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  • 15. Oktober 2011 7 4 Min.

Zweite Neuauflage von "Alf" in der Bibliothek rosa Winkel des Männerschwarm Verlags: Das Cover zeigt Autor Bruno Vogel im Alter von 17 Jahren als Soldat

In seinem Roman "Alf" aus dem Jahr 1929 spottet Bruno Vogel herrlich über die Sexualmoral der Kirche. In der Bibliothek rosa Winkel ist jetzt eine Neuauflage erschienen.

Von Angelo Algieri

Der Paragraf 175 ist in diesem Herbst gleich zweimal als literarisches Thema in den queeren Verlagsprogrammen vertreten. So ist im Querverlag "Anderer Welten Kind" von Wolfgang Ehmer erschienen (queer.de rezensierte). Darin geht es um einen Jugendlichen, dem der § 175 Strafgesetzbuch zum Verhängnis wurde - am Ende der 1950er Jahre. Wie sich der "Unzuchts"-Paragraf am Ende der Kaiserzeit auswirkte, zeigt der Text "Alf" von Bruno Vogel. Diese Neuauflage ist als 59. Band der Bibliothek rosa Winkel im Männerschwarm Verlag erschienen.

Autor Vogel, 1898-1987, war mit Magnus Hirschfeld und Kurt Hiller ein Vorreiter der schwulen Bewegung in der Weimarer Zeit. Der offen schwul-lebende Autor hat bereits 1924 für Furore gesorgt: Sein satirischer Erzählband "Es lebe der Krieg!" kam vors Gericht. Wie Herausgeber Raimund Wolfert in seinem exzellenten Nachwort beschreibt, wurde der Text als "unzüchtige Schrift" bewertet und durfte danach nur "kastriert" veröffentlicht werden. Vogel selbst erhielt eine Geldstrafe.

Im Jahr 1929 erschien sein Buch "Alf". Den Text bezeichnete Bruno Vogel selbst als Skizze. Es ist eine Mischung aus Erzählung mit vielen Dialogelementen und Briefroman. Die beiden 15-jährigen Protagonisten Felix und Alf lernen sich an einer Leipziger Schule im Jahr 1913 kennen. Sie werden bald dicke Freunde. Und mehr: Nachdem Alf für zwei Wochen im Urlaub war, treffen sie sich voller Sehnsucht wieder, küssen sich und haben Sex - ganz natürlich, ohne Schuldgefühle.

Durch Zufall entdeckt Felix, dass seine Liebe zu Alf unter Strafe steht


Eine erste Neuausgabe des Romans aus dem Jahr 1929 erschien 1977 bei Achenbach

Bis Felix in einem Antiquariat ein Buch über den § 175 entdeckt: Er ist schockiert, dass ihre Liebe unter Strafe steht. Weil er Alf liebt, beschließt Felix, ihn nicht mehr zu diesem "Verbrechen" zu verführen. Er bricht den Kontakt ab. Nach den Sommerferien 1914 - der 1. Weltkrieg hat gerade begonnen - versucht Alf wochenlang Felix zur Rede zu stellen: doch zwecklos. Alf tritt aus dieser Unerträglichkeit den freiwilligen Kriegsdienst an.

Als Alf eine Postkarte an die Klasse schreibt, nimmt Felix schließlich doch Kontakt mit ihm auf. Eine beeindruckende Briefkorrespondenz entwickelt sich: voller Sehnsucht, Gedankenaustausch über Grauenhaftes an der Westfront, über Kirche und Religion und wie diese über die (Sexual-)Erziehung Einfluss haben. Und auch: Wie dumm sich Felix von einem Paragrafen hat einschüchtern lassen. Alles wird gut, glauben sie und freuen sich auf das Wiedersehen: Alf soll zu einer Militär-Weiterbildung in die Nähe von Leipzig fahren. Doch zwei Wochen vorher fällt Alf.

Trotz seiner Traurigkeit beschließt Felix: "Ich will mitkämpfen gegen Bosheit und Dummheit, mithelfen, dass andere Menschen nicht, wie wir beide, aus Unwissenheit so Schweres durchmachen müssen. Das verspreche ich dir, Alf."

Dieses kämpferische Versprechen hat bis heute an Aktualität nichts verloren. Denn bis heute ist die Gleichstellung von Homo­sexuellen in der Gesellschaft noch nicht erreicht. "Zeiten der Hoffnung waren das", kommentierte Vogel in seinem Nachwort der ersten Neuauflage 1977. Und in der Tat stand der § 175 Anfang der 30er Jahre kurz vor der Abschaffung. Doch unter den Nationalsozialisten wurde der Unzuchtsparagraf noch verschärft.

Zynismus und Spott für Kirche und Krieg


Bruno Vogel im Jahr 1976: Die letzten beiden Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1987 lebte der Autor in London

Neben der homo-emanzipatorischen Ebene, beeindruckt Bruno Vogels Text mit Authentizität und Glaubwürdigkeit seiner jungen Protagonisten: Sie sind neugierig, rebellisch, trotzig, teils naiv und voller Ideen. Unterstützt wird dies durch die realistische Erzählweise, das rasante Tempo und die Konzentration auf das Wesentliche - ein kurzweiliges Lesevergnügen!

Spaß machen vor allem die Briefpassagen, in denen Alf und Felix für Kirche und Religion nur Hohn und Spott übrig haben. Hier knüpft Vogel an die Tradition der aufklärerischen Erzählungen von Voltaire und Denis Diderot an, in der auch sie über die Kirche und Bibelgläubigkeit köstlich gespottet haben. Und wie sie, argumentiert Vogel empirisch, rational und wissenschaftlich.

Zynismus und Spott auch beim Thema Krieg. Ähnlich wie Alf hat sich Vogel 1916 für den Krieg freiwillig gemeldet. Seine grauenhaften und eindrücklichen beschriebenen Kriegsbilder zeugen von seinen Erfahrungen an der Front. Erich-Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" lässt grüßen. Diese Kriegserfahrung hat Vogel nicht nur traumatisiert, sondern er wurde danach zu einem unbeugsamen Pazifisten.

Von "Alf" können noch heute einige Jugendbuchautoren lernen, wie man für männliche Jugendliche und Heranwachsende Coming-of-Age- und Coming-out-Texte schreibt. Wie meint Felix doch gleich: "man müßte eigentlich mal ein Buch schreiben, in dem alles steht, was wir Jungens so tun und denken" - das hat Vogel bis heute imposant bewiesen. Dieser Band sollte in jedem (Jungens-)Bücherregal stehen!

Bruno Vogel: Alf. Eine Skizze, herausgegeben von Raimund Wolfert. Bibliothek rosa Winkel Band 59. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2011, 48 Seiten, 18 €

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-w-

#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
#2 FinnAnonym
  • 15.10.2011, 15:14h
  • Wir haben zwar schon einiges erreicht, aber wenn man guckt, wie sehr wir immer noch diskriminiert sind (im Grundgesetz, keine Eheöffnung, etc.) nach all den Jahren, dann ist das schon etwas deprimierend.

    Die letzte Minderheit, die immer noch juristisch Menschen 2. Klasse sind.

    Das müssen wir endlich ändern!!
  • Direktlink »
#3 Yessir!Anonym