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Walter Guttmann
Ein schwuler Jude überlebt das KZ
- 27. November 2011 4 Min.

Im von den Deutschen besetzten Amsterdam hatte er als Jugendlicher Sex auf Klappen, heute lebt er in einem Altenheim in der Nähe von Tel Aviv: Walter Guttmann (Bild: Männerschwarm)
Im Männerschwarm Verlag ist die ergreifende Lebensgeschichte von Walter Guttmann erschienen: "Ich wollte es so normal wie andere auch"
Von Angelo Algieri
"Vielleicht hat der Wunsch nach Erbsensuppe mich gerettet", so erklärt Walter Guttmann seinen unbändigen Lebenswillen, als er im Konzentrationslager Bergen-Belsen interniert war und in den letzten Monaten vor der Befreiung 1945 hungern musste.
Guttmann, Jahrgang 1928, ist in Duisburg als Kind jüdischer Eltern geboren und aufgewachsen. Das Jahr 1938 stellte nicht nur für die Juden in Deutschland allgemein eine Zäsur dar, sondern auch für den 10-jährigen Guttmann: Seine Mutter starb an Brustkrebs. Sein Vater wurde nach der Reichsprogromnacht ins KZ Sachsenhausen gebracht, zog sich eine Blutvergiftung zu und starb. Als Vollwaise kam er im Frühjahr 1939 mit dem Kindertransport nach Holland in eine jüdische Pflegefamilie in Haarlem unter. Bald hatte er erste homosexuelle Erfahrungen mit seinem fünf Jahre älteren "Stiefbruder" Paul - eine Sexbeziehung, die noch nach dem Krieg halten sollte.
Zwei Jahren nach dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 wurde Guttmann von den Nazis nach Amsterdam gebracht. Auf dem Schulweg dort hatte er seine "kleinen Freuden": Er ging in die Klappe und war sehr begehrt mit seinen 14, 15 Jahren. Er war "sehr sexbedüftig", erinnert sich Guttmann. Im September 1943 wurde er in das Durchlauflager Westerbork deportiert und auch dort stillte er sein Sexbedürfnis mit älteren Jungs. Anschließend sollte er erst wieder nach Kriegsende Sex haben. Denn ab Februar 1944 war er im Konzentrationslager Bergen-Belsen interniert.
Sowjetsoldaten befreien Guttmann aus dem "verlorenen Zug"

Anfang 1945 sollte Guttmann vom KZ Bergen Belsen ins Lager Theresienstadt gebracht werden - doch der Gefangenen-Zug ging "verlorenen" und wurde von der Sowjetarmee befreit (Bild: Wiki Commons / smial (talk) / GFDL-1.2)
Guttmann berichtet ab August 1944 von katastrophalen Zuständen im Lager: Essensrationierung, Läusebefall und die zunehmende Überfüllung des Lagers durch KZ-Häftlinge aus Auschwitz. Als die Alliierten immer näher rückten, entschlossen sich die Nazis Anfang April 1945, die KZ-Häftlinge nach Theresienstadt zu deportieren. Guttmanns Zug sollte später als der "verlorene Zug" in die Geschichte eingehen. Er kam beim brandenburgischen Dorf Tröbitz am 23. April zum Stehen. Sowjetsoldaten befreiten rund 2.000 Überlebende aus den Waggons, 600 Menschen überlebten die Reise nicht. Voller "Hunger und Rachegefühle" stürzten Guttmann und die anderen in das Dorf und plünderten die Keller mit Essensvorräten leer. So satt war er seit Monaten nicht.
Guttmann kehrte bald nach Holland zurück, ging wieder in die Schule und engagierte sich bei der linken zionistischen Jugendbewegung. Allerdings erkrankte er 1947 an Tuberkulose und erholte sich erst nach knapp drei Jahren. Seinen Schulabschluss machte er im Mai 1951. Danach arbeitete er eine Zeitlang in der Jugendbewegung und im israelischen Konsulat; 1955 studierte er Nationalökonomie in Rotterdam, wanderte dann 1958 nach Israel aus, wo er seitdem lebt. In Tel Aviv wurde er Bankangestellter bis Mitte der 1970er Jahre. Dann nahm er die holländische Entschädigungsrente an und arbeitete fortan ehrenamtlich. Seit 1999 lebt Walter Guttmann in einer Altersresidenz.
In Israel baut er sich einen schwulen Freundeskreis auf
Seine Homosexualität konnte und kann er in Israel gut ausleben. In den ersten Jahren im Verborgenen: auf Cruisingplätzen in Tel Aviv und Jerusalem. Nach und nach baute er sich einen schwulen Freundeskreis auf. Einen Freund, mit dem er zusammenlebte, hatte er nie. Doch er hatte einige Beziehungen und lebte nie monogam.
Bis 2006 glaubte er, dass er die Ereignisse im KZ gut verarbeitet hätte, doch dann kam der zweite Libanonkrieg: "Das war ein Krieg zu viel für mich", stellt Guttmann fest. Er bekam Angstzustände und Depressionen, die er seitdem nur mit Medikamenten lindern kann.
Wie Thomas Rahe, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, in seinem Nachwort respektvoll unterstreicht, müsste die Lebensgeschichte von Guttmann mehrere Bücher umfassen. Denn Guttmann erzählt nicht nur seine eigene Lebensgeschichte, sondern er erwähnt auch die seiner weitläufigen Verwandtschaft und Freunde, die er meist nur kurz umreißen oder andeuten kann.
Walter Guttmann erzählt mitreißend und offen

Das Buch ist als zehnter Band der Edition Waldschlösschen im Männerschwarm Verlag erschienen
Die beiden Herausgeber Michael Bochow und Andreas Pretzel haben Guttmanns spannende Lebensgeschichte, gespeist von selbst durchgeführten Interviews mit ihm, aufgeschrieben und leicht bearbeitet. Löblich: Sie haben den Ton und Rhythmus Guttmanns beibehalten. Dadurch wirkt der Text unmittelbar und authentisch. Denn Guttmann erzählt mitreißend und offen; kommt mit wenig emotionalen Worten aus. Und dennoch ist man ergriffen.
Hervorzuheben ist, dass Guttmann unter der Naziherrschaft seine Homosexualität entdeckte und auslebte. Darum vergleicht Herausgeber Pretzel folgerichtig diesen Text mit der Autobiografie "Und Gad ging zu David" von Gad Beck, einem jüdischen Widerstandskämpfer in Berlin. In seinem Buch erzählt er über seine homosexuellen Erfahrungen im Untergrund. Doch im Gegensatz zu ihm beschreibt Guttmann sein weiteres Leben nach 1945 mit bzw. trotz Holocaust.
Ich wünsche mir, dass die Veröffentlichung von Walter Guttmanns Lebensgeschichte anderen schwulen NS-Opfern Mut macht, ihm gleich zu tun. Viel Zeit bleibt nicht. Rudolf Brazda, der vermutlich letzte überlebende KZ-Häftling mit dem rosa Winkel, ist im August 2011 im Alter von 98 Jahren gestorben (queer.de berichtete). Weitere Erinnerungen schwuler Juden, Sinti, Roma und politisch Verfolgter würden dazu beitragen, dass verschiedene Facetten schwuler Geschichte(n) nicht verloren gehen und Eingang finden in das kollektive Gedächtnis.
Michael Bochow/Andreas Pretzel (Hrsg.): Ich wollte es so normal wie andere auch. Walter Guttmann erzählt sein Leben. Mit einem Nachwort von Thomas Rahe, Edition Waldschlösschen Band 10, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2011, 124 Seiten, 14 €, ISBN: 978-3-86300-102-5
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