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Katholische Kirche
Papst-Proteste "zeigen hässlichen Deutschen"
- 16. September 2011 4 Min.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner und der Kurienkardinal Walter Brandmüller gehen verbal gegen Papstkritiker vor
Bischöfe und Kardinäle bringen sich gegen die Papstproteste in Stellung: Die Würdenträger beschimpfen die Kritiker, gleichzeitig kungelt die Kirche mit den Traditionalisten der Pius-Bruderschaft.
Von Dennis Klein
Eine Woche vor dem Papstbesuch geht der Medienzirkus richtig los. Nachdem ungefähr 100 Bundestagsabgeordnete angekündigt haben, der Rede des Kirchenführers am 22. September aus Protest fernzubleiben, hält die Kritik an. Nach Ansicht der Kirche schaden die Politiker damit nicht nur der größten deutschen Glaubensgemeinschaft, sondern auch ihrem Vaterland: "Die Abgeordneten ... müssen sich der Wirkung dieser Art von Protest im Ausland bewusst sein", sagte etwa der deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller der "Bild"-Zeitung. "Sie verstärken dadurch das Bild vom 'hässlichen Deutschen'". Diese "Affäre" spreche nach Ansicht des 82-Jährigen nicht gegen den Papst, sondern sei eine "Blamage" für Deutschland.
Mehrere andere lokale Kirchenfürsten stimmten in den Kanon ein, ohne jedoch auf die inhaltliche Kritik einzugehen. So nannte der Kölner Kardinal Joachim Meisner die Proteste der Abgeordneten "kleinkariert und engstirnig". Solche Parlamentarier seien "kein Qualitätsmerkmal für die hehre Vertretung unseres Volkes". Der Dresdner Bischof Joachim Reinelt sprach von einem "schiefen parlamentarischen Selbstverständnis". Der 74-Jährige sagte gegenüber der "Leipziger Volkszeitung", er finde es "beschämend", wenn Abgeordnete ihre Kritik an der ersten Rede eines Papstes vor dem Parlament damit zum Ausdruck brächten, indem sie dieser Ansprache "bereits im Vorfeld mit Ignoranz und Feindseligkeit begegnen". Die Abwesenheit sei eine "platte Demonstration von Ignoranz" und zeuge von schlechtem Stil.
Kritik an katholischer Werbeveranstaltung
Als Gründe für den Protest nennen viele Abgeordnete die diskriminierende Politik des Papstes gegenüber sexuellen Minderheiten, Frauen oder die Haltung im Kampf gegen HIV. Außerdem sei es falsch, im Bundestag für eine bestimmte Religion zu werben - der Bundestag sei kein "Ort der religiösen Missionierung", meint etwa der SPD-Parlamentarier Rolf Schwanitz. Die katholischen Würdentrüger streiten dabei nicht einmal ab, dass der Papstbesuch in erster Linie eine Werbeveranstaltung für ihre Kirche ist. So erklärte Triers Bischof Stephan Ackermann gegenüber der dpa: "Ich erhoffe mir durch den Papst-Besuch Ermutigung und Stärkung in der Situation, in der wir stehen". Der 2009 zum Bischof ernannte Ackermann hatte sich bislang vor allem damit hervorgetan, den nach Kapstadt entsandten Pfarrer Stefan Hippler freizustellen. Der Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde arbeitet mit HIV-Positiven und hatte es gewagt, Kondome als ein Schutz vor der Immunschwächekrankheit darzustellen.
Kirche bandelt mit radikalen Piusbrüdern an

Gleichzeitig zur Papstrede im Bundestag ist eine vom LSVD mitorganisierte Demo am Potsdamer Platz geplant
Während sich die Kirchenvertreter über die Parlamentarier echauffieren, nähert sich der Vatikan in Gesprächen weiter der Piusbruderschaft an. Die Priestervereinigiung gilt als ultrakonservativ und setzt sich für einen noch schärferen Umgang der Kirche mit Homosexuellen ein. So organisierte die Pius-Bruderschaft mehrere Jahre lang Demonstrationen gegen den CSD in Stuttgart (queer.de berichtete). In der Vergangenheit haben sie auch eine Rekriminalisierung von Homosexualität verlangt. Der Pius-Weihbischof Richard Williamson hat außerdem mehrfach den Holocaust geleugnet, ohne dass dies zu kirchenrechtlichen Konsequenzen geführt hat.
Kirchenkritiker warnen davor, dass zu viel politischer Einfluss der katholischen Kirche negative Auswirkungen haben könnte: "Nahezu jeder wichtige Wert - ob Demokratie, Gleichberechtigung oder Menschenrechte - musste gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden", sagte Michael Schmidt-Salomon von der Giordano Bruno Stiftung gegenüber der "Südwestpresse". Die katholische Kirche hat allerdings nicht mehr den Rückhalt aus der Bevölkerung wie noch im letzten Jahrhundert: So leben heute zwar 24 Millionen Katholiken in Deutschland. Es gibt allerdings inzwischen 28 Millionen Konfessionslose, die mit ihren Steuergeldern den Papstbesuch - sowie weitere kirchenfreundliche Subventionen - mitfinanzieren dürfen, obwohl sie die politische Haltung der Glaubensorganisation nicht teilen.
Im Bundestag stellen sich auch Abgeordnete von SPD, Grünen und Linkspartei, die der Papstrede beiwohnen wollen, hinter ihre protestierenden Kollegen. So sagte etwa Grünenchefin Claudia Roth der "Berliner Morgenpost", dass das Recht auf freie Meinungsäußerung beim Papstbesuch nicht eingeschränkt werden dürfe. Mit Blick auf Themen wie Frauenrechte und die Gleichstellung von Schwulen und Lesben ergänzte die 56-Jährige, es werde dem Papst "mal ganz gut tun, nach Berlin zu kommen und zu spüren, was Realität ist im Jahr 2011".
Links zum Thema:
» Protestseite des Bündnis "Der Papst kommt"
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