit den Feuerwehrmännern und PolizistInnen vom World Trade Center.

Was für unsere Augen hemmungslos chauvinistisch anmutet, ist für andere Balsam auf die geschundene Seele der Stadt. "Ich bin bestimmt kein Patriot, sicher nicht seit dem Vietnam-Krieg", betont der Sozialarbeiter Jim Scholle (48). "Doch in diesen Tagen empfinde ich schon duchaus so etwas wie Zuneigung für diese Stadt und meine Fahne." Auch er sei besorgt, sagt Paul Schindler (43), Chefredakteur der LGNY (Lesbian and Gay in New York), einer 14-tägig erscheinenden kostenlosen Zeitung. "Doch nicht jede Fahnenhissung heißt auch gleich, dass da zum Angriff geblasen wird." Das mag die Schriftstellerin Sarah Schulman (43) so nicht durchgehen lassen: "Meine Landsleute glauben allen Ernstes, wir AmerikanerInnen hätten uns nie eingemischt, und jetzt kämen auf einmal diese Verrückten und töten uns völlig ohne Grund. Doch was passiert ist, ist auch Konsequenz unserer eigenen Handlungen, der Angriffe auf Bagdad oder Afghanistan. Wenn George W. Bush erst einmal Menschen töten lässt, zeigt sich jeder, der sich die Flagge anheftet, solidarisch mit den Morden."

Derweil pulsiert in der Christopher Street wieder das Leben, die Straße, die Terrassen und Cafes sind gut gefüllt. Relaxt scheint die Stimmung in diesen warmen Spätsommertagen. Doch das Gleichgewicht steht auf recht tönernen Füssen. Gefragt nach einem kleinen Interview muss Jake, der Türsteher in der noch nicht sonderlich gefüllten Kneipe ganz dringend leere Gläser einsammeln, Kim, die Angestellte im Buchladen eine Ecke weiter, die Regale auffüllen...

Teil 2 der Reportage am Donnerstag

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-w-

#2 alexander
#3 salonAnonym
  • 08.09.2011, 08:07h
  • Zu Sarah Schulman (43) zehn Jahre später:

    "A number of analysts have observed that although bin Laden was finally killed, he won some major successes in his war against the U.S.

    "He repeatedly asserted that the only way to drive the U.S. from the Muslim world and defeat its satraps was by drawing Americans into a series of small but expensive wars that would ultimately bankrupt them," Eric Margolis writes.

    "'Bleeding the U.S.,' in his words.

    " The United States, first under George W. Bush and then Barack Obama, rushed right into bin Laden's trap...

    ...Grotesquely overblown military outlays and debt addiction... may be the most pernicious legacy of the man who thought he could defeat the United States" -- particularly when the debt is being cynically exploited by the far right, with the collusion of the Democrat establishment, to undermine what remains of social programs, public education, unions, and, in general, remaining barriers to corporate tyranny.

    mobile.salon.com/politics/war_room/2011/09/06/9_11_imperiali
    sm/index.html
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