Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?14972

Themenkoffer für Grundschüler

Berlin: Schul-Aufklärung sorgt weiter für Wirbel

  • 15. September 2011 75 5 Min.

Gegen ein "Schulfach Schwul" wettern Parteien und Katholiken, wie in NRW einige Jahre zuvor angefeuert vom Springer-Verlag

Nach der Partei BIG machen nun auch Katholiken sowie Parteien inklusive CDU und FDP Stimmung gegen Aufklärung über sexuelle Vielfalt.

Von Norbert Blech

Begonnen hatte alles mit der Springer-Presse. Die "B.Z." berichtete im Juni unter der Überschrift "Schulfach Schwul", Grundschüler würden demnächst mit einem Themenkoffer konfrontiert, der sogar Begriffe wie "Darkroom" enthalte. Die Bildungsinitiative Queerformat, die den Koffer miterstellte, kritisierte daraufhin zahlreiche Fehler des Beitrages. Der Koffer würde die geschlechtliche Vielfalt pädagogisch sinnvoll und kindgerecht behandeln, Themen wie Darkroom & Co kämen darin gar nicht vor (anders als in einer fünf Jahre alten Handreichung des Senats an Lehrer der Sekundarstufen I und II).

Das war allerdings nicht der Schlusspunkt, sondern der Beginn einer unnötigen Debatte, die in ihrer Ignoranz von Fakten und ihrem Fundamentalismus fast amerikanische Züge annehmen sollte. Zuerst nutzte die Partei "Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit" (BIG) das Thema für ein Flugblatt, in dem vor dem "Schulfach 'schwul'" gewarnt wird, das SPD und Linke angeblich einführen wollten, Darkroom-Aufklärung inklusive (queer.de berichtete). Überschrift des Flugblatts: "Alle Kinder schützen!"

Ende August meldete sich dann Martin Lohmann, der Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken in der CDU zu Wort. "Ich halte es für ein Vergehen an kleinen unschuldigen Kindern, wenn verklemmte Erwachsene meinen, ihnen ihre eigenen Verirrungen aufzwängen zu müssen", sagte Lohmann dem Online-Magazin "Freie Welt". Aufklärung, wie sie Berlin mit dem Themenkoffer plane, sei ein "Missbrauch von Vertrauen, Zärtlichkeit und Respekt" und "Indoktrination der perfidesten Art". Der Publizist mit Lehrauftrag an der privaten Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln findet es "sträflich, wenn dann staatlicherseits auch noch versucht wird, die Familie und das christliche Menschenbild zu diskriminieren. Aber genau das geschieht, wenn andere und der Familie nicht gleichwertige Lebensformen faktisch gleichgestellt werden sollen."

Katholiken-Forum gegen "manipulative" Erziehung


Der Bildungsserver Berlin bietet zahlreiche Infos zu sexueller Vielfalt. Das ist manipulativ, findet das Forum Deutscher Katholiken

Lohmann hat in dieser Woche auch Politiker kritisiert, die der Papst-Rede im Bundestag fernbleiben wollen (queer.de berichtete), und ist Vorsitzender des Bundesverbands Lebensrecht, der an diesem Wochenende in Berlin für eine Verschärfung des Abtreibungsrechts demonstriert. Daran beteiligt ist auch der der Verein Christdemokraten für das Leben e. V., der mit weiteren Anti-Abtreibungsgruppen und erzkatholischen Vereinigungen das Forum Deutscher Katholiken bildet, in dessen Kuratorium unter anderem der Kölner Kardinal Joachim Meisner, der homophobe CSU-Bundestags­abgeordnete Norbert Geis und die umstrittene Publizistin Gabriele Kuby sitzen. Bei einem Kongress am letzten Wochenende in Karlsruhe hat dieses Forum eine Resolution gegen die "staatliche Sexualisierung der Kinder durch Schulen, Kindertagesstätten und andere Einrichtungen" beschlossen.

Das Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, werde "in immer mehr Bundesländern von Seiten des Staates aktiv untergraben durch eine alles durchziehende manipulative Sexualerziehung (...), mittels derer die Kindern gezielt zu einer unterschiedslosen Akzeptanz jeglicher denkbaren sexuellen Spielarten und Betätigungen geführt werden sollen", heißt es in der Resolution. Das Schamgefühl der Kinder, "welches ihre Seele schützt und sie sexuelle Zudringlichkeiten zurückweisen lässt", werde verletzt, die Schüler "persönlichkeitsverletzend sexualisiert".

