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- 21. Oktober 2011 2 Min.

Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer von queer.de und seit 25 Jahren in schwul-lesbischen Medien zu Hause. Normalerweise schreibt er vor allem Konzepte, Angebote, Rechnungen und Mahnungen, in dieser Kolumne aber immer wieder auch Emails an Leute und Organisationen, über die er einfach nur den Kopf schütteln kann.

Martin Dannecker untersucht zusammen mit Richard Lemke die Internetsexualität von schwulen und bisexuellen Männern (Bild: Wiki Commons / Richard Lemke / CC-BY-SA-3.0)
Lieber Prof. Dr. Martin Dannecker,
zunächst möchte ich mich bedanken: Sie haben uns seit Donnerstag jede Menge Traffic und zahlreiche neue Profile beschert - wobei einige nach wenigen Minuten gleich wieder gelöscht wurden. Vermutlich weil die User auf queer.de nicht das gefunden haben, was sie suchten: spontanen Sex.
Grund der großen Enttäuschung: In Ihrer neuen sexualwissenschaftlichen Online-Umfrage NetzLust2011, die Sie zusammen mit Ihrem Kollegen, dem Medienwissenschaftler Richard Lemke aus Mainz, gestartet haben, haben Sie Queer.de zum schwulen Datingportal befördert - in einer Reihe mit Gayromeo, Gayroyal, Gaydar und Grindr, hinter Silverdaddies.com und Eurowoof, aber immerhin noch vor Barebackcity. Dabei können selbst angemeldete User bei uns nicht einmal miteinander chatten.
Natürlich haben wir intern schon über solche Dating-Funktionen diskutiert. Aber weil der Kölsch-liebende Redakteur wegen der dann obligatorischen XXX-Bildchen nicht nach Amsterdam umziehen will, der Programmierer lieber an vielen kleinen Baustellen arbeitet und die Blauen Seiten im Übrigen auch gar nicht so schlecht sind, beschränken wir uns dann doch lieber auf News und Entertainment. Die Weiterentwicklung des journalistischen Profils ist für uns die größere Herausforderung.
Der gewöhnliche Homosexuelle ist oberflächlich, nicht wahr?
Doch wie ist Queer.de bloß in die Liste der schwulen Sex-Portale hinein geraten? Andere Wissenschaftler hätten den Tipp gegeben, dass wir "im sozialen Bereich einen hohen Stellenwert" besäßen, druckste Ihr Kollege Lemke heute Mittag am Telefon. So wichtig es unbestritten ist, die Internetsexualität zwischen Männern erstmals in einer großen Studie zu untersuchen - wäre es nicht vielleicht sinnvoll gewesen, die Funktionalitäten der gelisteten Portale vorher einmal zu testen?
Nun, Oberflächlichkeit gehört zu den Wesensmerkmalen des gewöhnlichen Homosexuellen - dies haben Sie 1971 als intellektueller Kopf und Drehbuchautor des Praunheim-Films "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" wunderbar herausgearbeitet. Schade, dass dies 40 Jahre später selbst geschätzte schwule Wissenschaftler mit einzuschließen scheint.
Oder tue ich Ihnen Unrecht? Über die Kommentarfunktion sind spontane Sexdates auf Queer.de ja nicht komplett ausgeschlossen. Wenn sich Stromboli und BurgerBerlin demnächst unter einem Artikel über Volker Beck zu einer heißen S/M-Session verabreden, nehme ich alles zurück!
Nachtrag, 16:40 Uhr: Martin Dannecker hat auf den Offenen Brief prompt reagiert und Queer.de aus der Liste der Datingportale genommen. Seine Antwort ist unten bei den Kommentaren zu finden.
Links zum Thema:
» Bei der Online-Umfrage NetzLust2011 mitmachen
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Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer von queer.de und seit 25 Jahren in schwul-lesbischen Medien zu Hause. Normalerweise schreibt er vor allem Konzepte, Angebote, Rechnungen und Mahnungen, in dieser Kolumne aber immer wieder auch Emails an Leute und Organisationen, über die er einfach nur den Kopf schütteln kann.
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