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Neues Sachbuch
Die "Fakelore" der schwulen Szene
- 16. November 2011 4 Min.

In "Immer wieder samstags" hinterfragt Rainer Hörmann die Rituale und Mechanismen der Szene
Der Berliner Autor Rainer Hörmann rechnet in seinem neuen Buch "Immer wieder samstags" mit der Gay Community ab.
Von Angelo Algieri
"Oh nein! Bitte nicht einer dieser bitteren Schwulen, die über den jetzigen Zustand der schwulen Welt nur schwarz sehen!", so könnte man nach den ersten Seiten des Buchs "Immer wieder samstags" des Journalisten und Autors Rainer Hörmann, Jahrgang 1964, aufstöhnen. Der Titel ist zum einen die Anlehnung an sein vorhergehendes Buch "Samstag ist ein guter Tag zum Schwulsein" (2005 ebenfalls im Berliner Querverlag erschienen) und zum anderen an den Schlagerhit "Immer wieder sonntags" von Cindy & Bert.
Bereits im "verbalem Vorglühen", wie Hörmann sein Vorwort nennt, bereitet er den Leser pointiert und bissig-ironisch auf verschiedene unverstandene Entwicklungen vor: Etwa, dass die Gleichberechtigung der Homo-Ehe zu viele Ressourcen bindet. Oder den Überdruss medialer Jagd nach dem ersten schwulen Fußballer.
Vom "Christopher Street Day" zum kommerziellen "Pride"
Die ersten Kapitel werfen den Blick nach innen. So hinterfragt Hörmann beispielsweise Rituale oder Normen der Gay-Event-Kultur. Er unterscheidet hierbei zwischen Folklore und "Fakelore". Als Folklore im besten Sinne bezeichnet er den CSD. Hingegen wäre die Umbenennung der Parade in "Gay-Pride" eine "Fakelore", wenn die "Wurzeln und Herkunft so überformt sind", dass sie nicht sichtbar seien, so Hörmann. Pride diene nicht nur der besseren globalen Vermarktung, sondern er vermittle eine Haltung, ein Gefühl ohne Geschichte. Somit ein passives, sinnentleertes Konzept. Im Gegensatz zum Wort Christopher Street Day: Hier wird daran erinnert, wofür gerungen worden sei. Eine der starken Analysen dieses Buches.
Des Weiteren prangert der Autor die "Normierungs-Maschinerie" der Gay Community an. Wobei er vor allem an die institutionalisierte Anpassung denkt, wie etwa die Charta der Veranstalter des Kölner CSD, die seit 2009 von allen Wagen-Teilnehmern und Fußgruppen unterzeichnet und befolgt werden muss. Dadurch solle beispielsweise die eingeforderte Toleranz "nicht durch maßlose Provokation" strapaziert werden. Und wer sich an dem Werte-Kanon nicht halte, dem drohen Sanktionen. Es solle, so Hörmann, der gute Homosexuelle von oben auferlegt werden. Eine fatale Entwicklung.
So listet der in Berlin lebende Autor und Blogger viele seiner Aufreger auf. Neben der inneren Betrachtung, auch den Blick auf die Mehrheitsgesellschaft und ihren Blick auf uns. So verweist er etwa auf eine Kolumne von Henryk M. Broder, der sich von Schwulen bedroht fühlt. Folgerichtig konstatiert Hörmann Broder eine Minderheiten-Paranoia. Doch auch auf die einstigen Feindbilder scheint nicht mehr Verlass zu sein: Selbst die Würdenträger der katholischen Kirche haben nichts gegen Schwule und Lesben. Allerdings hauen sie regelmäßig auf sie ein, jedoch mit gewiefter Pressetaktik, wie Hörmann präzise aufzeigt. Die Diskriminierung geschieht so in subtiler und perfider Form.
Eingestreute Interviews u.a. mit René Powilleit und Bernd Gaiser

Rainer Hörmann ist als Redakteur, Lektor sowie in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig (Bild: Jim Baker)
Besonders hervorzuheben sind die vier Interviews, die zwischen den Kapiteln gestreut sind. Allen voran die mit René Powilleit und Bernd Gaiser.
Powilleit, Jahrgang 1988, engagiert sich nicht nur bei manCheck, IWWIT und ist in einem Unternehmen Betriebsratsvorsitzender, sondern er ist auch CDU-Mitglied. Ein hochspannendes Interview, das zeigt, wie sich Jungschwuppen entgegen der landläufigen Meinung in der Gesellschaft und Community engagieren.
Mit Gaiser, Jahrgang 1945, hingegen interviewt Hörmann einen älteren Schwulen. Gaiser ist Sprecher von "Lebensart Vielfalt" und Mitorganisator des queeren Mehrgenerationenhauses, das in Berlin entstehen wird. Darüberhinaus setzt er sich für einen Dialog zwischen jungen und älteren Schwulen ein. Ein aufschlussreiches Interview. So betont Gaiser, dass er für die jüngere Generation viel Verständnis habe, wenn sie sich noch nicht für das Altern interessiere: "Man lebt in den Tag hinein - was ich früher ja auch getan habe." Sympathisch und unverkrampft.
Trotz der teils guten Analyse von Phänomenen und Entwicklungen der schwulen Welt fällt Hörmanns Blick jedoch begrenzt auf die schwule Szene in den Großstädten, vorrangig Berlin und Köln. Spannend wäre noch zu erfahren, wie die schwule Welt sich in der "Provinz" entwickelt. Auch Schwule mit Migrationshintergrund kommen nicht vor. Hier wäre die Frage etwa, wie sich die schwule Welt mit ihr verändert. Des Weiteren kommt das Internet viel zu kurz vor sowie welche Entwicklungen hier abzusehen sind - jenseits von Gayromeo & Co. Bei aller Kritik über Mainstream-Veranstaltungen, warum verschont Hörmann den alternativen CSD oder alternative Veranstalter?
Dennoch: Hörmann erweist sich in diesem Buch erneut als analytischer Kritiker und Kommentator der schwulen Welt in den Großstädten. Dieses Buch ist ein Muss für jede kommende Homo-Diskussion!
Rainer Hörmann: Immer wieder samstags. Was die schwule Welt zusammenhält, 192 Seiten, Querverlag, Berlin 2011, 14,90 €
Buchpremiere am Mittwoch, den 23. November 2011 um 19 Uhr im Schwulen Museum Berlin, Mehringdamm 61, Kreuzberg, Eintritt frei.
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