Als Beispiel wird Berlin erwähnt, wo "Siebtklässler pantomimisch Begriffe wie 'Orgasmus', 'Porno' oder 'Sado-Maso' darstellen sollen". Das Forum fordert alle Bürger auf, "sich gegen solche staatlichen Erziehungsinhalte und -methoden zum Schutz der Kinder zu wehren". Bischöfe und Priester sollten den Protest unterstützen.

Kritik kam auch von der Katholischen Elternschaft Deutschlands, die "eine kritische Sicht der Texte und Vorgaben gemeinsam mit den Eltern" forderte. Aber immerhin: "Dabei orientiert sich die KED", so die Bundesvorsitzende Marie-Theres Kastner, "an der Überzeugung, dass Christen allen Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Ausrichtung, Achtung und Liebe schulden, weil alle Menschen von Gott geachtet und geliebt sind."

Abgeordneten-Check zur "staatlichen Sexualisierung"


Ein verstörtes Kind soll die Empörung über die Schulaufklärung steigern. Politiker lassen sich darauf ein

Unterstützung erhalten die Themenkoffer-Kritiker auch von Politikern. In Berlin hat sich kurz vor der Wahl die Initiative familien-schutz.de gegründet, die eine Aktion gegen "staatliche Sexualisierung der Kindheit" gestartet hat. Die Erziehung des Kindes sei Aufgabe der Eltern und "sexuelle Vielfalt" dürfe "in ihrer ganzen scham- und persönlichkeitsverletzenden Bandbreite" nicht Teil des Unterrichts sein, heißt es in einem Aufruf, sich an Politiker zu wenden und die "skandalöse Entwicklung" zu verhindern.

Der Initiator der Aktion betreibt auch das Portal "Freie Welt", dem Martin Lohmann das Interview oben gab, und die Webseite abgeordneten-check.de, auf der die Antworten der Politiker abgebildet werden. "Moralvorstellungen und die Lehre sexueller Vielfalt gehört (...) nicht an die Grundschule", antwortet etwa der FDP-Abgeordnete Sebastian Czaja. "Es obliegt den Eltern in Ihrem Recht auf Erziehung, Ihren Kindern in diesem heiklen und oft scharmerfüllten Thema zu unterweisen."

Unterstützung für die Anti-Aufklärungs-Initiative kommt vor allem von CDU (eine Kandidatin verweist auf den Schutz des Grundgesetzes für Ehe und Familie) sowie Parteien wie Pro Deutschland und BIG. Ismail Özkanli von der BIG bietet sogar weitere Unterstützung an: "Falls Sie Unterschriften gegen diese Pflichtveranstaltungen sammeln, können wir als BIG-Partei Ihnen helfen." Aber auch je eine Stimme kommt von Grünen und Piraten, sie finden sich neben Kandidaten der "Freiheitspartei" und der NPD.

Angefragte FDP-Politiker verteilen sich auf alle drei Möglichkeiten (für die Initiative, wenige dagegen, die meisten unentschlossen). Unterstützer für eine Sexualaufklärung (von der Webseite "Blockierer" genannt) finden sich hauptsächlich bei Grünen und Linkspartei, aber auch Piraten und SPD-Mitglieder sind hier zu finden wie vereinzelte Angehörige von Union und FDP.

Ronald Wenke, Kreisgeschäftsführer der Grünen in Steglitz-Zehlendorf, schreibt in seiner Antwort, an Schulen müsse "die gesamte Wirklichkeit der Kinder abgebildet" werden. "Dazu gehört auch, dass Kinder ihre eigenen Familienformen wiedererkennen. Die (...) 'natürliche Vater-Mutter-Kind'-Familie ist eine wichtige (...) Form der Familie. Allerdings gibt es immer mehr Alleinerziehende und auch Regenbogen­familien mit beispielweise zwei Müttern oder zwei Vätern". Diese Wirklichkeit müsse abgedeckt und "kindgerecht und pädagogisch sinnvoll" vermittelt werden.

Diese nüchterne Auffassung hat es allerdings schwer gegen die Kampagnen, die gezielt mit der Angst spielen, Schüler könnten zur Homosexualität verführt werden. Das ganze hat ein Vorbild: In NRW hatten CDU und FDP in der letzten Legislaturperiode ein Aufklärungsprojekt der rot-grünen Vorgängerregierung über Homosexualität gestoppt. "Wir dürfen unseren Kindern nicht das Gefühl geben, dass schwul oder lesbisch zu sein bald Pflicht wird", zitierte eine das Handbuch selbst skandalisierende "Bild"-Zeitung damals einen anonymen Sprecher des Ministeriums unter der Leitung von Barbara Sommer (CDU). Die mit EU-Mitteln geförderten Broschüren, die sich an Lehrer richteten, wurden nach dem erneuten Regierungswechsel im letzten Jahr von Rot-Grün wieder aus der Versenkung geholt (queer.de berichtete).

-w-

#1 HinnerkAnonym
  • 15.09.2011, 11:21h
  • "Nach der Partei BIG machen nun auch Katholiken sowie Parteien inklusive CDU und FDP Stimmung gegen Aufklärung über sexuelle Vielfalt."

    Wieder mal zeigt die FDP ihr wahres Gesicht!!!!

    Wenn es um das Dummhalten von Menschen, Verhindern von Bildung und Aufklärung, Schüren von Hass, etc. geht, stehen Kirche, Union, FDP und andere extremistische Parteien stramm Seite an Seite!
  • Direktlink »
#2 Knueppel
  • 15.09.2011, 11:25h
  • Ich kann es eigentlich nur noch als zynisch empfinden, wenn ausgerechnet erneut diejenige Institution Front gegen sexuelle Aufklärung macht, die massiv Dreck am Stecken hat, was den Umgang mit Kindern betrifft, die Katholische Kirche und ihre diversen Unter-Organisationen.

    www.youtube.com/watch?v=hJ1_aQz6IuU&gl=DE

    Außerdem sind die sog. "Kritikpunkte" an dem Berliner Konzept grob verfälschend und sie grenzen an böswillige "Volksverhetzung".

    Worum es in Wirklichkeit - auch in Berlin - geht, haben u.a. die Veranstalter des CSD Stuttgart ganz gut erklärt:

    "(...) Besonderen Wert gilt es dabei insbesondere auf die Generationen von morgen zu legen. Daher zierte das diesjährige Plakatmotiv des CSD Stuttgart die sinnbildliche GENERATION ZUKUNFT: unsere Kinder – in all ihrer Vielfalt und Buntheit.

    Nur wenn wir heute in eine tolerante Gesellschaft investieren, werden wir in Zukunft von Menschen umgeben sein, für die die Akzeptanz von Minderheiten keine Herausforderung, sondern eine Selbstverständlichkeit ist. Für diese Vision gilt es zu kämpfen. Sie erfordert Zeit, Sachlichkeit, Offenheit, Mut und den Willen zur Veränderung. Vor allem setzt sie aber einen offenen Diskurs sowie ein gemeinsames Interesse auf allen Seiten voraus. GENERATION ZUKUNFT soll dieser Entwicklung ein Leitbild geben und das Miteinander positiv beeinflussen (...)"
    Quelle: "Generation Zukunft"
    bit.ly/rqU4jD
  • Direktlink »
#3 Wahl-WatchAnonym
  • 15.09.2011, 11:32h
  • "Aber auch je eine Stimme kommt von Grünen und Piraten, sie finden sich neben Kandidaten der "Freiheitspartei" und der NPD."

    Spätestens damit sollte klar sein, wen es nicht nur, aber ganz besonders, in Berlin zu unterstützen gilt. Die unter Rot-Rot begonnene Aufklärungspolitik ist vorbildlich und muss unbedingt fortgesetzt werden. Wo Rot-Grün regiert, hat es vergleichbare Initiativen wie das breit angelegte Berliner Bündnis für die Akzeptanz sexueller Vielfalt und den Landesaktionsplan gegen Homophobie in dieser Form noch nirgendwo gegeben. Sondern immer nur viel heiße Luft und warme Worte beim CSD, aber nichts Konkretes und FÜR ALLE Verbindliches. Dabei ist es für diese aktive Politik der Aufklärung und der Gleichberechtigung homosexueller Kinder und Jugendlicher eher 5 nach als 5 vor 12 - wie die skandalös menschenverachtenden und homofeindlichen Reaktionen, die bestimmt nicht zufällig ausgerechnet jetzt kommen, in erschreckender Weise belegen.
  • Direktlink »